Thema | Bildjournalismus

Der Weg zur Kreativität

Auf der Suche nach dem besonderen Bild
13. August 2018, Damian Zimmermann

Im vergangenen Jahr wurden 1,2 Billionen Fotos aufgenommen. Man kann auch sagen: In jeder Minute produzieren wir heute so viele Fotos wie im gesamten 19. Jahrhundert. Der überwiegende Teil dieser Bilder wird mit dem Smartphone hergestellt, da ist natürlich sehr viel Belangloses dabei. In der professionellen Fotografie hingegen ist das Niveau deutlich höher als früher. Das führt zu der paradoxen Situation, dass man sich an gute Fotos gewöhnt hat. Der italienische Fotograf Frank Horvat sagte im WDR-Tischgespräch 2015: „Heute sehe ich fortwährend Fotos, die ich vor 50 Jahren als ein großartiges Foto bezeichnet hätte – aber heute lassen sie mich ziemlich gleichgültig. Wir verlangen heute mehr von den Fotografien und von den Fotografen.“

Von gottgleich zu beliebig

Gerade deshalb ist Kreativität heute vielleicht wichtiger als je zuvor – in der Fotografie wie in jedem anderen Bereich. „Kreativität ist zu einer Ideologie verkommen“, sagt der Philosoph und Kreativitätsforscher Karl-Heinz Brodbeck. „Kreativ waren früher ausgewählte, geniale Persönlichkeiten, die auf einen gottgleichen Rang erhoben wurden. Heute ist der Begriff längst demokratisiert, aber eben auch sehr beliebig geworden. Wenn man sich die Volkshochschulkurse anschaut, ist dort vom Häkeln bis zum Kochen plötzlich alles kreativ.“

Der Begriff Kreativität lässt sich bis zur Antike zurückverfolgen und beinhaltet, dass man etwas Neues macht und dieses Neue anschließend auch bewertet wird. „Das kann beim Kochen genauso passieren wie beim Fotografieren oder selbst beim Spazierengehen, wenn man sich eine neue Route ausdenkt und sie dann anschließend bewertet mit ,Die war schön‘. Das kann ein ganz alltägliches Phänomen sein“, erklärt Brodbeck, fügt aber auch gleich hinzu: „Es gibt natürlich sehr viele Grade von Kreativität.“ Die Instagram-Seite insta-repeat sammelt beispielsweise sehr ästhetische und vermeintlich kreative Fotos und zeigt durch Gegenüberstellung, dass im Grunde alle nur den gleichen Ideen und Bildmustern folgen. Auch „Malen nach Zahlen“ kann am Ende gut aussehen – kreativ ist es nicht.

Am besten ohne Vorgaben

Das ist auch ein Punkt, den der Kölner Fotograf Bernd Arnold in seiner täglichen Arbeit für ganz entscheidend hält, sofern er nicht frei für sich selbst arbeitet – ob bildjournalistisch oder künstlerisch, sondern im Auftrag. „Ich bin am kreativsten, wenn es vom Auftraggeber keine Vorgaben gibt. Aber das kommt selten vor. Es ist eher ein täglicher Kampf der Fotografen innerhalb der eigenen Systeme. Jedes System, jede Redaktion hat einen Auftrag im Kopf. Die Frage ist, inwieweit man sich bewusst ist, wie sehr man sich von den Anforderungen der Systeme beeinflussen lässt“, meint Arnold. Schließlich sei es ein Unterschied, ob er ein Thema für die Brigitte, den Stern, die ZEIT, den Spiegel umsetze. „Deren Erwartungen sind meine Grenzen. Dabei versuche ich möglichst offen, in die Geschichte reinzugehen.“

 

Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht am 18.9.2017 bei einer Wahlkundgebung in Siegburg: Bernd Arnold beschäftigt sich schon lange mit Wahlkampf, Macht und Ritualen. | Foto: Bernd Arnold
Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht am 18.9.2017 bei einer Wahlkundgebung in Siegburg: Bernd Arnold beschäftigt sich schon lange mit Wahlkampf, Macht und Ritualen. | Foto: Bernd Arnold

