HOW-TO

Dem Druck widerstehen

16. Dezember 2025, Corinna Blümel
Ein vierköpfiges Podium von der Seite her fortorgarfiert. Zu sehen sind drei Männer und eine Frau.
Führen Bedrohung und zeitlicher Druck zur Selbstzensur? Das diskutierten auf dem Journalistentag in Dortmund unter Moderation von Horst Kläuser (v.l.) Andreas Lamm vom ECPMF, die freie Journalistin Konstanze Nastarowitz und WDR-Chefredakteur Stefan Brandenburg. | Udo Geisler

Das European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF) in Leipzig dokumentiert Übergriffe auf Medienschaffende europaweit (siehe dazu auch „Mehr Sicherheit: Was zu tun ist“). Wie sich Bedrohung und Einschüchterung auf Berichterstattung vor allem im Lokalen auswirkt und welche Maßnahmen dagegen helfen können, hat das JOURNAL mit dem Geschäftsführer Andreas Lamm besprochen.

JOURNAL: Manche Berichterstattung ist nachträglich mit großen Aufwand verbunden. Und zwar nicht etwa, weil unsauber gearbeitet wurde, sondern weil bestimmte Themen automatisch negatives Feedback hervorrufen, von missmutigen Mails über Hasskommentare bis hin zu Bedrohung und Einschüchterung. Redaktionen wissen das in der Regel schon, während sie die Themen planen. Wie stark beeinflussen solche erwartbaren Reaktionen die Berichterstattung?
Andreas Lamm: Nicht nur der einzelne Journalist, die einzelne Journalistin wägt diese „Folgekosten“ ab. Auch Redaktionen überlegen, worüber sie wie berichten. Das führt im schlechtesten Fall tatsächlich zur Schere im Kopf: Manche Themen werden gemieden oder zumindest nicht vertieft behandelt.

JOURNAL: Welche sind das?
Lamm: Das Themenfeld rund um Korruption und auch andere investigative Themen finden zum Beispiel oft zu wenig journalistische Aufmerksamkeit, weil unter anderem mit Einschüchterungsklagen – sogenannten SLAPPs – zu rechnen ist. Und großes Potenzial für Ärger bietet natürlich jegliche Berichterstattung über polarisierende Themen und ganz besonders über die politisch extremen Ränder.

JOURNAL: Letzteres ist ja oft mit Bedrohung und Schmähungen verbunden. Welche Entwicklung beobachtet das ECPMF in diesem Bereich?
Lamm: Beschimpfungen, Bedrohungen und sogar tätliche Angriffe finden vorwiegend im Umfeld von Demonstrationen statt. Das Gefährdungspotenzial, das vor einigen Jahren von Corona- und Querdenken-Demos ausging, zeigt sich inzwischen bei denen zum Nahostkonflikt. Aber den Medienschaffenden sind diese Risiken bewusst, die Redaktionen haben sich inzwischen darauf vorbereitet, und auch die Polizei hat dazugelernt. Das trägt zu einer verbesserten Situation für Medienschaffende bei, kann das Risiko jedoch nie vollständig ausschließen. Bei den anderen Sachverhalten können wir leider keine Verbesserung festellen.

JOURNAL: Sie sagen, die Redaktionen haben sich darauf vorbereitet. Dazu gehören Tipps wie: auf Presseweste und dicke Kamera verzichten, damit man nicht als Presse identifizierbar ist. Eine andere Empfehlungen lautet: nicht alleine oder im Extremfall mit Security zur Demo gehen. Aber lässt sich das überhaupt durchhalten?
Lamm: Nicht immer. Große Medienhäuser, vor allem die Sender, sind meist gut aufgestellt. Aber bei anderen hakt es an den Ressourcen. Gerade kleine Lokalredaktionen haben oft nicht mal die personelle Ausstattung, um Termine doppelt zu besetzen. Im ländlichen Raum lässt sich auch die Anonymität nicht wahren, weil sich vor Ort alle kennen: Selbst wenn Text oder Bilder ohne Namensnennung veröffentlicht würden, wüssten die Menschen doch, wer berichtet hat.

Hinzu kommt, dass man sich im gleichen sozialen Umfeld bewegt: Man steht hintereinander an der Supermarktkasse, die Kinder besuchen die gleiche Schule. Und dann wird vielleicht mal der Autoreifen zerstochen. Zum Glück wird inzwischen gesehen, dass diese latente Bedrohung individuell eine besondere Herausforderung darstellt und dass dafür Unterstützung gewährleistet werden muss.

