MEDIENSZENE NRW

Eine Zeitung zwischen den Stühlen

BBV bezieht Mantel ab 2019 wieder aus Düsseldorf
10. August 2017, Werner Hinse

Das Bocholt-Borkener Volksblatt bezieht den Mantel ab 2019 wieder aus Düsseldorf
Geschichte wiederholt sich doch – zumindest in Bocholt und für Volker Morgenbrod, der seit 27 Jahren für das Bocholter-Borkener Volksblatt (BBV) im Bocholter Temming-Verlag arbeitet. In eineinhalb Jahren erlebt der BBV-Redaktionsleiter zum zweiten Mal, wie der Lieferant des Zeitungsmantels wechselt. Nur noch bis Ende 2018 will das BBV mit seinem Traditionslieferanten zusammenarbeiten, den Westfälischen Nachrichten (WN) und dessen Aschendorff Verlag in Münster.

Zum Jahresbeginn 2019 soll der Mantel für Morgenbrod und sein 20-köpfiges Redaktionsteam von der Rheinischen Post (RP) in Düsseldorf kommen – wie schon von 1999 bis 2009. Und ähnlich wie damals düpierte das 1871 gegründete Verlagshaus unter Leitung von Jörg Terheyden auch diesmal die Münsteraner gegen Ende einer Dekade der Zusammenarbeit.

Das Bocholter-Borkener Volksblatt bezieht seinen Mantel ab 2019 wieder von der RP. Illustration: Screenshot
Das Bocholter-Borkener Volksblatt bezieht seinen Mantel ab 2019 wieder von der RP. Illustration: Screenshot

Der Temming-Verlag teilte Ende Juni auf Seite eins kurz und knapp „In eigener Sache“ mit, dass er im „redaktionellen und technischen Bereich sowie im überregionalen Anzeigengeschäft“ zur RP wechseln werde. Man betonte, „dass die beiden Partner dabei völlig selbstständig bleiben“.

Fast gleichlautend informierte die RP in ihrer Mitteilung. „Ich freue mich sehr über die Wiederaufnahme dieser Partnerschaft und das Vertrauen, das Verleger Jörg Terheyden der Rheinischen Post entgegenbringt“, wird Karl Hans Arnold als Vorsitzender der RP-Geschäftsführung darin „zur erneuten Zusammenarbeit beider Häuser“ zitiert.

Auflagenplus für die RP

Die RP hat allen Grund zur Freude. Denn das BBV bringt eine Auflage von mehr als 20.000 Exemplaren mit (verkaufte Auflage nach IVW 1/2017), davon mehr als 19.900 im Abo. Die Zeitung, die in Bocholt, Rhede, Isselburg, Anholt, Hamminkeln und Dingden erscheint, hat in Bocholt seit Mitte der 1970er Jahre eine Monopolstellung. Ihr früherer Verleger Rolf Terheyden war von 1984 bis 1992 Präsident der deutschen Zeitungsverleger (BDZV) und später Ehrenpräsident.

Für die Westfälischen Nachrichten, die Rolf Terheyden zu seinem Tod 2016 als „große Verlegerpersönlichkeit“ priesen, ist der Vorgang dagegen wenig erfreulich. Ihnen droht ein Verlust von rund neun Prozent der Auflage mit entsprechend sinkender Anzeigenreichweite. Bislang liegt die verkaufte Auflage des Mantels für die Zeitungsgruppe Münsterland (ZGM) bei rund 229.000 Exemplaren (IVW 1/2017) und bewegte sich moderat abwärts. Zudem wird dem Aschendorff Verlag der Druckauftrag fehlen.

Die Münsterschen Verleger, Dr. Benedikt Hüffer und Eduard Hüffer, hat die Entscheidung des Bocholter Verlegerkollegen Jörg Terheyden wohl kalt erwischt. Sie schrieben in einer Mitteilung an ihre Mitarbeiter, dass „die Entscheidung sehr überraschend und zu diesem Zeitpunkt unerwartet“ gekommen sei. Sie seien von „aus unserer Sicht laufenden, vertrauensvollen Vertragsverhandlungen“ über die Verlängerung der Zusammenarbeit ausgegangen.

Historisch gewachsener Verbund im Münsterland

Im Münsterland hat sich bis heute eine Struktur mit ungewöhnlich vielen kleineren Tageszeitungsverlagen erhalten. Neben Bocholt gibt es in Borken, Rheine, Ibbenbüren, Coesfeld und Dülmen selbstständige Verlage, die zum Teil schon während der Weimarer Republik zusammenarbeiteten. Dieser Verbund ist Grundlage der heutigen Zeitungsgruppe Münsterland (ZGM). Das Bocholter-Borkener Volksblatt ist die größte unter diesen münsterländischen Heimatzeitungen. Allerdings sind verkaufte BBV-Auflage und Abos nach IVW-Zahlen seit 1998 um mehr als 21 Prozent gesunken. Dass das BBV 1999 zeitweilig aus dem Münsterland-Verbund ausgeschieden war, um mit der RP zu kooperieren, war laut Medienatlas NRW darin begründet, dass die Ausrichtung auf Düsseldorf „höhere Anzeigenumsätze versprach“.

Über die IVW-Abo-Zahlen lassen sich die Reaktionen der Leser auf den damaligen Richtungswechsel des BBV nachvollziehen. Der erste Wechsel zur RP kostete 798 Stammleser. Die Aboquote sank in den ersten zwei Jahren (Quartale 1/99 zu 4/00) um 3,15 Prozent. Erst fünf Jahre später zeigte die IVW-Aufstellung dann im Vergleich der vierten Quartale wieder ein Pluszeichen in der Abospalte. 2009 bei der Rückkehr des BBV zu Aschendorff ist wiederum ein ähnlicher Ausschlag abzulesen: 616 Leser oder 2,72 Prozent kündigten damals ihr Abonnement (Quartale 1/09 zu 4/10).

Eine Besonderheit in der Region um Bocholt: Die Bürger richten ihr Informationsinteresse etwa gleich stark auf die Zentren Münster und Düsseldorf aus. Denn mitten durchs BBV-Erscheinungsgebiet verläuft mit der Hamminkelner Issel eine historische Grenzlinie, die es schon seit der Römerzeit gibt. Heute treffen in dieser Region die Vertriebsgebiete großer Tageszeitungsverlage aufeinander und gewährleisten eine Printvielfalt, die in Nordrhein-Westfalen einzigartig geworden ist. So erscheinen in Hamminkeln neben dem BBV auch die NRZ und die RP. In der Nachbargemeinde Schermbeck treffen sogar vier Lokalausgaben von WAZ, Ruhr Nachrichten, RP und NRZ aufeinander.

Allerdings ist die Abonnentenzahl des BBV im ersten Quartal 2017 mit 19.909 „erstmals unter eine magische Marke gerutscht“, wie Berthold Blesenkemper, ehemaliger BBV-Redakteur und Lokalblogger („Made in Bocholt“) schrieb. Er liefert damit einen möglichen Hintergrund zum Wechsel nach Düsseldorf. Nun müssen die Düsseldorfer den Bocholtern wirklich das bieten, was RP-Geschäftsführer Arnold in seiner Presseinformation als „Verpflichtung“ nannte: „die hohen Erwartungen in die redaktionelle Qualität, die technische Dienstleistung und die digitalen Angebote zu erfüllen“.||

 

Ein Beitrag aus JOURNAL 4/17, dem Mitglieder- und Medienmagazin des DJV-NRW.

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