Nachgefragt

Nicht aufwiegeln, sondern deeskalieren

13. April 2022, Sascha Fobbe
Foto: Martin Jepp
Foto: Martin Jepp

Seit dem 24. Februar bestimmt der Ukraine-Krieg mit seinen Folgen die Nachrichtenlage. Neben dem Kriegsgeschehen geht es zunehmend um die Menschen, die das Land verlassen und auf Hilfe angewiesen sind. Was gilt es bei der Berichterstattung über beide Aspekte des Themas zu beachten? Das JOURNAL hat mit Marlis Prinzing gesprochen, Medienethikerin und Professorin für Journalistik an der Macromedia Hochschule in Köln. Zu ihren Schwerpunkten gehört die Kriegsberichterstattung.

JOURNAL: Frau Prinzing, momentan scheinen sich alle Medien einig zu sein: Putin ist schuld am Krieg, und der Ukraine sowie den Geflüchteten muss geholfen werden. Fehlt es aus Ihrer Sicht an journalistischer Distanz?

Marlis Prinzing: Das ist ein ganz wichtiges Thema. In einem Krieg hat man es mit teilweise mindestens fragwürdiger Propaganda zu tun – und über kurz oder lang auch mit Kriegsverbrechen von beiden Seiten. Zur Professionalität von Journalismus gehört, auf einer entsprechenden Distanzposition zu bleiben. Auch wenn eine Seite moralisch im Recht ist, bleibt das Grundprinzip bestehen: Journalismus muss die nötige Distanz zu politischen und militärischen Gegnern wahren und Handlungen sowie Aussagen aller Seiten überprüfen und einordnen.

Im konkreten Fall ist es unstrittig, dass es sich um einen Angriffskrieg Putins auf die Ukraine handelt. Dem muss man nicht die russische Propagandaposition entgegensetzen, um ausgewogen zu berichten. Dennoch sollten Journalistinnen und Journalisten die ukrainische Politik nicht uneingeschränkt positiv bewerten. Ich beobachte, dass ein Teil der Medien den Eindruck erweckt, als seien wir, also Deutschland, aber auch die NATO, unmittelbar beteiligt an diesem Krieg. Das finde ich schwierig: Auch hier sollten wir klar differenzieren.

JOURNAL: Sie sprechen da Springer-Chef Mathias Döpfner an, der in einem Kommentar die NATO zum Kampfeinsatz aufgefordert hat.

Prinzing: Genau. Es ist auf alle Fälle sehr, sehr kritisch zu sehen, wenn einer der größten europäischen Verleger zu etwas aufruft, das zudem regelwidrig ist, dass nämlich Deutschland und andere Länder notfalls auch im Alleingang Truppen in die Ukraine schicken sollten. Und das dann auch noch in der BILD mit ihrer großen Reichweite. In diesem Duktus geht es weiter, insbesondere in den Springer-Medien. Dort wird häufig in die Richtung berichtet und kommentiert, dass wir jetzt nicht nur humanitäre Hilfe leisten sollen, sondern auch militärische. Die möglichen Folgen bis hin zu einem dritten Weltkrieg werden als sekundär dargestellt. Diese Art von kriegstreiberischer Ausrichtung ist nicht die Aufgabe von professionellem Journalismus in Deutschland.

Vielleicht noch zur Klarstellung: Die Kritik bezieht sich auf das Verständnis der Aufgabe von Journalismus. Es ist legitim, dass der ukrainische Präsident Wolodimyr Selenskyj alles tut, um für Unterstützung seiner Position zu werben, dass die NATO eine Flugverbotszone über seinem Land einrichten solle.

JOURNAL: Was genau ist die Aufgabe von Journalismus?

Prinzing: Die kritische Beobachterposition, die Einordnung. Ich muss als Journalist, als Journalistin, einordnen, was Selenskyjs Rede am 17. März im deutschen Bundestag bedeutet. Ich muss einordnen, was es bedeutet, wenn ein ukrainischer Botschafter den deutschen Bundeskanzler zu einer Regierungserklärung auffordert, und meinem Publikum sagen, wo eigentlich die Befugnisse eines Botschafters enden. Ich muss sachgerecht berichten, also Informationen und Bildmaterial verifizieren und überprüfen. Und ich muss dem Publikum gegenüber die Einschränkungen in der journalistischen Arbeit transparent machen: Zum Beispiel wenn man, was in Kriegen oft vorkommt, fast nur auf der einen Seite recherchieren kann oder wie etwa im Irakkrieg, „embedded“ wird, also an der Seite einer Partei an die Frontlinien fährt. Es gilt, die Entwicklungen auf dem Kriegsschauplatz ebenso zu thematisieren wie die Möglichkeiten am Verhandlungstisch. Nicht aufwiegeln, sondern deeskalieren ist gerade in Krisen- und Kriegssituationen eine wichtige Aufgabe von Journalismus: Interessengegensätze herausarbeiten und erklären, wie ein Konflikt entstanden ist und differenzieren zwischen der Verantwortung des Regimes und der russischen Gesellschaft. Das ist auch wichtig für das weitere Miteinander von russischen und ukrainischen Bürgern und Bürgerinnen in unseren Gesellschaften.

