Untersuchungen zeigen, dass mittlerweile etwa jeder siebte Deutsche Podcasts hört. | Foto: txt
 
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Wer nicht lesen will, kann hören

Podcasts eröffnen Medienmachern neue Möglichkeiten
9. August 2018, Stanley Vitte

Die Geschichte des Podcastings ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Als es um die Jahrtausendwende möglich wurde, Mediendateien über das Internet zu abonnieren, sahen viele eine Revolution des Hörfunks voraus: Das Broadcasting für den iPod, kurz Podcasting, ermöglichte erstmals grundsätzlich den Audiokonsum wann und wo man wollte, nicht-linear und on demand. Das New Oxford American Dictionary kürte Podcast bereits 2005 zum Wort des Jahres, aber wirklich massentauglich wurden Podcasts erst, seit man sie mit Hilfe einfacher Apps und per Kopfhörer auf dem Smartphone konsumieren kann.

Marktpotenzial, Zielgruppen und Hör-Gewohnheiten

Um das Missverständnis zu bereinigen: Eine Revolution ist das immer noch nicht. Verglichen mit klassischem Rundfunk bedienen Podcasts auch heute noch eher ein Nischenpublikum. Aber diese Nischen wachsen ständig und haben einen besonderen Reiz. Ein Blick in die Marktforschung zeigt, dass mittlerweile etwa jeder siebte Deutsche Podcasts hört. Typische Hörerinnen und Hörer von Podcasts sind relativ jung, gebildet und einkommensstark. Sie hören ihre abonnierten Podcast-Folgen regelmäßig, alleine und „meistens bis zum Ende“. Diese Eigenschaften machen sie nicht nur für die Werbeindustrie interessant, sondern auch für Musik-Plattformen wie Spotify und Audible. Und der Aufstieg der Smartspeaker wie Amazon Echo, Google Home oder Apple Homepod könnte auch dem Podcasting weitere Vertriebskanäle eröffnen (vgl. JOURNAL 3/18: Das neue Hören).

Bunte Mischung: Auf der Seite podcast.de steht die Bitcoin-Info neben dem WDR Zeitzeichen. | Illustration: Screenshot
Bunte Mischung: Auf der Seite podcast.de steht die Bitcoin-Info neben dem WDR Zeitzeichen. | Illustration: Screenshot

Für Journalistinnen und Journalisten dürfte vor allem reizvoll sein, hier ausnahmsweise keinen kleinteiligen „snackable Content“ abzuliefern, wie es an vielen Stellen des Internets üblich ist, sondern eher einer treuen Hörerschaft einzelne Themen in aller Tiefe näherzubringen: Eine durchschnittliche Podcast-Folge dauert zwischen 30 und 80 Minuten.

Im Prinzip funktionieren Podcasts ähnlich wie Blogs: Man erschafft mit relativ wenig Aufwand eine eigenständige, unabhängige Online-Publikation, mit deren Hilfe man die eigene Expertise bekannter machen kann (Prinzip: Selbstvermarktung). Darüber hinaus ist der deutsche Podcast-Markt noch relativ offen. Zwar podcasten viele um der Veröffentlichung willen, aber es gibt erste Kolleginnen und Kollegen, die – über Sponsoring, Crowdfunding oder Auftragsproduktionen – damit Geld verdienen.

Glossar

iTunes: Apples Plattform für Audio- und Videodateien
on demand: auf Nachfrage. Der Nutzer konsumiert Medien, wann und wo er will.
Podcast: Eine Reihe von Audiobeiträgen, die man durch einen RSS-Feed online abonnieren kann
Podcaster: eine Person, die Podcasts erstellt
Podcatcher: eine Software, mit der Laien Podcasts abonnieren und auf mobile Geräte herunterladen können
Podosphäre: die Gemeinschaft aus Podcastern und ihren Hörern
Plug-In: Zusatzmodul und Funktionserweiterung für bestehende Software
Kapitelmarken: Markierungen innerhalb einer Podcast-Folge erlauben dem Hörer, zum nächsten Kapitel zu springen.
RSS-Feed: Der Nachrichtenticker für die Ohren – die Zusammenstellung aus abonnierten Mediendateien
Shownotes: schriftliche Begleitinformation zum Audio-Podcast

Einstieg in die Welt des Podcastings: suchen, finden, zuhören

Einen ersten Überblick über die deutsche Podcast-Szene verschaffen Portale wie iTunes oder Spotify, Webseiten wie fyyd.de oder wissenschaftspodcasts.de sowie sogenannte Podcatcher (siehe Glossar) wie PocketCasts oder PodcastAddict, um nur einige zu nennen. Zu entdecken ist eine heterogene Gruppe an Akteuren: Privatpersonen und Einzelunternehmer sind hier ebenso vertreten wie Parteien, Verbände oder Großkonzerne. Der Dortmunder „Nordstadt-Reporter“ Felix Huesmann podcastet genauso wie der Pastoralreferent Mark Bothe, Kabarettist Torsten Sträter genauso wie die Kölner Journalistin Nora Hespers, die 2018 direkt zweifach für den Grimme-Preis nominiert war. Das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung ist nur einen Klick entfernt von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Fitness-Influencer Muskelpedia.

