JOURNALISTEN IM ALLTAG

Alle Male wieder …

Katastrophenberichterstattung: Ist der Journalismus ein lernendes System?
17. Dezember 2019, Andrea Hansen

Ein gutes Jahr nach der Aufdeckung der Fälschungen beim Spiegel stellt sich die Frage wieder: Lernen Journalistinnen und Journalisten, lernt „der Journalismus“ aus Fehlern? Oder lebt er nach ritualisierten Abläufen? Fehler erkennen, benennen und beim nächsten Anlass wiederholen? Zum Beispiel in der Liveberichterstattung, wenn Ereignisse sich schnell entwickeln, also bei dem, was bei Polizei und Feuerwehr „Lage“ oder „K-Fall“ genannt wird.

Der Brand von Notre Dame, die Schüsse von Halle, der Amoklauf von München – die Anlässe unterscheiden sich, die Berichterstattung läuft meist ähnlich ab. Man fühlt sich wie Bill Murray, der in seiner Rolle als Reporter in einer Zeitschleife gefangen ist, die ihn denselben Live-Einsatz immer wieder erleben lässt. Täglich grüßt in diesem Fall nicht das Murmeltier, sondern die wiederkehrende Kritik an der K-Fall-Berichterstattung: Ganz gleich, ob die ARD einen Brennpunkt gesendet hat oder nicht – falsch war ihre Entscheidung so oder so.

Hilflos in der Live-Schalte vor Ort

Genauso zuverlässig findet sich auf irgendeinem Sender jedes Mal wieder ein bedauernswerter Mensch, der live berichten muss, obwohl er wenig bis gar nichts weiß. Er oder sie steht irgendwo in einer überlasteten Funkzelle, daher ohne Internet und Agenturen, oft ohne redaktionelle Unterstützung vor Ort. Nicht selten wird wild spekuliert und so auch immer wieder etwas verbreitet, das besser erst überprüft worden wäre. Am Morgen danach sind alle schlauer – nur für die Zukunft lernen viele zu wenig daraus. Denn es passiert wieder und wieder.

Der Nutzer wird dabei selbst vom Konsumenten zum Berichterstatter: Entweder live vor Ort oder als Weiterleiter bei Twitter, WhatsApp und Facebook. Obendrein wird gemoppert, wenn „die Medien“ nicht das liefern, was man selbst sehen, hören, lesen will. Als im April die Kathedrale Notre Dame in Paris brannte, ließ sich sogar NRW-Ministerpräsident Armin Laschet zur Medienkritik aus dem Fernsehsessel hinreißen: „Millionen Menschen fiebern mit der Kirche Notre Dame in Paris, einem der bedeutendsten kulturellen Orte in Europa. Warum muss man @CNN einschalten während die @ARD_Presse Tierfilme zeigt?“ fragte er sich und Twitter-Deutschland. Und bekam prompt Antwort vom Sender: Die Tagesschau habe alles berichtet, was man zu diesem Zeitpunkt wusste (siehe auch Foto rechts). Für einen Brennpunkt um 20:15 Uhr sei die Faktenlage nun mal nicht ausreichend gewesen.

Die Bitte um Geduld kommt in der heute üblichen hektisch-hysterischen Stimmung bei vielen nicht gut an. Als ob ihnen etwas vorenthalten würde, auf das sie ein verbrieftes Recht hätten, fordern sie alles und zwar sofort und das auch noch umsonst. Am nächsten Tag sind dieselben Menschen ehrlich empört, wenn im Eifer des Gefechts irgendetwas nicht optimal gelaufen ist, und beklagen die atemlose Breaking-News-Maschinerie bei Zeitungen und Sendern. Sich widersprechende Anforderungen wie diese sind ein klassisches Dilemma für Journalistinnen und Journalisten. Sie können es ihrem Publikum nicht Recht machen. Die Einen wollen ausgeruhten Qualitätscontent, die Anderen einen Live-Ticker im Sekundentakt. Und manchmal wollen alle alles auf einmal.

Den Kompass neu ausrichten

Aber wie könnte gute K-Fall-Coverage überhaupt aussehen? Und wann kommen Redaktionen dazu, ihren Kompass neu auszurichten? In der Akutsituation ist dafür weder Raum noch Zeit. Doch zwischen zwei Ereignissen holt die meisten allzu schnell der Alltag ein, das selbst- kritische Moment vom Morgen danach rückt in den Hintergrund. So ist die Branche dazu verdammt, bestimmte Fehler zu wiederholen. Sie sind sich selbst Bill Murray und das Murmeltier in Personalunion. Wie kommen die Medien raus aus diesem Teufelskreis?

