Wer den Zahlensalat zu sinnvollen Informationen verdichten will, braucht methodisches Hintergrundwissen. | Foto: Keikona
Wer den Zahlensalat zu sinnvollen Informationen verdichten will, braucht methodisches Hintergrundwissen. | Foto: Keikona
 
THEMA | Umgang mit Zahlen

Die gesunde Prise Skepsis hilft

Statistiken, Studien und Umfrageergebnisse als Herausforderung
20. Juni 2021, Marie Illner

Zahlen, Daten, Umfragen und Statistiken – sie landen beinahe täglich auf dem Redaktionsschreibtisch. Dabei gibt es Dutzende Zitate, die vor ihnen warnen. Der Klassiker: „Glaube keiner der Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“ Also etwas, wovon sich Medienschaffende besser fernhalten sollten? „Nein“, sagt Ruth Schulz. „Zahlen sind keine Last, sondern können ein spannendes und sinnvolles Werkzeug sein“, erklärt die TV- und Radiojournalistin, die in der WDR-Wissensredaktion arbeitet. Bei manchen Vergleichen seien Zahlen sinnvoll, um eine Größenordnung aufzuzeigen und damit eine gute Diskussionsgrundlage zu liefern.

Sachliche Grundlage

„Zahlen können auch helfen, eine Debatte zu versachlichen, wenn sie aussagekräftig sind“, sagt die Wissenschaftsjournalistin. Auch Clemens Boisserée, Leiter der redaktionellen Produktentwicklung bei der Rheinischen Post (RP), meint: „Wenn es um harte Fakten geht, können Zahlen die Welt manchmal besser beschreiben als Worte.“

Vorsicht ist trotzdem geboten: Prozente und Prozentpunkte verwechselt, Korrelation und Kausalität vertauscht oder Repräsentativität und Signifikanz durcheinander gehauen – schnell liegt die ganze Aussage schief. Wer journalistisch mit Zahlen arbeiten möchte, muss ausreichend methodisches Hintergrundwissen haben. Das gilt auch für diejenigen, die zu Schulzeiten schlecht in Mathe waren. Wie aber funktioniert das konkret: Worauf gilt es zu achten, welche Fehler zu vermeiden?

Von links: Ruth Schulz, Marie-Louise Timcke, Clemens Boisserée. | Fotos: privat, Valentina Culley-Foster, Mona Dadari
Von links: Ruth Schulz, Marie-Louise Timcke, Clemens Boisserée. | Fotos: privat, Valentina Culley-Foster, Mona Dadari

Dr. Andreas Mühlichen ist Sozialwissenschaftler an der Universität Köln mit Methoden und empirischer Sozialforschung als Forschungsschwerpunkte. Er verweist darauf, dass „Daten einen Kontext haben, der mit übertragen werden muss“. Das bedeutet: Wenn Journalistinnen und Journalisten mit Zahlen und Daten arbeiten, müssen sie jede Menge Fragen stellen. „Sie sollten sich fragen, für wen die Daten eigentlich stehen, wen sie also repräsentieren“, rät Mühlichen zunächst. Egal, ob es um die Bedeutung des Klimaschutzes geht oder um eine Statistik zum Waffenbesitz – es gilt zu klären: Wer wurde von wem wie befragt?

Mühlichen macht dabei auf den ersten Fallstrick aufmerksam: „Eine repräsentative Stichprobe wird häufig mit einer möglichst großen Stichprobe verwechselt.“ Wenn der Soziologe sich Umfragen oder Statistiken zuwendet, prüft er deshalb die Stichprobe immer kritisch. „Wie groß ist sie? Wie wurde sie ausgewählt? Welche Grundgesamtheit soll sie repräsentieren?“

Wo kommen die Daten her?

Auch RP-Redakteur Boisserée hat eine Reihe von Fragen, die er sich vor der Veröffentlichung stellt: „Mit welchen Methoden sind die Zahlen zustandegekommen? Welche Schwachstellen gibt es?“ Bei Umfragen gehe es zudem um Befragungszeitraum und den Ruf des Umfrageinstituts. „Seriosität und Zuverlässigkeit sind bei Datenquellen das A und O. Man muss immer darauf achten, wo sie herkommen“, rät er.