„Was denkst du denn“ heißt der Podcast, den Journalistin Nora Hespers mit der Philosophin Rita Malzberger macht. | Illustration: Screenshot
„Was denkst du denn“ heißt der Podcast, den Journalistin Nora Hespers mit der Philosophin Rita Malzberger macht. | Illustration: Screenshot

Entsprechend vielseitig ist die Palette der Formate: Zu hören sind Vorträge einzelner Sprecher ebenso wie Gespräche unter Freunden oder Kollegen. Die einen produzieren hörspielartige Dokus, die anderen publizieren ungeschnittene Experten-Interviews, Sportberichte aus Fanperspektive, Polittalks oder „Aufnahmen aus dem Wald“ [http://holzweg.me]. Thematisch wie stilistisch scheint es kaum Grenzen zu geben. Typisch Internet. Das wird auch beim Podcastpreis für die populärsten deutschsprachigen Podcasts deutlich, der im Jahr 2019 zum dritten Mal verliehen wird. Doch was genau macht einen Podcast erfolgreich?

Der Podcast „Auf dem Holzweg“ berichtet aus dem Wald. | Illustration: Screenshot
Der Podcast „Auf dem Holzweg“ berichtet aus dem Wald. | Illustration: Screenshot

Erfolgsrezept: Erst denken, dann reden

Henning Bulka gab im Juni 2018 bei der Durchstarten-Tagung (#durchstarten18) des DJV-NRW [Link aktueller Text] einen Workshop übers Podcasting. Der gelernte Online- und Hörfunkjournalist arbeitet bei RP Online als Audience-Engagement-Redakteur und hat bei den erfolgreichsten Podcasts drei Gemeinsamkeiten ausgemacht: Persönlichkeit, spitzes Thema und spitze Zielgruppe. Sprich: „Je genauer man sich überlegt, für wen genau man was genau produzieren will, und je mehr man als Person durch Stimme, Wissen und Leidenschaft für dieses Thema überzeugt, desto höher ist das Erfolgspotenzial.“

Ähnlich wichtig erscheint die Überlegung, wann und in welchem Kontext der Podcast gehört wird, denn daraus können sich ebenfalls Konsequenzen für die Produktion ergeben: Der morgendliche Aufwacher-Podcast von RP Online beispielsweise ist deutlich kürzer und „news-flashiger“ als die oft mehrstündigen Gesprächs-Features des Wissenschafts-Podcasts „Methodisch Inkorrekt“, der in der Regel eher abends oder am Wochenende gehört wird.

Gute Tipps für Einsteiger hat auch Thorsten Runte, der bereits seit 14 Jahren podcastet. Als Vorsitzender des im Ruhrgebiet ansässigen deutschen Podcastvereins schult er regelmäßig Neulinge und Quereinsteiger und sprach beim Journalistentag 2017 erstmals vor journalistischem Publikum. Sein Rat: „Macht Euch nicht mit der Auswahl des Equipments verrückt, solange ihr das Handwerk noch nicht beherrscht: Sprechen.“ Er empfiehlt deshalb, die ersten Aufnahmen grundsätzlich mit der Sprachmemo des Smartphones zu machen, um sich mit der eigenen Stimme und dem freien Sprechen vertraut zu machen.

Fachbücher

Annik Rubens: Podcasting – das Buch zum Audiobloggen (O’Reilly 2006)
Brigitte Hagedorn: Audiobearbeitung mit Audacity (mitp 2014)
Dennis Horn & Daniel Fiene: Das Podcast-Buch (Franzis 2007)
Krisz Rokk: Die Podcasting-Goldgrube (Strength in Business 2014)

Software, Hardware und Übungen für Einsteiger

Als weitere niedrigschwellige Herangehensweise empfiehlt Runte kostenlose Apps wie Anchor, Spreaker, Upspeak oder Overpod, weil sie relativ spielerisch durch den Prozess aus Aufnahme, Produktion und Publikation führen und auch bei absoluten Beginnern schnell erste Erfolgserlebnisse erzeugen. Erst wenn das gelingt, sei zu überlegen, ob man ein ordentliches Reportermikro fürs Handy anschafft, Mikrofone mit USB-Anschluss für den Laptop besorgt oder einen mp3-Rekorder plus Headsets bevorzugt: „Je genauer man weiß, in welchem Setting man seine Podcasts aufnehmen will, desto eher ergibt sich die Wahl der geeigneten Gerätschaften“, erklärt der erfahrene Podcast-Coach.

