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Der Stichtag mobilisiert

Erneut sorgt eine Reform im WDR-Hörfunk für Unmut
20. Oktober 2020, Corinna Blümel

Das Finanzsystem in der ARD ist für Außenstehende nicht immer greifbar: Was die Sender aus den Einnahmen der Rundfunk­gebühr zugewiesen bekommen, ist das eine; wie sie ihren Finanzausgleich und die Kooperationen untereinander gestalten, das andere. Weil der NDR nun unter Spardruck aus der Finanzierung einiger Sendungen aussteigt, für die er bisher gemeinsam mit dem WDR geradesteht, gerät auch bei der größten öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt in NRW einiges ins Rutschen.

Foto: WDR-Pressestelle
Foto: WDR-Pressestelle

Konkret stellt der NDR zum Jahreswechsel 2020/21 die gemeinsame Finanzierung der ­Geschichtsformate Stichtag (WDR 2) und ZeitZeichen (WDR 5) ein, aber auch die aktuellen Informationssendungen Mittagsecho und Echo des Tages auf WDR 5 sowie die Nachtsendung Berichte von heute auf WDR 5 und WDR 2. „Diese Sendungen werden bisher im wöchent­lichen Wechsel von WDR und NDR erstellt“, erklärt WDR-Kulturchef Florian Quecke in einem ­Interview auf den WDR-Seiten. „Wenn der WDR nun die entstehenden Lücken weiterhin mit Informationsangeboten füllt, entstehen erheb­liche Mehrkosten, die durch Umstrukturierungen und Einsparungen an anderen Stellen ausgeglichen werden müssen.“

Das neue Programmschema braucht die Zustim­mung des Rund­funkrats. Auch wenn um die Aus­gestaltung sicher noch gerungen wird: Im öffent­lichen Fokus steht der Plan, den tra­ditions­reichen und beliebten Stichtag Ende März 2021 einzustellen. Und die Sorge, dass das auch Auswirkungen auf das ZeitZeichen haben könne, auch wenn der WDR inzwischen ein klares Bekenntnis zum längeren Format gegeben hat.

Auftrag „punktgenau“ erfüllt

In einem offenen Brief, der am 29. September als ganzseitige Anzeige im Kölner Stadt-Anzeiger veröffentlicht wurde, wandten sich mehr als 100 Prominente und Kulturschaffende an Intendant Tom Buh­row und die Programm­direk­torin für Wissen und Kultur, Valerie Weber, um sich für den Erhalt der Geschichtsformate stark zu machen, die den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag „so punktgenau“ erfüllten wie wenige andere.

Tatsächlich gehört der Stichtag (seit 1997) genauso wie das ZeitZeichen (seit 1972) zu den Leuchttürmen im WDR-Hörfunk: Geschichte, die mit wissenschaftlicher plus journalistischen Expertise recherchiert und in verständlicher Sprache und ansprechender Form präsentiert wird, sodass eine Verbindung zur Gegenwart entsteht. Kein Wunder, dass beide Formate auch als Podcasts hervorragend funk­tionieren und damit unter anderem die junge Zielgruppe und andere Menschen erreichen, die nicht mehr li­near Radio hören.

Eher geringes Sparpotenzial

Das Sparvolumen für das vierminütige Radioformat wird auf weniger als 60 000 Euro beziffert. Das nimmt sich winzig aus im Gesamtetat des WDR – und selbst gegenüber der rund eine Million Euro, die durch den Rückzug des NDR in der ­Finanzierung der bisherigen Gemeinschaftssendungen künftig fehlen wird.

Nach bisherigen Plänen soll der Stichtag ab April 2021 durch ein bei Radio Bremen produziertes Format namens „As time goes by“ ersetzt werden – als ­Kooperation mehrerer ARD-Anstalten. Kritische Stimmen verweisen allerdings darauf, dass das Drei-Minuten-Stück wesentlich einfacher gestaltet sei und kaum mit der professionellen und frischen Anmutung der WDR-Produk­tion mithalten könne. Sender wie BR, NDR, SR und SWR haben denn auch bereits entschieden, das Format nicht zu übernehmen. Dabei sollen einige der Anstalten nicht nur ihre eigenen Formate ins Spiel gebracht haben, sondern auch den Schutz ihrer Autorinnen und Autoren. Eine Haltung, die nach Überzeugung des DJV-NRW auch dem WDR gut zu Gesicht stünde.

Während der WDR argumentiert, die Einstellung des Stichtags helfe, das ZeitZeichen zu ­sichern, legen mehr als 60 Kolleginnen und Kollegen, die für Stichtag und ZeitZeichen arbeiten, in einem öffentlich gewordenen Brief an den Rundfunkrat dar, warum eine Einstellung des Stichtags nach ihrer Überzeugung die Qualität des ZeitZeichens gefährdet.

Sie verweisen auf den hohen Aufwand für Recherche und Produktion, der die hohe Qualität beider Formate sichere. Ein angemessenes Hono­rar lasse sich vor allem deshalb erzielen, weil die beiden Formate häufig identische Themen behandeln und aus der gleichen Hand kommen. Dies wurde auch so vereinbart, als die ZeitZeichen und Stichtag 2003 in Dortmund zusammengezogen wurden. Ohne den Stichtag breche für die Autorinnen und Autoren dieser Kombi-Themen etwa ein Viertel der Einnahmen weg, zitiert epd ­Medien aus dem Brief. Hinzu komme, dass mit dem Ausstieg des NDR auch das Wiederholungshonorar entfalle. Die Produktion eines ZeitZeichens in der gewohnten Qualität sei unter diesen Honorar-Bedingungen nicht mehr zu leisten.

Unzureichende Kompensation

Der WDR zieht als Kompensation wohl eine ­zusätzliche Wieder­holung des ZeitZeichens auf WDR 5 in Betracht und soll den Autorinnen und Autoren dafür ein Wiederholungshonorar von 20 Prozent angeboten haben. Für die Betroffenen ist allerdings auch das ein Unding, wie ein Statement der DJV-Betriebsgruppe im WDR zeigt. Damit werde der Tarifvertrag unterlaufen: „Normalerweise würden für diese Wieder­holung laut geltendem Tarifvertrag 50 Prozent Honorar fällig.“

„Dass die Geschichtsformate Stichtag und ZeitZeichen so viele Fans haben und diese öffent­lichen Reaktionen hervorrufen, „sollte den Verantwortlichen im WDR Anlass sein, ihr Handeln zu überdenken“, sagt der DJV-Landesvorsitzende Frank Stach, der selbst als freier Journalist für den WDR arbeitet und Mitglied im Personalrat ist (siehe auch Editorial Kampf für eine Radioperle). „Ein solch wichtiges Format wie der Stichtag lässt nicht einfach einstampfen.“ Es ist zu erwarten, dass das neue Programmschema für WDR 2 und WDR 5 noch für reichlich Diskus­sionen sorgen wird – in den Gremien und in der Öffentlichkeit.||

Transparenzhinweis: Die Autorin ist stellvertretendes Mitglied im Rundfunkrat des WDR.


Ein Beitrag aus JOURNAL 5/20, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Oktober 2020.