MEDIENSZENE NRW

WDR nach #metoo und vor dem Kulturwandel

Ziel: ein offenes, wertschätzendes Miteinander
9. August 2018, red.

Seit April muss der WDR sich mit Belästigungsvorwürfen auseinandersetzen (siehe Nicht lockerlassen, JOURNAL 3/18). Nachdem die Aufklärung zunächst langsam in Gang kam, setzte der Sender unter anderem auf Dialogveranstaltungen zu #metoo und dem Thema Machtmissbrauch, überarbeitete die Dienstvereinbarung gegen sexuelle Belästigung und schuf eine neue externe Anlaufstelle. Als unabhängige Gutachterin wurde die ehemalige EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies für den Auftrag bestellt. Sie soll untersuchen, wie der Sender und vor allem die Senderspitze mit den Vorwürfen sexueller Belästigung umgegangen sind.

Zwei Mitarbeitern wurde mittlerweile fristlos gekündigt. Einer von ihnen ging selbst an die Öffentlichkeit: Gebhard Henke, der entlassene Fernsehspielchef des WDR, bestreitet die Sexismusvorwürfe und sieht sich als Bauernopfer. Der Vorwurf: Intendant Tom Buhrow und Fernsehdirektor Jörg Schönenborn hätten wegen der öffentlichen Vorwürfe der zögerlichen Aufklärung unter Druck gestanden und das an ihm ausgelassen. Der WDR hatte Henke Mitte Juni gekündigt. Mitte Juli teilte der Sender mit, man habe sich auf eine gütliche Beilegung des Arbeitsrechtsstreits geeinigt und sei übereingekommen, über den weiteren Inhalt der Vereinbarung keine Auskünfte zu geben.

Nicht komplett zu verhindern

Für die Zukunft strebt der Sender „ein besseres Frühwarnsystem“, wie Verwaltungsdirektorin Dr. Katrin Vernau im monatlichen Magazin WDR Print erklärte. Jedem im WDR müsse klar sein, dass der Sender sexuelle Belästigung nicht dulde. „Dennoch werden wir solche Vorfälle im Einzelfall auch künftig nicht komplett verhindern können – aber wir müssen sicherstellen, dass unsere Unternehmenskultur solchen Vorfällen systematisch vorbeugt.“ Dazu nennt sie unter anderem ein neues Schulungsformat, das in die Ausbildung integriert werden soll. Junge Menschen müssten erfahren, „dass sie nicht abhängig und wehrlos sind, wenn ihnen Unrecht widerfährt“. Man sei auch mit dem Personalrat im Gespräch, „um dessen Sichtweise auf Probleme und Lösungsansätze einzubeziehen“.

Grundsätzlich bezeichnete Vernau den Umgang im WDR als „sehr starke und gute Kultur“. Diese müsse weiterentwickelt werden, „um ihr jeglichen Nährboden für unbotmäßiges Verhalten zu entziehen“. Der Kulturwandel sei ein fortlaufender Prozess. Ziel sei ein offenes, wertschätzendes Miteinander. Die Debatte habe dazu geführt, „dass wir darüber sprechen, wie wir dieses herstellen können“. Als Ansatzpunkte nannte sie Stellen, „wo Machtmissbrauch – und darum geht es ja letztlich bei sexueller Belästigung – aufgrund von Abhängigkeitsverhältnissen möglich ist“ und wo es „Konflikte in der Führung und Zusammenarbeit“ gebe. Generell müsse man sich immer wieder über die „Spielregeln“ verständigen und wie man damit umgehe, wenn diese nicht eingehalten würden. Das Thema gehe deutlich über die #metoo-Debatte hinaus, erklärte Vernau. Es sei „eine Debatte, die auch in anderen Organisationen läuft und die auch etwas mit der Veränderung unserer Arbeitswelt durch die Digitalisierung zu tun hat“.

Dass noch nicht alle Beschäftigten mit dem Umgang des WDR mit #metoo zufrieden sind, zeigt ein Schreiben ohne Absenderangaben, das nach Berichten des Branchendienstes DWDL unter anderem an die Mitglieder des Rundfunkrats ging. Die anonyme Verfasserin ist nach eigenen Angaben WDR-Mitarbeiterin und fordert Fernsehdirektor Jörg Schönenborn auf, Konsequenzen aus den #metoo-Fällen im Sender zu ziehen. Schönenborns Vertrag läuft im Frühjahr 2019 aus, ebenso der Vertrag von Hörfunkdirektorin Valerie Weber. Die Entscheidung über eine Verlängerung beider Verträge war ursprünglich für die Rundfunksrat-Sitzung im Mai geplant. Buhrow hatte aber erklärt, dass er dem Rundfunkrat den entsprechenden Vorschlag erst vorlegen werde, wenn Monika Wulf-Mathies ihren Bericht abgeschlossen habe. ||

 

Ein Beitrag aus JOURNAL 4/18, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im August 2018.

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