Von links: Frank Scheulen, Ralf Becker, Tanja Bodenburg. | Fotos: LKA, WDR, IT.NRW/Anna Kaduk
Von links: Frank Scheulen, Ralf Becker, Tanja Bodenburg. | Fotos: LKA, WDR, IT.NRW/Anna Kaduk

Mühlichen weist auf einen weiteren Aspekt hin: „Wenn man Auftragsforschungsdaten – etwa aus der Industrie – hat, kann durch die bezahlende Institution eine Verzerrung in die Daten kommen oder auch einfach ein Fokus auf einen bestimmten Aspekt.“
Deshalb versucht Wissenschaftsjournalistin Schulz an die Originalunterlagen zu kommen, wenn eine Umfrage auf ihrem Schreibtisch landet. „Ein Blick auf das Impressum lohnt: Wenn der Tabakindustrieverband eine Umfrage zu Rauchergewohnheiten durchführt, muss man das natürlich ganz anders werten als eine Umfrage durch das Deutsche Krebsforschungsinstitut“, sagt sie.

Ist die Datengrundlage erst einmal durchleuchtet, stellt sich die Frage: Wie kommen die Zahlen nun in die Geschichte oder die Geschichte aus den Zahlen? „Statistik ist die Kunst, aus Daten zu lernen – indem man viele Daten zu wenigen sinnhaften Informationen verdichtet“, macht Wissenschaftler Mühlichen deutlich.

Visualisierung als Auswahlprozess

„Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, Daten zu verdichten und zu visualisieren. Hinter visualisierten Daten liegt deshalb immer ein Prozess der Auswahl“, erinnert der Experte. Das, was von Meinungsforschungsinstituten, Statistikämtern und Presseabteilungen in der Redaktion landet oder abgefragt und selbst visualisiert und sprachlich dargestellt wird, ist somit immer auch Interpretation. Mühlichen verweist auf die verschiedenen Entscheidungsschritte: „Wie erhebe und verarbeite ich Daten? Welche grafische Darstellung wähle ich, wie beschrifte ich die Achsen, wie viele Balken gibt es?“ Die Darstellung lenke die Aufmerksamkeit. Der Experte betont: „Dabei geht es nicht darum, etwas Vertrauensunwürdiges zu tun. Es ist ein unvermeidbarer Teil des Prozesses.“

Doch auch bewusste Manipulation ist mit der Visualisierung von Daten möglich – ein geschickt gewählter Ausschnitt eines Graphen kann zum Beispiel einen verzerrten Eindruck erwecken. Und ob absichtlich oder nicht: Jede Entwicklungskurve kann je nach Skalierung der Achsen steiler oder flacher ausfallen, und ob etwas dramatisch oder beruhigend aussieht, hängt unter anderem mit der Abstufung von Farben oder der Auswahl von Symbolen zusammen. RP-Redakteur Boisserée verweist deswegen auch darauf, dass bei der Visualisierung von Daten die Optik nie über die inhaltliche Richtigkeit gestellt werden dürfe.

Ist man sich all dessen bewusst, kann es an die Schreib- und Textarbeit gehen. Denn: „Zu Zahlen gehören auch immer Worte, um die Welt zu beschreiben“, sagt Ralf Becker, WDR-Studioleiter in Dortmund. Journalistinnen und Journalisten müssen Zahlen also einordnen, beschreiben und erklären. „Hinter Zahlen verbirgt sich immer etwas; diese Information muss aufbereitet werden“, betont Becker.

Was versteht die Zielgruppe?

Doch bei der Sprache fängt es schon an: Sind nach Zahlen der Europäischen Kommission „33 Prozent“ aller Frauen in der EU mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen? „Ein Drittel“, „jede Dritte“ oder „eine von Drei“? Je stärker die Formulierung auf eine kleine Gruppe fokussiert, desto greifbarer wird die Zahl.