Im Redaktionsalltag passiert aber leider sehr oft das genaue Gegenteil – vor allem beim typischen Terminjournalismus: Da weiß man eigentlich schon, wie die Bilder aussehen werden, noch bevor der Fotograf zurück in der Redaktion ist. Zum Beispiel bei Scheckübergaben und Goldenen Hochzeiten. Oder bei Grundsteinlegungen respektive Richtfesten oder Umgehungsstraßeneinweihungen. Oder – vor allem im Rheinland – an Weiberfastnacht und Rosenmontag. „Seit Jahrzehnten wissen wir, was wir am nächsten Tag in den Zeitungen zu sehen bekommen: Zwei lachende Lappenclowns“, sagt Arnold gelangweilt bis genervt und sieht in diesen Wiederholungen „fast schon religiös aufgeladene Rituale“ der Redaktionen. „Aber Rituale vernebeln die Offenheit, sie sind das Gegenteil von Kreativität, weil sie Traditionen und festgelegten Pfaden folgen. Im Grunde produzieren wir Journalisten doch die immer gleichen Klischees. Der Einheitsbrei in der Bildsprache ist der Tod jeder Kreativität.“

Ein roter Knopf ohne Funktion

Stefan Worring kann dem nur zustimmen. Er hat 25 Jahre lang als festangestellter Fotograf beim Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet, seit zweieinhalb Jahren ist er stellvertretender Lokalchef. „Als ich 1990 beim Stadt-Anzeiger angefangen habe, gab es ganz viele von diesen Standard-Terminen“ erzählt er und lässt erkennen, wie wenig er davon gehalten hat. „Da wurde beispielsweise ein Großklärwerk in Betrieb genommen, das über Jahre hinweg für viele Hundert Millionen Mark modernisiert wurde“, erinnert er sich. „Dann gab es einen offiziellen Termin, die stellen da irgendeinen roten Knopf hin, der gar keine Funktion hat, und der Landesumweltminister, der Landeswirtschaftsminister, der Oberbürgermeister und der Regierungspräsident drücken auf den Knopf und sagen, dass sie das Ding jetzt starten. Das ist natürlich ein totaler Fake, und sie bestimmen, wie das Bild auszusehen hat, das am nächsten Tag in der Zeitung ist. Aber die Aufgabe der Zeitung ist es nicht, die Amtsnachrichten positiv zu verbreiten.“

Worring habe sich angewöhnt, zwar auch diese Standard-Fotos zu machen, damit ihm in der Redaktion niemand vorwerfen kann, dass sie das Bild nicht hätten. „Aber ich versuche immer auch andere Bilder zu liefern. Beim Klärwerk habe ich damals die modernisierten Sickergruben fotografiert, die sind so groß wie drei Fußballfelder. Ein Arbeiter auf dem Fahrrad fuhr im Gegenlicht dort entlang, und ich hatte ein super Foto. Über dieses Inhaltliche habe ich dann dafür gesorgt, dass ein Umdenken in der Redaktion stattfindet.“

Die andere Perspektive suchen

Sein einfachster, und dennoch sehr wirkungsvoller kreativer Trick sei der Perspektivwechsel. „Ganz oft macht ja schon der Standpunkt den großen Unterschied. Es gibt doch diese berühmte Szene aus dem Film ‚Der Club der toten Dichter‘, in der Robin Williams auf den Tisch steigt, um die Welt mit anderen Augen zu sehen. Und das ist das, was ein Fotograf immer machen muss – und sich auch mal hinlegen, hinhocken oder irgendwo drauf klettern. Oder einmal in eine Richtung zu fotografieren, in die die anderen nicht fotografieren.“ So hatte Worring in den 1990er Jahren Gardisten an Weiberfastnacht fotografiert – als sie an eine Kirche pinkelten. Das Foto wurde veröffentlicht und schlug nicht nur hohe Wellen, sondern führte langfristig auch zu einem Umdenken im Kölner Karneval, bis hin zum Wildpinkel-Verbot.