Da wäre zunächst die Ehrlichkeit derer, die live berichten: Vor Ort weiß man oft am wenigsten – in der Regel nur das, was man mit den eigenen Augen sehen kann. Weiter bringt die Berichterstattung höchstens das, was man von Menschen in der Nähe des Übertragungswagens erfährt, die als sinnvolle Quelle zu erkennen sind. In der Summe ist das oft verdammt wenig, zumal sich Reporterinnen und Reporter im Stakkato der Liveschalten nicht weit wegbewegen können. Diejenigen, die von sich aus auf Medienmenschen zukommen, können gute Quellen sein. Oft sind sie aber eher das Gegenteil und raunen einem irgendwelche Gerüchte zu, die man besser nicht via Radio oder Fernsehen verbreitet.

Wichtig ist in solchen Situation vor allem, dass im Hintergrund, in der Redaktion, ein eingespielter Workflow einsetzt. Was die organisatorischen Abläufe angeht, ist dies auch in der Regel der Fall – zumindest, wenn die Redaktionen zum Zeitpunkt des Ereignisses ausreichend mit Personal bestückt sind. Passiert etwas außerhalb der üblichen Bürozeiten, kann die Personaldecke schon mal dünn sein. Selbst in Zentralen sitzt dann oft genug nur noch einer – so wie bei der Frankfurter Rundschau an jenem Abend, als es im November 2015 in Paris zu acht Anschlägen kam, unter anderem im Musikclub Bataclan und am Stade de France. Der Sportreporter, der im Stadion saß, und sein Kollege in der Heimatredaktion waren im Moment der Katastrophe auf sich allein gestellt – es war halt Freitagabend. Solche Ereignisse richten sich nicht nach den Dienstplänen von Redaktionen.

Aber auch, wenn Dinge zu Zeiten passieren, in denen alle an Bord sind, ist es nicht überall üblich, auch Expertinnen und Experten aus dem eigenen Haus an den Newsdesk zu bitten. Dabei könnten diese mit fundierten Informationen (zum Beispiel zu Kunstschätzen) helfen oder Kontakte zu weiteren Fachleuten herstellen, die die Tagesaktuellen nicht „mal eben“ aus dem Hut zaubern können.

Widerstreitende Interessen

Unabhängig davon, wie gut die Redaktion aufgestellt ist: Das Interesse der Öffentlichkeit und die Bedürfnisse der Betroffenen stehen sich in der Regel unversöhnlich gegenüber. Hilft das Reden über das Unbegreifliche direkt nach einem Ereignis noch, wird die „Follow-up“-Berichterstattung in den Folgetagen häufig nur noch als Belastung oder sogar Übergriff empfunden.

So war es nach der Germanwings-Katastrophe im März 2015: Die Schule und die Menschen in Haltern fühlten sich durch die Anwesenheit unzähliger Medienmacher in ihrer Trauer geradezu belagert. Hier die Balance zwischen dem Verlangen des Publikums und den Gefühlen der Betroffenen zu finden ist ein Drahtseilakt. So werden immer wieder unbestätigte und aktuell unüberprüfbare Gerüchte zum Beispiel aus „internen Polizeikreisen“ verbreitet. Spekulationen bringen aber weder den Journalismus weiter noch die Wahrheitsfindung.

Katastrophenberichterstattung verkommt so zu einer unguten Mischung aus Klatsch und Tratsch und Voyeurismus. Schwer zu ertragen für Betroffene und ihre Angehörigen. Eine Richtschnur für Reporterinnen und Reporter könnte sein, nur das zu fragen, was sie selbst aushalten könnten, wenn sie auf der anderen Seite des Mikros stünden. Doch nicht alle Kolleginnen oder Kollegen reflektieren ihre Arbeit. Manche hinterlassen die vielzitierte „verbrannte Erde“. Das kriegen dann wieder die ab, die versuchen, den Job auch in schwierigem Umfeld anständig zu machen.

Die Frage, die sich immer wieder stellt: Wovon lassen wir Journalistinnen und Journalisten uns im K-Fall treiben? Von den eigenen Vorstellungen davon, was richtig und was falsch ist? Von der Konkurrenz? Von Panikmache in Social Media? Und wie gehen wir mit usergenerated Content um: Überprüfen wir Gerüchte schnell, aber genau? Oder tragen wir durch ungeprüftes Zitieren mehr zur Panikmache bei? Sind wir uns der Macht unserer Bilder und der Effekte unserer Fragen bewusst? Liefern wir dem Nutzer einfach alles, wonach er dürstet? Oder sagen wir auch einmal live und in Farbe, was nicht geht? Denken wir daran, dass jemand, der den Rucksack mit den Stofftieren neben dem abgedeckten Körper vor der Synagoge in Halle sieht, eventuell so vom Tod eines lieben Menschen erfährt? Fragen wir uns, was das für Betroffene bedeutet? Ist überhaupt Raum für solche Gedanken, wenn es um Sekunden geht?