„Um die richtige sprachliche Ausdrucksweise zu finden, braucht man statistisches Wissen, damit man beurteilen kann, welche Formulierungen man synonym gebrauchen kann“, stellt Marie-Louise Timcke klar. Sie leitet das Interaktiv- und Datenteam der Funke Mediengruppe. Man müsse wissen, wie viel man seiner Zielgruppe zumuten könne. „Weiß das Publikum, dass jeder Fünfte weniger ist als jeder Vierte?“, fragt die Journalistin.

Auch WDR-Journalist Becker rät: „Man sollte so umgangssprachlich und leicht verdaulich wie möglich formulieren.“ Es bestehe die Gefahr, einen Sachverhalt mit Zahlen boulevardesk zu verkürzen. Ob bewusst oder unbewusst: Wer zum Beispiel nur Prozentangaben nennt, ohne die absoluten Zahlen anzugeben, kann die Wirkung auf das Publikum beeinflussen. Deshalb müssten Journalistinnen und Journalisten „immer erklären, was eine Zahl bedeutet“, mahnt Becker (siehe dazu auch „Hochgerechnet und verallgemeinert“).

Rundfunkjournalistin Schulz hat ein Beispiel dafür: „In der Pandemie hieß es, die britische Variante sei 50 Prozent gefährlicher als der Wildtyp. Ein genauerer Blick zeigte: Im Durchschnitt versterben 0,6 Prozent der Menschen, die sich mit dem Wildtyp angesteckt haben, und 0,9 Prozent im Fall der britischen Variante. Der Unterschied ist im Prinzip sehr gering, aber der Eindruck von 50 Prozent ist sehr mächtig.“

Abhängig vom Medium

Sie selbst hält es so: „Bei der sprachlichen Darstellung der Zahl versuche ich, mich für die sachlichste Darstellung zu entscheiden.“ Dabei könne es manchmal sinnvoll sein, Zahlen genau zu nennen, manchmal könne man sie mit Formulierungen wie „mehr als die Hälfte der Befragten“ aber auch umgehen. „Das ist beim Hören leichter zu begreifen, als zu sagen: 51,2 Prozent haben so geantwortet“, erläutert sie.

Der Umgang mit Zahlen hänge deshalb auch stark vom Medium ab. „Im Radio ist man am besten sehr zurückhaltend mit Zahlen. Denn Radio wird oft nebenbei gehört, sodass Zahlen schnell vergessen werden. Bei Aufzählungen hat man bei ,drittens‘ schon wieder vergessen, was ,erstens‘ war“, sagt Schulz.

Größenunterschiede lassen sich im Bild oft einfacher erfassen als in einer Beschreibung. | Foto: as_seen
Größenunterschiede lassen sich im Bild oft einfacher erfassen als in einer Beschreibung. | Foto: as_seen

Zahlen „an das Bild delegieren“

Im Medium Fernsehen – in dem man viel weniger Raum für Text hat und nicht zurückblättern kann – empfindet Fernsehmacher Becker Grafiken als bildlich unterstützend. Sinnvoll seien Grafiken zum Beispiel bei Arbeitslosen- und Arbeitsmarktzahlen. „Das reine Vorlesen solcher Daten würde nicht ausreichen“, sagt er. Auch Schulz rät, Zahlen manchmal nicht sprachlich wiederzugeben, sondern an das Bild zu delegieren. Dabei sieht sie einen weiteren Vorteil: „Dann fallen sprachliche Wertungen unter Umständen auch weg.“

RP-Redakteur Boisserée tut sich schwer, eine Anleitung oder allgemeine Handreichung zu formulieren, wann Daten und Zahlen wie dargestellt oder sprachlich verpackt werden sollten. „Das lässt sich nicht pauschalisieren“, ist er sich sicher. Welche Formulierung man wähle, ob man Daten in einem Balkendiagramm, einer Karte oder Kurve darstelle, komme sehr auf den einzelnen Fall an. Wichtig ist: Man müsse auf einen Blick erkennen, worum es gehe.

