Fahrrad, Kleinwagen, SUV oder ÖPNV und Zug: Welche Fortbewegung Menschen bevorzugen und welchen Parteien sie zuneigen, lässt sich aus einer Umfrage unter Neuwagenbesitzenden nicht zuverlässig ableiten. | Foto: wagg66
Fahrrad, Kleinwagen, SUV oder ÖPNV und Zug: Welche Fortbewegung Menschen bevorzugen und welchen Parteien sie zuneigen, lässt sich aus einer Umfrage unter Neuwagenbesitzenden nicht zuverlässig ableiten. | Foto: wagg66
 
THEMA | Umgang mit Zahlen

Hochgerechnet und verallgemeinert

Wie Befragungen instrumentalisiert werden
20. Juni 2021, Corinna Blümel

Wenn Volos in der Innenstadt Meinungen zur geplanten Umwidmung von Parkplätzen in einen separaten Radweg einsammeln, dann ist das nicht mehr als das: eine Befragung willkürlich ausgewählter Personen, die bereit sind, öffentlich etwas zum Thema zu sagen. Und solange die Redaktion das in ihrer Berichterstattung deutlich macht, ist alles gut. Oder?

Transparenz und Einordnung

Die eingeholten Meinungen machen zwar die Sendung, die Seiten oder das Blatt bunter. Aber auch in der Summe bilden sie eben nicht das Stimmungsbild der Bevölkerung ab, weil neben der willkürlichen Stichprobe viele weitere Faktoren das Ergebnis beeinflussen. Das sollte dann auch transparent eingeordnet werden, wenn zum Aufregerthema Radweg noch schnell ein Kommentar verfasst wird.

Was der Pressekodex sagt

Der Pressekodex enthält die Richtlinie 2.1 zu Umfrageergebnissen: „Bei der Veröffentlichung von Umfrageergebnissen teilt die Presse die Zahl der Befragten, den Zeitpunkt der Befragung, den Auftraggeber sowie die Fragestellung mit. Zugleich muss mitgeteilt werden, ob die Ergebnisse repräsentativ sind. Sofern es keinen Auftraggeber gibt, soll vermerkt werden, dass die Umfragedaten auf die eigene Initiative des Meinungsbefragungsinstituts zurückgehen.“/

Die digitale Variante der Straßenumfrage sind offene Befragungen im Netz, an denen Nutzerinnen und Nutzer auf eigene Initiative (gegebenenfalls sogar mehrfach) teilnehmen können. Entsprechende Votings, gerne für polarisierende Themen und mit zugespitzter Frageformulierung, findet man in sozialen Medien und auf Meinungsseiten, die für oder gegen ein bestimmtes Thema trommeln. Aber auch Medienhäuser setzen solche Online-Abstimmungen ein, um Meinungen zu erfragen. Dort sind die Votings oft in einen passenden thematischen Kontext eingebettet. Je nachdem, ob die Frage zu Radweg und Parkplätzen unter einem Beitrag über Probleme des innerstädtischen Einzelhandels oder über Feinstaubbelastungen steht, dürften die Ergebnisse unterschiedlich ausfallen.

Gezielte Stimmungsmache

Mit Umfrageergebnissen lässt sich Stimmung machen – mitunter auch gegen den Willen von Forschenden. Etwa, indem man Teilergebnisse aus dem Zusammenhang reißt und ihrer konkreten Details beraubt. Ein Beispiel war das Datenprojekt zur Diversität unter Volontärinnen und Volontären der ARD (siehe journalist 11/20), das unter anderem Informationen zu regionaler und familiärer Herkunft sowie zu formalen Bildungsabschlüssen lieferte. Herausgegriffen wurde das Ergebnis, das in bestimmten Kreisen die Wut auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk befeuert: die politische Präferenz der Befragten für Grüne, Linke oder SPD. Dafür wird aus dem Volo-Jahrgang flugs „die ARD“ oder „die Öffentlich-Rechtlichen“, und schon kann man die ewige Behauptung vermeintlicher links-grüner Meinungsdominanz bei ARD und Co. mit dem Hinweis „bewiesen“ versehen.

Die gleiche Technik – eine kleine, genau abgegrenzte Befragtengruppe zum Ganzen aufblasen – kam auch bei diesem aktuelleren Beispiel zum Einsatz. „Eine Umfrage zeigt: Niemand fährt so gerne Geländewagen wie die Öko-Klientel“, hieß es in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 15. Mai. In der betreffenden Umfrage hatten 16,6 Prozent derer, die in jüngerer Zeit ein SUV gekauft hatten, bei der „Sonntagsfrage“ die Grünen angeklickt.

Wirtschaftsredakteur Georg Meck folgerte daraus, jeder sechste Grünen-Sympathisant habe „einen Geländewagen vor der Haustür stehen“. Eine grobe Missinterpretation, wie zum Beispiel Alexander Graf, Chefredakteur des Medium Magazins, anschaulich kritisierte. „Das ist ungefähr so: Ich gehe zum HSV, frage die Fans im Stadion nach ihrer Partei-Präferenz und schreibe dann: ‚Jeder dritte CDU-Wähler ist HSV-Fan‘. Seriously??“

Diese Umkehr der Aussage zeigt dabei nur einen Teil des Problems. Meck ignoriert zudem die enge Staffelung der „Spitzengruppe“. Hinter den 16,6 Prozent mit Sympathie für die Grünen folgten in der Befragung 16 Prozent, die eine Nähe zur SPD angaben, 15,9 Prozent bekannten sich zur AfD, die CDU/CSU kam auf 15,3 Prozent. Hinten lagen FDP (13,4) und Linke (7,7).

25 von 1.042

Die Aussagekraft schwindet umso mehr, wenn man sich die Mühe macht, beim Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Puls aus Schwaig bei Nürnberg ein paar Details zu erfragen. Danach wurden 1.042 Menschen (nach Unternehmensangaben repräsentativ ausgesucht) befragt, die in den vergangenen zwölf Monaten ein Auto gekauft hatten oder dies in den kommenden sechs Monaten planten. Befragt wurden sie zu allen Fahrzeugklassen und Marken, die „Sonntagsfrage“ stand am Schluss.

Auf die Fahrzeugklasse SUV entfielen dabei grob gerechnet 150 Teilnehmende, die schon gekauft hatten, und rund 300, die ein entsprechendes Interesse bekundeten. 16,6 Prozent von 150 – das sind in absoluten Zahlen knapp 25 Befragte. Wenn er wollte, wäre ein Wirtschaftsredakteur sicher kompetenter im Umgang mit Zahlen und Umfrageergebnissen.||

Ein Beitrag aus JOURNAL 3/21, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Juni 2021.

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