Mal die Blickrichtung wechseln: Worrings Bild von Gardisten, die an eine Kirche pinkelten, schlug 1990 hohe Wellen. | Foto: Stefan Worring
Mal die Blickrichtung wechseln: Worrings Bild von Gardisten, die an
eine Kirche pinkelten, schlug 1990 hohe Wellen. | Foto: Stefan Worring

Worrings Herangehensweise mit „Pflicht und Kür“ erfordert Neugier und große Routine. Ein Problem besonders für Fotojournalistinnen und -journalisten ist allerdings der Zeitdruck, unter dem sie sehr oft arbeiten. Ideen und Konzepte lassen sich in der künstlerischen Fotografie oder in der Werbung umsetzen, im Redaktionsalltag müssen Fotografen jedoch meist einfach auf das Geschehen reagieren. So auch Jonas Holthaus. Der Fotograf arbeitet viel für Magazine wie Rolling Stone, Musikexpress und 11 Freunde – und fühlt sich selbst gar nicht besonders kreativ. „Ich hatte im Studium schon das Problem, eine Idee zu haben. Das wurde dort aber extrem gefordert: Bevor man anfängt zu fotografieren, musste man ein Konzept vorlegen und die eigene Arbeit musste daran angepasst und geformt werden. Das hat mich total gestresst und überfordert.“

Mehr Zeit ist nicht immer besser

Heute mache er das genaue Gegenteil. „Du kannst mit dem dicksten Konzept ankommen, und es bringt dir nichts, denn ich habe oft sehr wenig Möglichkeiten und sehr wenig Zeit. Eine halbe Stunde ist schon viel. Mein kürzester Job war das ,Ich habe einen Traum‘-Porträt von Ed Sheeran für das Zeit Magazin. Zwischen dem ersten und dem letzten Bild lagen eine Minute und 52 Sekunden.“ Selbstkritisch gibt er aber auch zu: „Ich hätte aber auch Angst davor, mehr Zeit zu haben, denn dann müsste ich vorher auch genau wissen, was ich mache.“

Zur Inspiration schaut Holthaus sich Modefotografie an. Zudem interessieren ihn Kameraperspektiven, die man eigentlich nie in Porträtfotos sieht, beispielsweise die Untersicht, genauso wie Ganzkörperporträts mit einem 24er-Weitwinkelobjektiv – inklusive stürzenden Linien im Hintergrund. „Also alles, was man während des Studiums aus uns herauszukriegen versucht hat“, sagt er lachend. Neben einer guten Person seien der Ort und vor allem das Licht wichtig. „Wenn der Ort gar nichts hergibt, versuche ich den Raum auszublenden.“ An Technik nimmt Holthaus nur noch seine Kamera und eine Fahrradtaschenlampe mit. Keine Stative, keine Blitzgeräte, keinen Aufheller.

Bereit sein für den Zufall

Manchmal hilft auch etwas Unvorhergesehenes weiter, erzählt Holthaus. So wie bei seinem Porträt des Schauspielers Bob Odenkirk, als die Make-up-Frau als Silhouette im Bild auftaucht. „Ich warte auf solche Zufälle. Wenn ich mir zu viel vorgenommen habe, dann bin ich nicht mehr offen für das, was passieren kann. Ich springe jedes Mal ins kalte Wasser und schaue, ob ich darin schwimmen kann. Meistens klappt es. Ich mag es, wenn es irgendwie eine Störung im Bild, einen Bruch in der Fassade gibt. Und wenn ich mich von diesem ständigen Müssen lösen kann, das man uns an der Hochschule eingetrichtert hat.“

Den Zufall nutzen: Als die Make-up-Frau hinter Schauspieler Bob Odenkirk entlanghuschte, drückte Jonas Holthaus auf den Auslöser. | Foto: Jonas Holthaus
Den Zufall nutzen: Als die Make-up-Frau hinter Schauspieler Bob Odenkirk entlanghuschte, drückte Jonas Holthaus auf den Auslöser. | Foto: Jonas Holthaus

Das sieht auch Oliver Rausch so. Er war Dozent in den Niederlanden und ist Gründer der Fotoakademie Köln, in seiner Laufbahn hat er fast 1.000 Studenten unterrichtet. Gerade in Deutschland sei es schwer, den Studenten den sachlichen Blick abzutrainieren. In Holland sei das anders. Dort seien Studierende mit Bildern völlig anders aufgewachsen und hätten keine Probleme, die Perspektiven zu wechseln. Zudem wüssten sie, dass ein Bild auch introspektiv sein könne.

„Deshalb zeige ich meinen Studenten hier gerne Fotografen, die das Gegenteil von aufgeräumten, klaren und sehr konzeptionellen Fotos machen“, erzählt Rausch. „Ray’s a laugh“ von Richard Billingham und „Living Room“ von Nick Waplington beispielsweise, die heftige Geschichten erzählen und dafür auf noch heftigere Bildsprachen setzen. Oder Erwin Olaf und Sally Mann, Roger Ballen und Jan Saudek. Dass die Aufforderung zu Offenheit auf fruchtbaren Boden fällt, zeigt Rausch an Bildern seiner ehemaligen Schülerinnen Merle Hettesheimer und Nicole Tersteegen.