Auch bei der Frage, wann man zugunsten gerundeter Zahlen auf die genauen verzichtet, sieht Boisserée keine pauschale Regelung: „Ob man von knapp 5 Prozent spricht oder von 4,9 Prozent ist vom Kontext abhängig. Bei einem Wahlergebnis sollte man die 4,9 Prozent nennen, in anderen Bereichen kann es anders aussehen.“

Dabei dient ihm manchmal die öffentliche Debatte als Spiegel: „In der Pandemie hat sich schnell herausgestellt, dass der Reproduktionswert immer mit Nachkommastelle diskutiert wird, der Inzidenzwert hingegen nicht“, erläutert der Journalist. Das hat wohl praktische Gründe: Fallzahlen mit Dezimalstellen ergeben nur rechnerisch Sinn – nämlich dann, wenn sie auf eine Gruppe von 100 000 Personen genormt sind. Natürlich hat es in Düsseldorf zu einem Stichtag nicht genau 105,3 Neuinfektionen gegeben. In der Diskussion scheint es dem Publikum deshalb realitätsnäher, die Kommastelle wegzulassen, auch wenn die Medien diese in den Abbildungen natürlich anführen.

Beim Reproduktionswert hingegen, der angibt, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt, ist es sinnvoll, genauer zu sein: Weil er sich in einem viel niedrigeren Zahlenbereich bewegt, dreht sich die Debatte vor allem um die Nachkommastelle. Wenn der R-Wert über 1,0 liegt, breitet sich eine Epidemie weiter aus, je weiter darunter er fällt, desto schneller sinkt die Ansteckungskurve. Was aus Sicht von Boisserée deshalb immer hilft: Selbst wieder Leserin oder Leser zu werden, also die Perspektive derer einzunehmen, die das als Laien nachvollziehen können sollen. Denn: „Darstellungen müssen vor allem verständlich sein.“

Braucht meine Geschichte die Zahlen?

Natürlich sind Zahlen wie der R-Wert, die Arbeitslosenquote oder das Wahlergebnis aus bestimmten Texten nicht wegzudenken. Aber oft sind Statistiken auch nur der Ausgangspunkt zu einer Recherche. Setzt Boisserée sich an eine Geschichte, fragt er sich: „Was glaube ich, in den Daten und Zahlen gelesen zu haben? Was ist die These im Text? Darauf aufbauend ergibt sich die Darstellungsform oder sprachliche Formulierung oft von selbst.“ Müssen Zahlen über Flugreisende in einem Beitrag über Klimaschutz oder über die Tourismusbranche auftauchen?

Generell fallen laut Boisserée Vorteil und Nachteil von Daten zusammen: „Sie können sehr detailliert sein und tiefe Einblicke geben.“ Aber das bedeutet eben auch, dass sie unter Umständen von der eigentlichen Geschichte ablenken. Deshalb müsse man sich fragen, ob eine Geschichte wirklich Zahlen und Daten brauche oder nicht. Ist es sinnvoll, die einfühlsame Reportage über einen Drogentoten mit jeder Menge Zahlen und Statistiken aufzuladen – oder steht das Fallbeispiel für sich?

Wenn die Statistik im Text vorkommt, tut der Redakteur noch etwas im Sinne des Publikums: „Wir versuchen Zahlen und Daten immer stark zu regionalisieren. Bundesweite Daten bekommen die Leser an vielen Stellen. Aber wie sieht etwas in ihrem Viertel, in ihrer Nachbarschaft aus? Das interessiert“, sagt er.

Außerdem müssten die Zahlen, Daten und ihre Darstellung immer zum Text passen, sonst torpediere man seine eigene Geschichte – quasi mit einer „Text-Daten-Schere“: Ein Beitrag, der über zunehmende Messerattacken und den Zusammenhang mit Waffenbesitz berichten will, muss das auch mit Daten belegen können. Eine Statistik, die den Rückgang von Waffenbesitz beschreibt, würde in diesem Fall nur verwirren.

