JOURNALISTENTAG

Algorithmen mit ideellem Auftrag

Wie öffentlich-rechtliche Mediatheken die Nutzer erreichen wollen
16. Dezember 2019, Uwe Tonscheidt

Es gibt Algorithmen mit betriebswirtschaftlichem Ziel: Geld zu verdienen, damit das Geschäftsmodell funktioniert. Und es gibt Algorithmen mit ideellem Auftrag für eine funktionierende Demokratie. Die finden zum Beispiel Einsatz in den Mediatheken von ARD und ZDF. Wie die Sender selbst sollen diese mit einem vielfältigen Medienangebot Menschen informieren, unterhalten und zu ihrer Bildung beitragen. Wie sich das auf den Einsatz von Algorithmen auswirkt, das erläutern beim Journalistentag in Dortmund ZDF-Technikchef Andreas Grün und ard.de-Redaktionsleiter Thomas Laufersweiler im Gespräch mit Moderator Kay Bandermann.

Wie Algorithmen Content ausspielen, erläuterten (v.l.) Andreas Grün, Kay Bandermann und Thomas Laufersweiler. | Foto: Udo Geisler
Wie Algorithmen Content ausspielen, erläuterten (v.l.) Andreas Grün, Kay Bandermann und Thomas Laufersweiler. | Foto: Udo Geisler

„Wir haben den Auftrag, alle Menschen zu erreichen”, erläutert Laufersweiler. Die Öffentlich-Rechtlichen und ihre Mediatheken sollen die „Teilhabe an der gesellschaftlichen Entwicklung, an der politischen Meinungsbildung” ermöglichen und Unterstützung leisten beim Erschließen der vorhandenen Medienvielfalt. Bei aller Personalisierung bedeute das auch, „dass man Menschen nicht in eine maßgeschneiderte algorithmische Zwangsjacke steckt, wo Filterkammern und Echoblasen immer kleiner werden”. Im Gegenteil erhalten ARD und ZDF ihr Geld dafür, dass „Menschen mit Ideen konfrontiert werden, die nicht ihre eigenen sind”.

„Der beste Algorithmus”, findet der ARD-Journalist, „ist immer noch eine erfahrene Redaktion”. Deren personelle Kapazität sei allerdings begrenzt. „Wir haben in der ARD-Mediathek manchmal mehr als 150.000 Videobeiträge gleichzeitig.” Ohne technische Unterstützung gehe es nicht. Umgekehrt sei es aber auch erforderlich, den Technikeinsatz zu personalisierten Empfehlungen stetig durch die Redaktion zu kontrollieren: „Wir müssen bei Algorithmen überprüfen, ob sie der Vielfalt des Angebots gerecht werden.”

Eine anspruchsvolle Aufgabe, die nicht einfach zu bewältigen ist, erläutert Andreas Grün. An guten Tagen verzeichnen die Mainzer 3,2 Mio. Videosichtungen. Die ZDF-Mediathek verfügt schon länger über das Angebot zur Personalisierung. Eine Erkenntnis war in dieser Zeit: Das, was es an Algorithmen auf dem Markt gab, funktionierte für den öffentlich-rechtlichen Auftrag „mehr schlecht als recht”. Deswegen hatte das ZDF entschieden, in Eigenentwicklung zu investieren. Der heutige Algorithmus beschert angemeldeten Nutzerinnen und Nutzern beim Aufrufen der Mediathek ein personalisiertes Empfehlungsband mit Vorschlägen, die auch, aber eben nicht ausschließlich das bisherige Nutzerverhalten berücksichtigen. „Diese Personalisierung ist freiwillig und kann abgeschaltet werden”, erläutert Grün für die ZDF-Mediathek.

Die ARD will das noch strikter handhaben, erläutert Laufersweiler: „Man muss sich aktiv dafür anmelden, sonst gibt es das nicht.” Die Personalisierung des Mediathekangebots ist bei der ARD im Aufbau. „Das ZDF ist uns da eine ganz große Nasenlänge voraus”, so Laufersweiler.

„Ich finde es erschreckend, dass Sie jetzt schon mit den Algorithmen so krass arbeiten“, lautet ein Wortbeitrag aus dem Auditorium. Ansonsten scheint der Diskussionsbedarf in diesem Forum gering. Offenbar können viele mit der öffentlich-rechtlichen Aufgabenstellung beim Algorithmusthema wenig anfangen. „Kalter Kaffee“, sagt sich ein Tageszeitungskollege, der fast ein Dutzend Redaktionsschließungen mit- und überlebt hat, steht auf und wechselt ins Parterre zu Erfrischungen und Heißgetränken. Nach seinen Erfahrungen diskutieren seine Kolleginnen und Kollegen die Auswirkungen von Algorithmen und digitalen Erkenntnissen anders. Zum Beispiel, wenn Wünsche des Verlags kommen, doch für redaktionelle Beiträge zu sorgen, die nach digitalen Erkenntnissen für mehr Probeabos sorgen. Geld verdienen, damit das Geschäftsmodell Zeitung (wieder) funktioniert.||

Ein Beitrag in Ergänzung zu JOURNAL 6/19, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Dezember 2019.

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Aus- und Weiterbildung für Journalisten

Lebenslanges Lernen ist für Journalisten notwendiger denn je – denn kaum eine andere Branche ist derzeit so im Wandel wie der Journalismus. Der DJV-NRW hat aus diesem Grund bereits 2009 ein Bildungsreferat eingerichtet. Damit möchte der Landesverband den Markt der journalistischen Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen transparenter machen: zum einen durch einen Überblick über aktuelle Angebote in NRW und zum anderen durch Impulse für neue Seminarthemen.

Die Arbeit des Referates gliedert sich in zwei Schwerpunkte: An erster Stelle steht die Kooperation des DJV-NRW mit Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen. Diese bieten DJV-Mitgliedern Seminare und Workshops zu vergünstigten Konditionen an (ein Überblick findet sich auf der folgenden Seite). Zweitens konzipiert das Bildungs-­referat auch eigene Seminare zu gewerkschaftlichen und berufsspezifischen Themen. „Der DJV-NRW versteht sich dabei ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu den Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen“, sagt Bettina Blaß, Bildungsbeauftragte beim DJV-NRW. „Wir beobachten die Veränderungen und Tendenzen im Journalismus und bieten darauf zugeschnittene Seminare an, um unsere Mitglieder fit für die Zukunft zu machen“, erklärt sie.

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