Ähnliches gelte für die erforderliche Software: Zwar sei heute dank Digitalisierung schon vieles für relativ kleines Geld möglich, was einst professionellen Tonstudios vorbehalten war, etwa die Telefonschalte in Studioqualität. Einsteigern rät Runte allerdings, sich erst einmal mit günstigen und übersichtlichen Schnittprogrammen am Desktop vertraut zu machen, die kein technisches Vorwissen erfordern. Dazu gehören etwa die kostenlose Open-Source-Anwendung Audacity sowie vor allem der unter Digitaljournalisten beliebte Multi-Track-Editor Hindenburg Journalist.

Wer dann mit dem Ergebnis seiner Produktion zufrieden sei, müsse sich nur noch für eine Form der Veröffentlichung entscheiden. „Publisher wie Podigee oder podcast.de bieten nicht nur günstigen Webspace, sondern erzeugen auch den für Podcasts essenziellen RSS-Feed, den man bei Plattformen wie iTunes oder fyyd eintragen kann und mit dessen Hilfe jeder den Podcast downloaden und abonnieren kann“, fasst Runte zusammen. Fortgeschrittene Podcaster würden ihre fertigen Podcasts zwar auch noch in ihre Webseiten integrieren, etwa durch Plug-Ins für die Blogger-Software WordPress, aber für Podcast-Einsteiger sei das weder Hürde noch Pflicht: „Das Wichtigste am Podcasting ist und bleibt die Veröffentlichung des gesprochenen Wortes.“

Stanley Vitte ist Autor, Referent und Medientrainer und lebt in Düsseldorf. Ehrenamtlich engagiert er sich beim DJV-NRW und beim Podcastverein.

Weiterführende Links

Einen Versuch wert: Podcasting-Software
anchor.fm
sourceforge.net/projects/audacity
hindenburg.com
overpod.com/de
spreaker.com
upspeak.de

Lesenswert: News und Tipps aus der Podcasting-Szene
sendegate.de
hotpodnews.com
sandro-schroeder.de/podcasts-audio-newsletter

Hörenswert: Podcasts über das Handwerk des Podcastings
der-lautsprecher.de
podcast-helden.de/podcasts
vierohren.de/category/aufnahme/

Einen Besuch wert: Podcast-Kongresse
podcamp.de
podstock.de
das-sendezentrum.de/subscribe

Ein Beitrag aus JOURNAL 4/18, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im August 2018.

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Verlagsveröffentlichung - Branchenspecial

Aus- und Weiterbildung für Journalisten

Lebenslanges Lernen ist für Journalisten notwendiger denn je – denn kaum eine andere Branche ist derzeit so im Wandel wie der Journalismus. Der DJV-NRW hat aus diesem Grund bereits 2009 ein Bildungsreferat eingerichtet. Damit möchte der Landesverband den Markt der journalistischen Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen transparenter machen: zum einen durch einen Überblick über aktuelle Angebote in NRW und zum anderen durch Impulse für neue Seminarthemen.

Die Arbeit des Referates gliedert sich in zwei Schwerpunkte: An erster Stelle steht die Kooperation des DJV-NRW mit Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen. Diese bieten DJV-Mitgliedern Seminare und Workshops zu vergünstigten Konditionen an (ein Überblick findet sich auf der folgenden Seite). Zweitens konzipiert das Bildungs-­referat auch eigene Seminare zu gewerkschaftlichen und berufsspezifischen Themen. „Der DJV-NRW versteht sich dabei ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu den Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen“, sagt Bettina Blaß, Bildungsbeauftragte beim DJV-NRW. „Wir beobachten die Veränderungen und Tendenzen im Journalismus und bieten darauf zugeschnittene Seminare an, um unsere Mitglieder fit für die Zukunft zu machen“, erklärt sie.

Weitere Informationen:
Bildungsbeauftragte Bettina Blaß freut sich über Fragen und Anmerkungen zum Thema Weiterbildung.
Tel.: 0221 48535326
E-Mail: bettina.blass@djv-nrw.de

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