Spezialgebiet Datenjournalismus

Der Umgang mit Zahlen ist das Alltagsgeschäft in Redaktionen. Daneben gibt es einen weiteren Bereich, auf den Boisserée verweist – „den Datenjournalismus mit einem noch viel höheren Maß an Expertise“. Vom gemeinen Redaktionsschreibtisch aus lässt sich das nicht erledigen – für professionellen Datenjournalismus sind tiefergehende Kenntnisse und Programme nötig.

Verkehrsinvestitionen, Waldschäden oder Mietpreise: Daten lassen sich für viele Themen aufbereiten. Aber Boisserée weist darauf hin, dass Datenjournalismus auch investigativ arbeiten kann: „Eine Exceltabelle lesen zu können hätte nicht ausgereicht, um die Panama Papers auszuwerten“, sagt er. Das Daten-Leak des panamaischen Offshore-Dienstleisters Mossack Fonseca führte erst zu weltweiter Aufmerksamkeit, nachdem Datenjournalistinnen und -journalisten sich mit den Daten beschäftigt hatten und die Strategien der Steuervermeidung und Geldwäsche daraus lesen konnten.

Manchmal entdeckt man den markanten Ausreißer auf den ersten Blick. Ohne Fachwissen sollte man sich trotzdem rückversichern, ob man die richtige These daraus ableitet. | Foto: Saimen
Manchmal entdeckt man den markanten Ausreißer auf den ersten Blick. Ohne Fachwissen sollte man sich trotzdem rückversichern, ob man die richtige These daraus ableitet. | Foto: Saimen

Mangel an Data Literacy

Marie-Louise Timcke von Funke Interaktiv ist eine solche Datenjournalistin. „Datenjournalismus findet im Kleinen eigentlich in jeder Redaktion statt“, sagt die 28-Jährige. Es fehlt aber meist an der nötigen „Data Literacy“, also der Datenkompetenz, um mehr mit den Daten anfangen und sie weitergehend interpretieren zu können. „Das heißt: Nicht nur einzelne Zahlen oder einfache Verlaufsgrafiken zu betrachten, sondern mit den Daten selbst Analysen durchzuführen und Interpretationen hereinzubringen“, erläutert Timcke.

Spezialisierte Datenjournalistinnen und -journalisten können Rohdaten als eigene Quelle nutzen und weiter graben. „Das braucht viel Zeit und ausreichend statistische Skills – beides ist am Newsdesk meist nicht vorhanden“, sagt Timcke. Dabei sei es wünschenswert, wenn in jeder Redaktion jemand mit dem nötigen Wissen sitze. Und: „Generell bräuchte es bei jedem Einzelnen mehr Grundwissen von Data Literacy.“ Allerdings ist sie sicher: „Nicht jeder Journalist oder jede Journalistin muss statistische Analysen durchführen oder mit großen Datensätzen hantieren können.“

Mehr Datenkompetenz wünscht sich auch Becker vom WDR. Für ihn gehört dazu auch, bei der Einordnung Fehlschlüsse zu vermeiden. Sein Beispiel: „Wenn man sich die Impfquoten der einzelnen Städte und Kreise in NRW anschaut, stellt man fest, dass in Dortmund weniger geimpft wird als in Bonn. Die Schlussfolgerung muss aber nicht sein, dass in Dortmund weniger sorgfältig und zielstrebig geimpft wird.“ Solange es Priorisierungsgruppen gibt, könne es auch daran liegen, dass die beiden Städte einen unterschiedlichen Anteil älterer Personen haben. Man müsse also tiefer in die Recherche gehen – Zahlen seien auch hier nur ein Ausgangspunkt.

Kein Ersatz für Recherche vor Ort

Zudem ersetzten Daten nicht die Recherche vor Ort. Als ein WDR-Team in Köln beispielsweise herausfinden wollte, ob und warum die Corona-Fallzahlen in ärmeren Stadtteilen höher seien als in besser situierten, hätten sich die Kollegen zusätzlich vor Ort umgeschaut. Sie hätten etwa mit Streetworkern gesprochen oder vor Ort festgestellt, dass in den engen Fahrstühlen vieler Hochhauskomplexe nicht alle Regeln eingehalten werden können, berichtet Becker.