Es gibt Medienhäuser, die Seminare anbieten, um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darauf vorzubereiten, in belastenden Situationen umsichtig zu (re)agieren. Aber das sind lange nicht alle, es sind noch nicht mal viele. Dabei geht es nicht nur darum, mit Interviewpartnern verantwortungsvoll umzugehen. Auch die eigene Belastungsgrenze sollte man nicht dadurch kennenlernen, dass man sie überschreitet (siehe dazu auch Kasten „Tipps zur Vor- und Nachbereitung“).

Lernen wir von Bill Murray und dem Murmeltier. Der kommt aus der Zeitschleife frei, als er einsieht, wie zynisch er gewesen ist. Im Kino bekommt der geläuterte Medienmacher sein Happy End. Geigen und Mandolinen werden für uns zwar nicht erklingen, wenn wir unseren Job umsichtiger machen. Aber eventuell gehen wir nach einem extremen Einsatz entspannter nach Hause, wenn wir uns sicher sind, die Situation durch unsere Arbeit nicht noch schlimmer gemacht zu haben.||

Tipps für Vor- und Nachbereitung

Beim nächsten Mal wird alles anders – bloß wie? Wie können Redaktionen und die Reporterinnen und Reporter vor Ort besser mit „Lagen“ und „K-Fällen“ umgehen?
Wer einen Einsatz nachbereiten und sich auf künftige Situationen vorbereiten will, findet praktische und theoretische Hilfen für den Einzelnen, aber auch für Teamtrainings.
Mehr lesen
• Eine aktuelle Analyse mit Praxisanleitung zum Thema „Livestreaming nach Gewalttaten: ethische Grenzen journalistischer Berichterstattung“ findet sich unter: http://edoc.ku-eichstaett.de/23167/.
• Verfasser der Broschüre ist das Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft (zem::dg), das sich für eine zeitgemäße Medien-, Kommunikations- und Digitalisierungsethik einsetzt. Weitere Publikationen unter https://zemdg.de/zemdg-papers/

Trainings
• Das DART-Center Europe befasst sich seit 2013 mit dem Thema Trauma im Journalismus. Trainings und umfangreiches Infomaterial findet man auf der Seite
https://traumajournalismus.dartcenter.org
• Ein Team aus Expertinnen und Experten sowie Journalistinnen und Journalisten in NRW, das auch schon für das DART-Center gearbeitet hat, bietet Trainings zum Umgang mit dem Trauma an: Ihr Leitsatz: „Nicht schaden“ gilt für Medienschaffende, Interviewte und Publikum.
https://nichtschaden.wordpress.com/AH

Ein Beitrag aus JOURNAL 6/19, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Dezember 2019.

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Verlagsveröffentlichung - Branchenspecial

Aus- und Weiterbildung für Journalisten

Lebenslanges Lernen ist für Journalisten notwendiger denn je – denn kaum eine andere Branche ist derzeit so im Wandel wie der Journalismus. Der DJV-NRW hat aus diesem Grund bereits 2009 ein Bildungsreferat eingerichtet. Damit möchte der Landesverband den Markt der journalistischen Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen transparenter machen: zum einen durch einen Überblick über aktuelle Angebote in NRW und zum anderen durch Impulse für neue Seminarthemen.

Die Arbeit des Referates gliedert sich in zwei Schwerpunkte: An erster Stelle steht die Kooperation des DJV-NRW mit Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen. Diese bieten DJV-Mitgliedern Seminare und Workshops zu vergünstigten Konditionen an (ein Überblick findet sich auf der folgenden Seite). Zweitens konzipiert das Bildungs-­referat auch eigene Seminare zu gewerkschaftlichen und berufsspezifischen Themen. „Der DJV-NRW versteht sich dabei ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu den Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen“, sagt Bettina Blaß, Bildungsbeauftragte beim DJV-NRW. „Wir beobachten die Veränderungen und Tendenzen im Journalismus und bieten darauf zugeschnittene Seminare an, um unsere Mitglieder fit für die Zukunft zu machen“, erklärt sie.

Weitere Informationen:
Bildungsbeauftragte Bettina Blaß freut sich über Fragen und Anmerkungen zum Thema Weiterbildung.
Tel.: 0221 48535326
E-Mail: bettina.blass@djv-nrw.de

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