Oliver Rausch will seinen Studierenden den sachlichen Blick abtrainieren. Merle Hettesheimer (Bild links) und Nicole Steegen haben die Fotoakademie absolviert. | Fotos (2): Merle Hettesheimer (Bild l.), Nicole Steegen (Bild r.)
Oliver Rausch will seinen Studierenden den sachlichen Blick abtrainieren. Merle Hettesheimer (Bild links) und Nicole Tersteegen haben die Fotoakademie absolviert. | Fotos (2): Merle Hettesheimer (Bild l.), Nicole Tersteegen (Bild r.)

Bilder „lesen“ lernen

Grundsätzlich fordert Rausch, dass Schulen lehren müssten, wie man Bilder lese. „Ständig werden Schüler zu Textanalysen gezwungen, aber Bildanalysen finden gar nicht statt. Und dafür fehlt uns dann später die Sprache. Dabei werden Bilder immer häufiger zur Kommunikation eingesetzt.“

Zur Inspiration empfiehlt Rausch unter anderem Kenntnisse zur Fotogeschichte. Was haben andere gemacht, und was ist heute modern? „Es ist in Ordnung, wenn man seine Idole kopiert. Gerne auch mit Kitsch und Pathos und Symbolen. Da muss man als Fotograf vielleicht einfach durch wie durch die Pubertät“ – schließlich sei die ja bekanntlich eine Phase des Experimentierens und des Einreißens von Grenzen.

Wer allerdings aus sich selbst heraus nicht zu neuen Ideen kommt, dem helfen vielleicht Kreativitätsmethoden und -techniken weiter. Christian Buchholz ist Experte auf diesem Gebiet: Er ist Mitgründer und Geschäftsführer des Verrocchio Institute for Innovation Competence und bringt Kreativität in Unternehmen mit dem Ziel, Innovationen zu entwickeln. „Die Methoden sind aber ähnlich wie im kreativen Künstlerbereich, weil die Art zu denken die gleiche ist“, sagt er. Im August erscheint sein Buch „Das große Handbuch Innovation – 555 Methoden und Instrumente für mehr Kreativität und Innovation im Unternehmen“.

Eine Verknüpfung von zwei Nervenzellen

Der erste Schritt sei es, zu erkennen, dass wir alle Gewohnheitstiere sind. „Wir machen Dinge so, wie wir sie schon immer gemacht haben, und weil es deshalb einfacher ist“, erklärt Buchholz. Wer quer denken wolle, müsse das entweder trainieren. Oder aber eine der zahlreichen Methoden nutzen. „Inspiration ist dabei ein wichtiger Punkt. Inspiration zu tanken heißt immer, sich aus dem eigenen Alltag heraus zu begeben“, erklärt Buchholz. Inspirationsquellen können alles sein: Lesen, Museumsbesuche, Gespräche. „Vor allem aber sollte man sich mit Dingen beschäftigen, mit denen man sich normalerweise nicht beschäftigt. Neurowissenschaftlich betrachtet ist ein Gedanke eine Verknüpfung von zwei Nervenzellen. Und eine neue Idee ist die Verknüpfung von bekannten Dingen mit Neuem. Wenn ich das weiß, dann kann ich das aktiv in meinen Alltag integrieren.“

Das können auch Katja Stuke und Oliver Sieber bestätigen. Die beiden Künstler arbeiten seit fast zwei Jahrzehnten an gemeinsamen wie an eigenen Projekten und sind im ständigen Austausch miteinander. „Manchmal entstehen Sachen einfach aus dem Arbeiten heraus“, erinnert sich Stuke. „Unsere Arbeit ,Komori‘ ist entstanden, als wir in Leipzig unser Buch ,You and Me‘ gedruckt haben. Komori ist eine japanische Druckmaschine, die mit UV-Strahlen die Farbe auf dem Papier sofort trocknet. Das führte dazu, dass die Drucker zum Andrucken nicht immer wieder neues Papier nutzen mussten, sondern sie haben immer und immer wieder auf das alte Papier gedruckt. Dadurch wurden die vorhandenen Bilder überdruckt und es wurde eine fast schwarze Fläche erzeugt. Uns hat das sofort angesprochen, weil wir selbst viel mit Fotokopierern gearbeitet haben und weil es für uns ästhetisch reizvoll ist.“