Welche weiteren Tipps haben die Fachleute auf Lager? Boisserée rät: „Sich Zeit nehmen und Schnellschüsse vermeiden. Man sollte sich nicht scheuen, Daten auch durch Expertinnen und Experten validieren zu lassen.“ Ruth Schulz rät ebenso, „mit hoher Konzentration und Aufmerksamkeit“ an die Sache zu gehen und auch mal Kolleginnen und Kollegen zu fragen. „Außerdem: Angebote für Fortbildungen annehmen“, sagt Schulz. Dabei könne man zum Beispiel lernen, wann ein Studienergebnis signifikant oder was ein Konfidenzintervall sei.

Zur Erinnerung: Statistisch signifikant ist ein Ergebnis eines statistischen Tests dann, wenn die Stichprobendaten so stark von der vorher festgelegten Annahme abweichen, dass diese sogenannte Nullhypothese verworfen wird. Das Konfidenzintervall beschreibt den Bereich, der mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit den unbekannten, „wahren“ Parameter in einem Zufallsexperiment enthält.

Besser rückversichern

„Man sollte keine Angst davor haben, mit Zahlen und Statistiken zu arbeiten. So schwer ist das eigentlich gar nicht, und es ist eine super Quelle, die immer wichtiger wird.“ Davon ist Datenjournalistin Timcke überzeugt. Immer mehr Themen seien datengetrieben, immer mehr politische und wirtschaftliche Entscheidungen würden auf Datengrundlage gefällt und begründet. Allerdings: „Wenn man weiß, dass man kein Expertenwissen hat, sollte man sich rückversichern“, betont sie. „Meint man zum Beispiel, in einer Tabelle vom Umweltbundesamt eine tolle Geschichte gefunden zu haben, sollte man dort noch einmal anrufen und fragen, ob der Rückschluss, den man gezogen hat, zulässig ist“, rät sie. Im Grunde sei das normale journalistische Arbeit. „Daten sind einfach nur eine weitere Quelle“, betont Timcke.

Was passiert, wenn Medienschaffende nicht sauber mit einer solchen Quelle umgehen, kann Tanja Bodenburg berichten. Als Leiterin der Pressestelle des Statistischen Landesamts NRW (IT.NRW) beobachtet sie, „wie über die Ergebnisse unserer Statistiken in den Medien berichtet wird“. Dabei würden Aussagen durch das Weglassen oder Umformulieren bestimmter Informationen teilweise auch falsch.

Der Teufel im Detail

Erlebt hat sie das schon: „Wenn wir beispielsweise in einer Pressemitteilung sagen ‚Im Februar 2021 flogen von den sechs Hauptverkehrsflughäfen in NRW 89 400 Passagiere ab‘, dann wurden hierbei nur die Einsteiger betrachtet. Wenn wir dann lesen ‚Im Februar 2021 beförderten die sechs Hauptverkehrsflughäfen in NRW 89 400 Passagiere‘, dann ist das nicht richtig, weil auch Aussteiger abgefertigt wurden“, erklärt sie. Der Teufel stecke manchmal im Detail.

Deshalb stehe man den Redaktionen für Rückfragen zur Verfügung. Dabei passiert es nach ihrer Aussage aber auch, dass Medienvertreterinnen und -vertreter mit einer Hypothese an die Pressestelle herantreten und versuchen, diese mit den Daten der Behörde zu belegen. „Wie schwierig das sein kann, zeigt uns zurzeit der Umgang mit statistischen Ergebnissen in Zeiten der Pandemie“, sagt Bodenburg.

Keine Rückschlüsse aufs Dunkelfeld

Auch Frank Scheulen, Pressesprecher des Landeskriminalamts (LKA) in NRW, betont, dass man gerne Unterstützung beim Umgang mit Zahlen und Statistiken des LKAs leiste. Die Statistik, die wohl jährlich die meisten Überschriften produziert, ist die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). „Sie ist ein Instrument der Polizei, mit dem Kriminalität gemessen werden kann. Es gibt aber Einschränkungen“, sagt Scheulen. So bilde die PKS nur das Hellfeld ab, also die zur Anzeige gebrachten Straftaten oder versuchten Straftaten. „Wir können aus ihr heraus somit keine Rückschlüsse auf ein mögliches Dunkelfeld ziehen“, erklärt Scheulen.

