GLOSSE

Neulich… Der Klickschinder-Hannes

9. April 2020, .stan

Wir hockten alle zu Hause vor unseren Computern. Video-Stammtisch im Zeitalter von Corona, seit Wochen schon. Anfangs gab’s Technik- und Disziplinprobleme: Ey, wir sehen nur deinen Bauch! Wen haben wir gerade verloren? Kannste mal die Hitparade im Hintergrund abschalten? Du könntest deine Bude auch mal wieder aufräumen. Solche Sachen. „Habt ihr auch alle schön die Anti-Viren-Programme hochgefahren?“, flachwitzelte Klaus immer noch jedes Mal am Anfang.

Karla hielt eine Rolle Klopapier in die Kamera: „Hat mein Mann im März gehamstert. Unser Vorrat reicht bis mindestens 2026.“ Meike kicherte: „Notfalls gibt’s ja noch Zeitungen.“ Stimmt. Die australische Lokalzeitung NT News erschien kürzlich mit acht leeren Seiten, zum Zerschnibbeln, als Wisch-Ersatz. Einlagig.

Ohne Zweifel ein Service, den Online nicht bieten kann. „Dafür haben wir viele andere Vorteile“, warf Hannes ein. Uns war aufgefallen, dass er immer wieder gehetzt auf dem Handy tippte. Das machte uns neugierig. „Wir haben da eine Software“, erklärte der Onliner, „die uns zeigt, wie oft unsere Texte aktuell angeklickt werden.“ Und ihm fehlten gerade noch sechs Klicks. Für den Tagessieg im internen Wettstreit der Redaktion. Der Preis: Eine Überstunde wird anerkannt.

„Könnt ihr nicht mal eben auf meinen Text surfen und ein paar Mal klicken?“, ließ Hannes die Katze aus dem Sack. „Aus Solidarität.“ Wir dachten an die vielen Streiks und Aktionen, bei denen er stets fehlte. Überhaupt gefiel uns diese ganze Klickschinderei im Onlinejournalismus nicht. Hund verschwindet spurlos – unfassbar, wo er sechs Jahre später wieder auftaucht. Schock-Prognose: Bald 10 Millionen Infizierte, wenn …
„Besonders eklig wird es“, Katrin verzog ihr Gesicht, „wenn nach Tragödien Reißerüberschriften nach Lesern lechzen“. Solche wie „Es machte plopp, plopp, plopp – immer wenn das Auto…“ Menschenverachtend. Wir fragten uns, ob die Produzenten überhaupt noch Journalisten sind. „Jedenfalls sind die nicht wichtig für die Gesellschaft“, stellte Ulf klar. Ordentliche Journalisten dagegen schon: „Wir sind ja jetzt als systemrelevant anerkannt. Zumindest als kritische Infrastruktur.“ Wir schmunzelten: „Da muss erst ein Virus die Welt bedrohen, bis das der Politik auffällt.“

P.S.: Natürlich haben wir dann noch für Hannes geklickt. Solidarität und so. Und gehofft, dass die Politiker unsere am Virus verarmenden Freien nicht im Stich lassen. Relevanz und so.||


Ein Beitrag aus JOURNAL 2/20, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im April 2020.

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Verlagsveröffentlichung - Branchenspecial

Aus- und Weiterbildung für Journalisten

Lebenslanges Lernen ist für Journalisten notwendiger denn je – denn kaum eine andere Branche ist derzeit so im Wandel wie der Journalismus. Der DJV-NRW hat aus diesem Grund bereits 2009 ein Bildungsreferat eingerichtet. Damit möchte der Landesverband den Markt der journalistischen Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen transparenter machen: zum einen durch einen Überblick über aktuelle Angebote in NRW und zum anderen durch Impulse für neue Seminarthemen.

Die Arbeit des Referates gliedert sich in zwei Schwerpunkte: An erster Stelle steht die Kooperation des DJV-NRW mit Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen. Diese bieten DJV-Mitgliedern Seminare und Workshops zu vergünstigten Konditionen an (ein Überblick findet sich auf der folgenden Seite). Zweitens konzipiert das Bildungs-­referat auch eigene Seminare zu gewerkschaftlichen und berufsspezifischen Themen. „Der DJV-NRW versteht sich dabei ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu den Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen“, sagt Bettina Blaß, Bildungsbeauftragte beim DJV-NRW. „Wir beobachten die Veränderungen und Tendenzen im Journalismus und bieten darauf zugeschnittene Seminare an, um unsere Mitglieder fit für die Zukunft zu machen“, erklärt sie.

Weitere Informationen:
Bildungsbeauftragte Bettina Blaß freut sich über Fragen und Anmerkungen zum Thema Weiterbildung.
Tel.: 0221 48535326
E-Mail: bettina.blass@djv-nrw.de

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