Aus vorhandenen und neuen Erfahrungen entstand eine neue Idee: Die Insiration für die Arbeit „Komori“ lieferte eine japanische Druckmaschine. | Foto: Stuke Sieber
Aus vorhandenen und neuen Erfahrungen entstand eine neue Idee: Die Inspiration für die Arbeit „Komori“ lieferte eine japanische Druckmaschine. | Foto: Stuke Sieber

Erfahrung plus Idee

Hier ist eine bereits vorhandene Erfahrung, also die eigene Arbeit und der Umgang mit Kopierern, mit einer neuen Erfahrung in der Druckerei verknüpft worden, die zu einer Idee und schließlich zu einem neuen Werk geführt haben. Die einzelnen, unbewussten Zwischenschritte können die beiden Düsseldorfer Fotografen allerdings nicht rekonstruieren.

„Das Hirn verarbeitet die Informationen im Ruhezustand, also, wenn einem langweilig ist oder im Schlaf“, erklärt Christian Buchholz. „Häufig gehen wir mit Problemen ins Bett, und morgens haben wir eine Lösung. Eine Variante wäre also, Inspirationen zu sammeln und ein paar Tage darüber zu schlafen.“ Wichtig sei es, flüchtige Ideen aufzuschreiben und deshalb immer Papier und Stift zur Hand zu haben – in der Tasche und neben dem Bett. Denn: „Eine Idee, die nicht notiert ist, ist eine verlorene Idee.“

Wem dennoch keine Ideen kommen wollen, dem empfiehlt Buchholz Kreativitätsmethoden, die das Ziel haben, das Denken aus dem normalen Denkkorridor herauszuholen. Dafür nimmt man verschiedene Trigger. Eine Übung könnte beispielsweise sein, alle Fotos nur noch mit einem Weitwinkelobjektiv zu machen – auch, wenn es gar nicht passt. Weitere Techniken seien die Lexikon-Methode, die Analogie-Methode und die Perspektivwechsel-Methode (siehe Kasten unten).

Das Undenkbare als Grundlage

Karl-Heinz Brodbeck sieht Kreativitätsmethoden hingegen grundsätzlich kritisch. „Das Ziel einer Technik ist es, ein Ziel zu erreichen. Aber Kreativität schafft immer etwas Neues. Und es gibt keine Methode für ein unbekanntes Ziel. Es gibt keine Methode, um etwas Neues herzustellen – sonst wäre es ja nicht neu. Die Grundlage der Kreativität ist das Undenkbare.“ So habe eine empirische Untersuchung im ökonomischen Bereich ergeben, dass nur ein Prozent der Befragten durch Kreativitätstechniken zu neuen Ideen gekommen seien. „Ein Prozent hat aber auch gesagt, dass sie neue Ideen in der Badewanne bekommen haben. Aber 25 Prozent hätten neue Ideen beim Spazierengehen in der Natur bekommen.“

Dennoch, so Brodbeck, gebe es auch sinnvolle Techniken, die darauf abzielen, Hemmnisse, Vorurteile und Gewohnheitsmuster abzubauen, weil diese uns daran hindern, etwas Neues auszuprobieren. „Wenn ich aber wirklich etwas Kreatives machen will, dann muss ich aufhören, Experte zu sein. Und ein Künstler ist ein Experte mit vielen Fertigkeiten. Fertigkeiten sind Gewohnheiten, und Gewohnheiten kann man unbewusst wiederholen. Wir verwandeln uns in Gewohnheitsautomaten. Das ist gut, sonst können wir unseren Alltag nicht meistern. Aber es hindert uns, wenn es um Kreativität geht. Krisen können eine Wachheit hervorrufen. Deshalb sind Krisen historisch betrachtet auch Phasen, an die sich große kreative Prozesse anschließen.“

Wer aber nicht erst in eine Krise geraten will, kann sich seine eigenen Fähigkeiten bewusst machen. Erstens durch Verlangsamung der Routine. Und zweitens durch Abbau der eigenen Vorurteile: „Wir können nicht leer und rein auf die Dinge schauen, sondern haben immer ein Vorurteil. Wir sehen keine Farbmuster oder Formen, sondern wir erkennen Menschen, Dinge und Situationen wieder. Wir projizieren immer Begriffe auf Dinge, die wir wahrnehmen, weil wir sprachlich auf die sichtbare Welt losgehen. Dies müssen wir versuchen zu durchbrechen.“ Also das klassische Um-die-Ecke-Denken? „Nein, wir müssen lernen, ohne Ecken zu denken. Uns für alles öffnen und die Wände einreißen“, so Brodbeck.

