MEDIENSZENE NRW

Böser Flurfunk im Ostwestfälischen

Dirk Baldus‘ Weggang von der Glocke beflügelt Gerüchte
9. August 2018, Werner Hinse

Die Glocke in Oelde, ein Traditionsblatt im Familienbesitz (siehe Kasten), macht eher selten von sich reden. Am ehesten schaut die Branche hin, wenn es um gewonnene Journalistenpreise geht oder darum, wie die kleine unabhängige Zeitung sich im „Glocke-Land“ behauptet, der Region zwischen den Erscheinungsgebieten des Hammer Anzeigers, der Westfälischen Nachrichten und der beiden Bielefelder Zeitungen, Neue Westfälische und Westfalenblatt.

Aber im vergangenen Jahr geriet die Glocke in eine böse Gerüchteküche, weil der stellvertretende Chefredakteur Dirk Baldus das Blatt überraschend und ohne weitere Erklärung verließ. Baldus hat seinen Weg gemacht, nach einer Zwischenetappe als Chef vom Dienst beim Soester Anzeiger arbeitet er seit Juli als Leiter der Redaktion bei der Lippischen Landes-Zeitung. Sein Abgang in Oelde zeigt allerdings, dass sich heute auch Traditionsverlage eine Strategie des Nichts-Sagens nicht mehr erlauben können.

Die Glocke in Oelde wurde 1880 von Engelbert Holterdorf gegründet. Sie ist bis heute unabhängig und im Besitz zweier Familienstämme.

Die Trennung zwischen Verlag und Redaktion, die in den 1920er Jahren in vielen Zeitungshäusern stattfand, wurde bei der Glocke bis heute nicht vollzogen. Nach der althergebrachten Konstruktion ist der Chefredakteur zugleich Geschäftsführender Gesellschafter und Verleger – zusammen mit Dirk Holterdorf von einem der beiden Familienstämme./whi

Die Glocke kennt eine besondere Art der Kommunikation: die Flurkonferenz. Wenn sie anberaumt wird, gibt es etwas zu sagen. Am 28. September 2017 gab Chefredakteur und Verleger Fried Gehring der gesamten Redaktion im Newsroom – also quasi über den Flur – bekannt, dass sein Stellvertreter Dirk Baldus nicht mehr zurückkommen werde. Begründung: keine. Baldus fehlte zu diesem Zeitpunkt seit ein paar Tagen – offiziell wegen Krankheit.

Eine journalistische Institution

„Wir waren von den Socken“, erzählt eine Mitarbeiterin. Denn Dirk Baldus war in Ostwestfalen eine journalistische Institution. Der End-Vierziger hat mehr als 28 Jahre für die Glocke gearbeitet, zunächst als Redakteur, später als Leiter der Lokalredaktionen, dann als stellvertretender Chefredakteur und damit Leiter der Zentral- und Lokalredaktionen. Für Leser und Bürger der Region war Baldus ein wichtiger Anker: ein bekanntes Gesicht, ein Stück Kontinuität. Alles das, was Lokaljournalismus ausmacht.

Wenige Tage nach der Bekanntgabe kam Baldus noch mal rein, räumte sein Büro und verabschiedete sich von den Kolleginnen und Kollegen, ohne viel zu sagen. Spätestens hier sträuben sich jedem Kommunikationsprofi die Nackenhaare. Denn nicht nur der rätselhafte Abgang des stellvertretenden Chefredakteurs wurde zum Thema im Flurfunk. Im Verbreitungsgebiet der Zeitung entstanden Gerüchte über die Glocke, die Gehring heute „einfach lächerlich“ nennt.

Trotzdem sah sich der Verleger durch öffentlichen Druck in Oelde schließlich zu einer Antwort genötigt und ließ sich im November 2017 in einem Text über die Vorgänge bei der Glocke mit den Worten zitieren: „Über das Ausscheiden des Herrn Baldus wurde die Belegschaft, wie in solchen Fällen üblich, durch die Geschäftsführung informiert. Eine solche Personalie wird nicht publiziert.“

Nun ist bei deutschen Tageszeitungen ein abrupter Wechsel in Chefredaktionen heute nicht mehr ungewöhnlich (wie zum Beispiel 2014 das plötzliche Ende der Ära Ulrich Reitz bei der WAZ zeigte). Ein kommentarloses Verschwinden aus der Spitze einer deutschen Redaktion ist im Zeitalter von Twitter und Co. trotzdem zumindest ungewöhnlich.