JOURNAL: Wollen Sie darauf hinaus: Das ist nicht die russische Gesellschaft an sich, die diesen Krieg verursacht hat, und schon gar nicht sind es die Menschen, die hier in Deutschland leben?

Prinzing: Ja – und auf das Humanitäre. Viele Menschen und auch viele Medien sagen: Man muss den Menschen helfen, die aus der Ukraine flüchten, es gibt wieder eine Willkommenskultur. Wir sollten durch differenzierte Berichterstattung dazu beitragen, dass nicht ein weiteres Mal schon bald wieder wenig davon übrig ist.

JOURNAL: Aber wie können das die Medien machen? Vielleicht auch mögliche negative Folgen im Blick haben?

Prinzing: Ja. Und achtsam sein. Gabor Steingart hat bei Hart aber Fair behauptet, dieses Mal werde es besser klappen mit der Integration als 2015, weil jetzt Christen kommen. Das sind diskriminierende Zuschreibungen, die sich so nicht halten lassen, und das sind auch nicht die Kriterien, weshalb Integration und humanitäre Hilfe gelingen oder nicht.

JOURNAL: Momentan sind sich aber alle Medien in ihrer positiven Grundstimmung gegenüber den Geflüchteten einig. Wir kommen wir denn aus dieser fehlenden Distanz heraus?

Prinzing: Man muss schon unterscheiden zwischen einer akuten Notlage, wo man einfach helfen muss, und einem Konzept, wie man Integration mittel- und langfristig hinbekommt. Jetzt ist es wichtig zu berichten, welche humanitäre Hilfe notwendig ist, wie man aktuell selbst helfen kann und so weiter. Aber immer mit Distanz. Es ist heikel, wenn eine Redaktion selbst quasi aktivistisch eine Hilfsaktion organisiert. Es macht einen Unterschied, ob der Organisator beispielsweise ein karitatives Unternehmen ist oder auch ein Medienhaus – und Redaktionen dabei jeweils in der Rolle der Berichterstattenden bleiben.

JOURNAL: Aktivismus wird Journalistinnen und Journalisten ja auch bei der Klimaberichterstattung vorgeworfen.

Prinzing: Man muss unterscheiden zwischen der Themenebene und der Ebene diverser Akteure und Aktionen. Das eine ist, das Thema Erderwärmung als ein ernsthaftes globales Problem anzusehen, das alle angeht und bei dem alle aktiv werden müssen. Mache ich jedoch mit einer Bewegung ein Sonderheft, wie dies der STERN mit Fridays for Future getan hat, dann ist dann ein Schulterschluss mit einer der in diesem Themenfeld aktiven Gruppierungen.

Ein weiteres Beispiel: Journalistinnen  und Journalisten in demokratischen Gesellschaften sind natürlich Anwälte der Demokratie, die sich aktiv für diese einsetzen sollten, wenn zentrale demokratische Institutionen erodieren. Das heißt noch lange nicht, sich mich mit einer bestimmten Partei zu verbinden. Man muss unterscheiden zwischen einer Themenebene und Protagonisten eines Themas. Ähnlich verhält es sich bezogen auf die Unterstützung für die aus der Ukraine flüchtenden Menschen: Humanitär zu helfen ist was anderes als zu sagen, egal was ihr macht, wir finden es immer gut.

JOURNAL: Wenn wir über kritische Distanz reden: Schauen Sie eher auf die lokale und regionale Berichterstattung oder doch mehr auf das große Ganze?

Prinzing: Es ist immer bedeutsam, sich die unterschiedlichen Ebenen anzusehen. Auf der Ebene der internationalen Berichterstattung haben wir es jetzt mit Kriegsjournalismus zu tun. Reporterinnen und Reporter, die eigens in die Ukraine gefahren sind, schildern uns die akuten Kämpfe und ihre Folgen. Wir brauchen aber auch die Einordnungskompetenz von Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten, die schon lange dort sind und die wissen, was ein bestimmtes Land, sei es jetzt die Ukraine, sei es jetzt Russland, in seinem Innern umtreibt.

Hinzu kommen die internationale und die deutsche politische Ebene. Themen, die uns global beschäftigen, treiben uns oft auch auf der lokalen und regionalen Ebene um. Hier kann Journalismus seine sozialen Funktionen wahrnehmen: zum Beispiel Menschen hier in Deutschland, die entsetzt sind über das durch diesen Krieg entstehende menschliche Leid und helfen wollen, Anregungen liefern, wo und wie sie sich einsetzen können. Aber auch die Journalistinnen und Journalisten brauchen Handreichungen etwa vom Dart Center, wie sie mit teils traumatisierten Geflüchteten umgehen sollen oder auch mit Situationen, die sie selbst möglicherweise als traumatisierend erleben.