JOURNAL: Manche der Regionen, in denen die extreme Rechte stark präsent ist, sind auch gerade die, in denen lokale Berichterstattung schwächelt, weil Medienhäuser sich zurückziehen. Was bedeutet das für Gesellschaft und Demokratie?
Lamm: Das ist ein großes Problem, denn genau dieser Rückzug schafft Raum für die Narrative von Akteurinnen und Akteure mit ganz eigenen Interessen. Das gilt ganz besonders für die Regionen, in denen die etablierten Medien sowieso kritisch gesehen werden. Das zeigen die Erfahrungen unter anderem aus den USA, wo in ländlichen Regionen schon länger blinde Flecken bestehen. Und dort hat sich auch erwiesen: Was einmal für den Journalismus verloren ist, kann in der Regel nicht zurückgeholt werden.

JOURNAL: Was also ist zu tun? Welche Maßnahmen sind erforderlich, damit die Schere im Kopf nicht greift?
Lamm: Wir haben für mehrere Ebenen identifiziert und dazu Handlungsempfehlungen veröffentlicht: Die Medienhäuser, aber auch die Sicherheitsbehörden und die Wissenschaft sind in der Pflicht (siehe Kasten Seite 8).

JOURNAL: Fangen wir mit den Medienhäusern an. Mal jenseits der gefährlichen Demos: Was sollten die für den journalistischen Alltag beachten?
Lamm: Zu den Aufgaben der Medienhäuser gehört es unter anderem, für die Recherche schwieriger Themen ausreichend Ressourcen und Zeit zur Verfügung stellen. Je mehr Gegenwind zu erwarten ist, desto gründlicher müssen Redaktionen ja arbeiten – und das heißt eben auch: Sie brauchen die Voraussetzungen, um so gründlich arbeiten können. Schließlich muss alles juristischer Überprüfung standhalten, von der Recherche über einzelne Formulierungen im Beitrag bis hin zur Bildauswahl.

JOURNAL: Wie wichtig ist, dass sich der oder die Einzelne unterstützt fühlt?
Lamm: Sehr wichtig, und das betrifft weit mehr als moralischen Rückhalt. Den vermissen übrigens Freie oft, wie wir aus Befragungen wissen. Journalistinnen und Journalisten – ob angestellt oder frei im Auftrag eines Mediums unterwegs – müssen sicher sein, dass sie bei diesen Themen volle juristische Rückendeckung haben und bei Bedarf auch psychologische Unterstützung bekommen. Nur dann können sie sich den Mut leisten, mit dem sie für Medienfreiheit und Demokratie einstehen.

JOURNAL: Was müssen Sicherheitsbehörden besser machen?
Lamm: Auch wenn die Polizei dazugelernt hat, sind weitere Schulungen sinnvoll. Das betrifft vor allem die Einsatzkräfte der Bereitschaftspolizei, die bei Demos und politischen Versammlungen für die Sicherheit der Berichterstattenden sorgen müssen. Aber die größere Sensibilität für deren Gefährdungslage gilt sich nicht nur für solche Einsatzlagen oder die Berichterstattung im direkten Nachgang. Manche Journalistinnen und Journalisten werden ja weit umfänglicher angegangen. Deswegen gilt grundsätzlich: Wer im Zusammenhang der journalistischen Arbeit bedroht wird, braucht feste Ansprechpersonen bei den Sicherheitsbehörden, an die er oder sie sich wenden kann.

JOURNAL: Das klingt alles sinnvoll, aber es sind lauter Einzelmaßnahmen. Gibt es denn auch eine große Linie?
Lamm: Ja, Grundsätzlich müssten Politik und Sicherheitsbehörden sich noch strukturierter um das Problem medienfeindlicher Angriffe kümmern. Daher fordern wir, den strafrechtlichen Schutz von Medienschaffenden zu verbessern und die Übergriffe separat zu erfassen.

Erst wenn diese Zahlen in der Kriminalstatistik ausgewiesen werden, entsteht ein klares Bild über die tatsächliche Bedrohung. Darauf muss die Gesellschaft dringen, denn sonst droht letztlich eine schleichende, aber fortschreitende Einschränkung der Pressefreiheit.||

Ein Beitrag aus JOURNAL 4/25, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Dezember 2025.