Das klingt sehr radikal. Aber wirklich kreative Gedanken sind fast immer radikal.||

Methoden

Christian Buchholz empfiehlt:

Lexikon-Methode: Nimm ein Lexikon und suche wahllos einen Begriff aus. Dieser muss dann ins Bild integriert werden.

Analogie-Methode: Das Problem, das ich habe, wird abstrahiert. Ich soll ein Porträt von einer Person machen und überlege, wie sie wirken soll. Sie soll überlegen wirken. Welche Persönlichkeiten sehen auf Bildern überlegen aus? Napoleon zum Beispiel. Also übertrage ich das Verhalten und die Pose von Napoleon auf die Person, die ich fotografieren soll.

Perspektivwechsel-Methode: Gehe in deinem direkten Wohnumfeld extra langsam und fotografiere Details, auf die du bislang nicht geachtet hast. Oder fotografiere eine Stunde lang nur den Baum im Garten.

Katja Stuke und Oliver Sieber empfehlen:

Schweife umher: Die Situationisten hatten die Methode des Umherschweifens, die mit einer Schnitzeljagd verbunden war, also zum Beispiel: Laufe fünf Minuten in Richtung Sonne, biege nach links ab, wenn du etwas Rotes siehst, trinke einen Kaffee, folge einem Paketboten und rede mit der ersten Person, die gelbe Schuhe trägt und porträtiere sie.

Oliver Rausch empfiehlt:

Wechsel die Perspektive: Fotografiere eine Situation aus verschiedenen Blickwinkeln, zum Beispiel eine Party aus der Sicht eines Betrunkenen, einer Tanzenden, eines Barkeepers und eines Türstehers, und überlege, welche Gestaltungstechniken wichtig sind.

Gib die Kontrolle ab: Fotografiere Snap Shots aus der Hüfte. Die Ergebnisse sind nie zufällig, aber sie sind nicht mehr so kontrolliert, als wenn du durch den Sucher schaust.

Schule deine Vorstellungskraft: Stell dir dein Bild vor und mach eine Zeichnung davon. Gerne kurz bevor man einschläft. Und immer auch das Notizbuch neben dem Bett liegen haben für spontane Einfälle und Träume.

Das Licht sehen lernen: Laufe durch die Stadt und suche nach unterschiedlichen Lichtarten wie Seitenlicht, Rembrandt-Licht und hochfrontalem Licht. Das schult das Auge für alle Situationen und macht den Alltag interessanter.

 

Ein Beitrag aus JOURNAL 4/18, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im August 2018.

 

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Lebenslanges Lernen ist für Journalisten notwendiger denn je – denn kaum eine andere Branche ist derzeit so im Wandel wie der Journalismus. Der DJV-NRW hat aus diesem Grund bereits 2009 ein Bildungsreferat eingerichtet. Damit möchte der Landesverband den Markt der journalistischen Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen transparenter machen: zum einen durch einen Überblick über aktuelle Angebote in NRW und zum anderen durch Impulse für neue Seminarthemen.

Die Arbeit des Referates gliedert sich in zwei Schwerpunkte: An erster Stelle steht die Kooperation des DJV-NRW mit Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen. Diese bieten DJV-Mitgliedern Seminare und Workshops zu vergünstigten Konditionen an (ein Überblick findet sich auf der folgenden Seite). Zweitens konzipiert das Bildungs-­referat auch eigene Seminare zu gewerkschaftlichen und berufsspezifischen Themen. „Der DJV-NRW versteht sich dabei ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu den Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen“, sagt Bettina Blaß, Bildungsbeauftragte beim DJV-NRW. „Wir beobachten die Veränderungen und Tendenzen im Journalismus und bieten darauf zugeschnittene Seminare an, um unsere Mitglieder fit für die Zukunft zu machen“, erklärt sie.

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