JOURNAL: Im Prinzip also über alle Ebenen: Handwerk beachten, recherchieren, nachfragen, gucken und mit Menschen trotzdem empathisch umgehen.

Prinzing: Genau. Lange Zeit war man im Informationsjournalismus der Auffassung, dass Seriosität und Emotionen einander ausschlössen. Da ist man glücklicherweise zu einer anderen Auffassung gelangt. Die Herausforderung besteht darin, Gefühle öffentlich so zu vermitteln, dass die Betroffenen nicht dabei vorgeführt werden.

JOURNAL: Mit der Trennung von Seriosität und Emotionen beziehen Sie sich auf dieses oft falsch zitierte oder falsch wahrgenommene Zitat von Hanns Joachim Friedrichs, das er so nie gemeint hatte?

Prinzing: In gewisser Weise. Es gibt einen Unterschied, ob ich mich für ein bestimmtes Thema, das uns alle angeht, wie Klima oder Demokratie, auf der Grundlage eines gesicherten Wissensfundaments engagiere oder für eine bestimmte Interessenvertretung innerhalb dieses Themenfelds.

JOURNAL: Sie beobachten viele Medien intensiv. Sind Sie denn auf weitere Fälle von Berichterstattung gestoßen, die aus Ihrer Sicht gar nicht gehen?

Prinzing: Ein sehr spezielles Beispiel war ein Kommentar im RedaktionsNetzwerk Deutschland von Matthias Koch. Er schrieb, dass Putin nun wirklich wahnsinnig sei und zog einen Psychiater heran, mit dem er kurz vor dem Krieg und jetzt erneut gesprochen habe. Der Journalist hatte sich auch – bezogen auf den möglichen Einsatz von Atomwaffen – eine Einschätzung geben lassen, was Putin alles zuzutrauen sei. Eine solche psychiatrische Ferndiagnose ist total verwegen. Zum einen aus der journalistischen Perspektive heraus: Hier wird offenbar ein Psychiater zum „opportunen Zeugen“ gemacht, der anscheinend fortführt, was der Journalist denkt. Zum anderen will man diese Ferndiagnosen auch aus der Perspektive der Psychiatrie nicht haben.

Es gibt ein historisches Beispiel aus dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf von 1964. Barry Goldwater war einer der Kandidaten, und es gab eine Initiative von mehr als Tausend Psychiatern, die behaupteten, er sei nicht geeignet, amerikanischer Präsident zu werden. Die Amerikanische Psychologische Gesellschaft erließ daraufhin die sogenannte Goldwater-Regel, dass solche Ferndiagnosen nicht akzeptabel seien. Koch bezog sich sogar auf dieses Goldwater-Beispiel und erklärte, dass sie im Falle Putins nicht gelte. So geht professioneller Journalismus meiner Einschätzung nach nicht vor. Welche Funktion soll es haben, Wahnsinns-Ferndiagnosen zu stellen über jemanden, der Regierungschef ist und eine riesige Entscheidungsmacht hat? Was nutzt es, wenn man sich hier in Deutschland darüber auslässt, ob Putin jetzt sehr verrückt, verrückt oder nur ein bisschen verrückt ist?

JOURNAL: Ich habe ein Zitat gefunden von einem Professor für Öffentliches Recht, Ingo von Münch. Er sagte, das Problem mancher Journalistinnen und Journalisten in Deutschland sei, dass sie nicht über die Wirklichkeit schreiben, sondern über die gewünschte Wirklichkeit. Die Folge sei ein verzerrtes Bild.

Prinzing: Also, ich würde das nicht als eine Pauschalbeschreibung von Journalismus sehen. Es ist an der Stelle wichtig zu erwähnen, dass wir es mit teilweise hervorragendem Journalismus in diesen wirklich nicht einfachen Zeiten zu tun haben. Wir unterhalten uns ja in solchen Kontexten vor allem darüber, was nicht so gut läuft, ein paar Beispiele haben wir hier schon diskutiert. Aber das sollte uns nicht den Blick dafür verstellen, dass es diese notwendige Einordnung gibt, auch diese stillen Geschichten, die Kontexte herstellen. dass es auch diese sehr stillen Bilder gibt, die das menschliche Leid, den kontinuierlichen Schmerz sehr, sehr gut einordnen und rüberbringen. Natürlich wünschen wir uns alle, dass dieser Krieg zu Ende ist. Das heißt aber nicht, dass man jetzt dieser gewünschten Realität als Herde hinterher schreibt und alles andere ausklammert. Diese Einschätzung würde ich so pauschal auf keinen Fall unterschreiben.||

Ein Beitrag aus JOURNAL 1/22, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im April 2022.