Außerdem könne das LKA unterjährig nicht über die PKS sprechen und Fallzahlen herausgeben. „Die Statistik wird erst zum Ende des Jahres abgeschlossen, die Daten geprüft und qualitätsgesichert“, betont Scheulen. (Wenn die Zahlen vorliegen, dürfen Journalistinnenen und Journalisten aber nicht auf eine anstehende Pressekonferenz verwiesen werden, so ein Urteil des Verwaltungsgerichts Düsseldorf, siehe „Gericht bestätigt Auskunftsanspruch“, JOURNAL 2/21).

Eine Besonderheit der PKS sollten Journalistinnen und Journalisten zudem kennen, erklärt Scheulen: „Manche Deliktbereiche werden etwas grober erfasst – zum Beispiel Betrug.“ Weil feine Aufschlüsselungen der Betrugsarten fehlen, könne die polizeiliche Statistik so etwas wie den Haustürtrick nicht eins zu eins abbilden.

Jede Statistik bringt also ihre Eigenheiten mit sich, und sich darin einzuarbeiten ist aufwendig. Dass Journalistinnen und Journalisten für die Erstellung eines Artikels heute weniger Zeit hätten als früher, sei bekannt, sagt Pressesprecherin Bodenburg. „Das darf aber nicht auf Kosten der Qualität gehen.“

Die Komplexität der Welt abbilden

Das sieht Sozialwissenschaftler Mühlichen ähnlich: „Weil Zahlen als Totschlagargument verwendet werden können, müssen diejenigen, die darüber berichten, ausreichend Hintergrundwissen haben. Sie müssen wissen, wann und wie sie nachfragen müssen, wie Daten zustandegekommen sind und ob die gewählte Darstellung adäquat ist oder nicht“, stellt er klar. Dabei gehe es nicht darum, dass man Umfragen und Statistiken, die auf dem eigenen Schreibtisch landen, direkt für falsch hält. „Aber man braucht Skepsis und einen verantwortungsbewussten Umgang mit Daten, um der Komplexität der Welt gerecht zu werden“, sagt Mühlichen.

Um auch mit einem Zitat zu schließen: Werbeberater Karl-Heinz Karius hat einst gesagt: „Was du auf jedem Sportplatz fürs Leben lernen kannst: Statistiken fehlt jegliches Einfühlungsvermögen. Sie erinnern sich nur an deine einfachen Tore, nie an deine brillianten Chancen und spektakulären Beinahe-Treffer“. Für Journalismus gilt das Gott sei Dank nicht. ||

 

Ein Beitrag aus JOURNAL 3/21, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Juni 2021.

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Lebenslanges Lernen ist für Journalisten notwendiger denn je – denn kaum eine andere Branche ist derzeit so im Wandel wie der Journalismus. Der DJV-NRW hat aus diesem Grund bereits 2009 ein Bildungsreferat eingerichtet. Damit möchte der Landesverband den Markt der journalistischen Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen transparenter machen: zum einen durch einen Überblick über aktuelle Angebote in NRW und zum anderen durch Impulse für neue Seminarthemen.

Die Arbeit des Referates gliedert sich in zwei Schwerpunkte: An erster Stelle steht die Kooperation des DJV-NRW mit Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen. Diese bieten DJV-Mitgliedern Seminare und Workshops zu vergünstigten Konditionen an (ein Überblick findet sich auf der folgenden Seite). Zweitens konzipiert das Bildungs-­referat auch eigene Seminare zu gewerkschaftlichen und berufsspezifischen Themen. „Der DJV-NRW versteht sich dabei ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu den Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen“, sagt Bettina Blaß, Bildungsbeauftragte beim DJV-NRW. „Wir beobachten die Veränderungen und Tendenzen im Journalismus und bieten darauf zugeschnittene Seminare an, um unsere Mitglieder fit für die Zukunft zu machen“, erklärt sie.

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