Das gilt auch für ein traditionsbewusstes Zeitungshaus wie den Verlag Holterdorf in Oelde. So ist es vermutlich auf dessen fehlendes Bewusstsein für seine Rolle im heutigen Medienmarkt zurückzuführen, dass die – zum Teil geschäftsgefähr­denden – Gerüchte über die Gründe des Baldus-Ausstiegs schließlich den Verlag, den Verleger und letztlich auch den Journalisten Baldus belasten. Auf Anfrage des DJV-JOURNALs begründete Fried Gehring diese eher patriarchalische Grundhaltung im Nachhinein damit, dass „das Eingehen auf Gerüchte unüblich wie falsch ist, die Situation für die Betroffenen eher weitere Gerüchte in Umlauf bringt“.

Schwerwiegende Gerüchte

Dabei hatte der damalige Klatsch es durchaus in sich und fand im November 2017 Niederschlag im Oelder Anzeiger, einem mit der Glocke konkurrierendem Onlineportal. Unter dem Titel „Was geht bei der Glocke vor?“ nannte der Text die Trennung von Baldus „spektakulär“ und stellte die Frage nach einem „heimlichen Wechsel an der Redaktionsspitze“. Noch schwerwiegender: Das Portal schlug einen Bogen vom (bereits 2016 vollzogenen) Verkauf der Buchhandlung Holterdorf zur aktuellen wirtschaftlichen Situation der Oelder Tageszeitung und deren sinkender Auflage und verband dies gleich mit der Frage nach möglichen Verkaufsabsichten. Als potenzielle Abnehmer nannte der Oelder Anzeiger verschiedene Wettbewerber: die Westfälischen Nachrichten aus Münster und die Neue Westfälische sowie das Westfalen-Blatt aus Bielefeld. Der Verlag der Westfälischen Nachrichten (Aschendorff) ist ja bereits am Westfalen-Blatt beteiligt.

Der Oelder Anzeiger bildete in seinem Text über die Glocke das Impressum vor Baldus' Weggang ab und verglich es mit dem neuen Impressum. | Screenshot oelder-anzeiger.de
Der Oelder Anzeiger bildete in seinem Text über die Glocke das Impressum vor Baldus‘ Weggang ab und verglich es mit dem neuen Impressum. | Screenshot oelder-anzeiger.de

Das Verhältnis zwischen Oelder Anzeiger und der Glocke ist konfliktreich: Baldus und seine Kollegen hatten seit Jahren mit dem Onlineportal und dessen Form von Bürgerjournalismus gerungen, zum Teil auch mit öffentlichen Richtigstellungen.

Entsprechend entschieden und eindeutig fiel im November 2017 Gehrings Statement im besagten Text über die Glocke als vermeintlicher Übernahmekandidat aus: „Wie sich Gerüchte entwickelt haben können, dass die Glocke verkauft werden soll, verstehe ich nicht. Wir stehen auf einem soliden finanziellen Fundament, legen größten Wert auf unsere Unabhängigkeit.“

Auftauchen nach langer Winterpause

Derjenige, dessen plötzliches Verschwinden überhaupt den Anlass für die Tuscheleien gegeben hatte, blieb erst mal verschwunden. Erst im Frühjahr 2018 tauchte Dirk Baldus nach einer langen Winterpause überraschend wieder auf: als Chef vom Dienst des Soester Anzeigers aus dem W. Jahn Verlag, an dem die Ippen-Gruppe (Hamm) beteiligt ist. Auch die Glocke arbeitet in Teilbereichen mit der Ippen-Gruppe zusammen. Aber lange hielt es Baldus nicht beim Soester Anzeiger.

Denn er bekam ein Angebot von der Lippischen Landes-Zeitung (LZ) in Detmold, die mit dem Gründungsdatum 1767 eine noch längere Tradition vorweisen kann als die Glocke. Rolf Freitag, seit vier Jahren Bereichsleiter Medien und Kommunikation bei der LZ und verantwortlich für Redaktion und Marketing sowie die Werbeagentur Giesdorf (WAG), holte Baldus als Redaktionsleiter.

Auch die Lippische Landes-Zeitung macht gerade von sich reden, aber aus anderen Gründen als die Glocke. Die LZ hat jüngst angekündigt, schleichend aus dem Tarifvertrag für Tageszeitungen auszusteigen. Über kurz oder lang sollen alle Redakteurinnen und Redakteure bei der tariflosen WAG angestellt sein (siehe Tarifflucht in Ostwestfalen).

Ein ähnliches Vorgehen hat Ralf Freitag bereits als Chefredakteur des Delmenhorster Kreisblatts (2001 bis 2014) erprobt. Damals gab es eine ausgegründete Redaktionsgesellschaft und ein Newsdesk-Experiment für den eigenen Zeitungsmantel. In einem Interview bei der Drehscheibe erklärte Freitag 2011: „Wir wollen uns nicht auf die kulturpessimistische Sichtweise einlassen, dass heutzutage keiner mehr Zeitung lesen will. Vielmehr führen wir die sinkenden Auflagenzahlen auf die falschen Inhalte zurück.“ Nur: Die Arbeit zu untertariflichen Konditionen hat die journalistischen Arbeitsplätze in Delmenhorst nicht sicherer gemacht. Ende 2012 musste „wegen der Branchenkrise“ ein Fünftel der Redakteure gehen, 2014 übernahm die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) das Delmenhorster Kreisblatt.

Erfahrung in der Mantelproduktion

Seit Juli arbeiten Rolf Freitag und Dirk Baldus nun im Lipperland unter einem Dach. Der Ex-Glöckner Baldus bringt nach jahrelanger Leitung der Mantelproduktion ein Pfund an Erfahrung mit. Bei der LZ kommt der Mantel bislang aus Bielefeld – seit 1965 besteht eine Kooperation mit Neuen Westfälischen. Über die Schwerpunkte seiner künftigen Arbeit wollte sich Dirk Baldus wenige Tage nach seinem Antritt in Detmold gegenüber dem JOURNAL noch nicht äußern.

In anderer Sache gab es aber eine Erklärung, für die sich Baldus mit seinem Ex-Verleger und -Chef Gehring zusammengetan hat. Denn die Gerüchte um seinen Abgang bei der Glocke laufen weiter munter um: So könnten Details, die aus ernstzunehmenden journalistischen Quellen kolportiert werden, auf ein tiefgreifendes Zerwürfnis um redaktionsinterne Anschaffungen und Dienstreisen hindeuten. Gehring und Baldus reagierten jetzt gemeinsam gegenüber dem JOURNAL und entkräften die Gerüchte, schon „um möglichen Schaden von der Person, aber auch von der lntegrität von Herrn Baldus abzuwenden“.

Gehring sieht hinter diesen Behauptungen „eine absolute Unkenntnis der Sachstände“ sowie eine „Böswilligkeit, einem Menschen um jeden Preis schaden zu wollen“. „Dem Wunsch von Herrn Baldus, in anderen Unternehmen höhere Positionierungen zu erreichen“, schrieb Gehring, „begegnete jeder in unserem Hause angesichts hoher Verdienste von Herrn Baldus um die Glocke mit Respekt.“

Respekt ja, nur die Kommunikation klappt in Oelde noch immer nicht. Beispiel? So bezog die letzte JOURNAL-Frage an Gehring sich darauf, dass er gegenüber dem Oelder Anzeiger jegliche Verkaufsgerüchte bezüglich der Glocke zurückgewiesen und den hohen Wert der Unabhängigkeit der Zeitung betont hatte: „Schließt dies in der Zukunft auch die Übernahme von Mantel-Zeitungsseiten oder eines kompletten Mantels für die Glocke ein?“ Die Antwort zeugte von – vielleicht auch gewolltem – Nicht-Verstehen: „Sie werden bitte von mir nicht erwarten, dass ich auf lhre Fragen bezüglich eines Onlineportals eingehe.“ ||

 

Ein Beitrag aus JOURNAL 4/18, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im August 2018.

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Lebenslanges Lernen ist für Journalisten notwendiger denn je – denn kaum eine andere Branche ist derzeit so im Wandel wie der Journalismus. Der DJV-NRW hat aus diesem Grund bereits 2009 ein Bildungsreferat eingerichtet. Damit möchte der Landesverband den Markt der journalistischen Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen transparenter machen: zum einen durch einen Überblick über aktuelle Angebote in NRW und zum anderen durch Impulse für neue Seminarthemen.

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