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WDR: Hörfunkreformen verabschiedet

DJV-NRW fordert soziale Verantwortung für Autorinnen und Autoren des Stichtags ein
14. Februar 2021, Corinna Blümel

Am 10. Dezember 1970 erhielt Alexander Solschenizyn den Literatur-Nobelpreis – nicht nur eine literarische, sondern auch eine politische Entscheidung, die die Verbrechen der damaligen Sowjetunion in den Blickpunkt rücken sollte. Denn Solschenizyn schrieb über seine acht Jahre in verschiedenen Lagern in Sibirien. 50 Jahre später, am 10. Dezember 2020, nutzte der Stichtag auf WDR 2 das historische Ereignis, um an das bewegte Leben des Schriftstellers zu erinnern – vier Minuten mit O-Tönen und Experteninterviews.

Ob der Stichtag diese Qualität halten kann, muss sich zeigen. Denn am gleichen Tag stimmte der WDR-Rundfunkrat bei seiner Dezembersitzung zu, dass das Format ab 1. April als ARD-Kooperation unter Federführung von Radio Bremen produziert wird. Das Vorhaben hatte im Vorfeld für lauten und öffentlichen Widerspruch gesorgt (siehe JOURNAL 5/20 und 6/20), weil der Stichtag auf WDR 2 sich großer Beliebtheit erfreut und zusammen mit dem ZeitZeichen auf WDR 5 als ein Aushängeschild des WDR-Hörfunks gilt.

Weniger eigenproduzierte Formate

Weit weniger Aufmerksamkeit fand das neue Programmschema, dem WDR 5 seit dem Jahreswechsel folgt. Dabei ist unterm Strich der Anteil eigenproduzierter aktueller Formate gesunken, Sendungen wie die Funkhausgespräche und die Polit-WG entfallen. Ebenso die Berichte von heute, die bisher nachts ausgestrahlt wurden. Stattdessen übernimmt WDR 5 nun bereits ab 23 Uhr die ARD-Infonacht, die bis 6 Uhr läuft. Das biete nach Aussage des Senders „mehr Aktualität in der Nacht“.

Die renommierten Informationssendungen Mittagsecho und Echo des Tages folgen neuen Konzepten und fallen am Wochenende zugunsten anderer Formate weg. Zudem wurde das Mittagsecho um 25 Minuten auf eine halbe Stunde gekürzt. Ein 20-minütiges Feature soll im Anschluss „vertiefende Informationen“ bieten.

Nach den Worten von Valerie Weber, die als WDR-Programmdirektorin für die Bereiche NRW, Wissen und Kultur zuständig ist, soll WDR 5 künftig „stärker die Perspektive aus Nordrhein-Westfalen auf das nationale und internationale Geschehen berücksichtigen und sich mehr Raum für Vertiefung, Einordnung und konstruktive Ansätze geben“. Zudem wirbt Weber mit mehr Sendeplätzen für hochwertige Features und Dokumentationen.

Neu aufgenommen wurde unter anderen am Samstagabend eine Audio-Ausgabe des Magazins sport inside, angekündigt sind hintergründige und investigative Berichte aus dem Sport. Sonntagabends wurden Sendeplätze für Interviews sowie für längere Auslands-Features und -Reportagen geschaffen. Wenn es sich dabei allerdings vielfach um Wiederholungen handelt und wenn sich auch Mittagsecho und Echo des Tages – nach den ersten Höreindrücken – vermehrt die gleichen Beiträge teilen, bleiben Stammhörerinnen und -hörer eher verärgert zurück.

Evaluation im Herbst

Ehe der Rundfunkrat im Dezember mehrheitlich für die Programmänderungen zum 1. Januar (WDR 5) bzw. 1. April 2021 (Stichtag) stimmte, hatten Programmausschuss und Gesamtgremium in mehreren Sitzungen ausführlich und kritisch diskutiert. Mit dem Beschluss kündigte der Rundfunkrat an, die Reformen im Herbst 2021 zu evaluieren – unter anderem mit einem sehr kritischen Blick darauf, wie sich ZeitZeichen und Stichtag entwickeln.

Ob Popkultur, Drittes Reich oder die erste Parkuhr in Duisburg: Der Stichtag widmet sich sehr unterschiedlichen Themen. | Screenshot
Ob Popkultur, Drittes Reich oder die erste Parkuhr in Duisburg: Der Stichtag widmet sich sehr unterschiedlichen Themen. | Screenshot

Anlass für die Reformen war der Ausstieg des NDR aus der Kooperation bei den drei Informationsstrecken. Der WDR will dies vor allem durch Übernahmen und Kooperationen mit anderen ARD-Anstalten ausgleichen. Wobei das Netto-Sparvolumen durch die Weggabe des Stichtags auf gerade mal rund 60 000 Euro pro Jahr berechnet wird.

„Kooperationen sind wichtig und auch nötig, um kostengünstig Lücken im Programm auffangen zu können“, erklärte Petra Kammerevert (MdEP) als Vorsitzende des Programmausschusses. „Allerdings darf durch die geplanten Maßnahmen vor allem die Qualität und der Umfang der Informationssendungen insgesamt nicht leiden“.

Kann das beim Stichtag gelingen? Daran gibt es Zweifel, nicht nur, weil das bisherige Kalenderblattformat bei Radio Bremen deutlich schlechter war. Für die Autorinnen und Autoren zählte, dass sie häufig das gleiche Thema für den Stichtag und das längere ZeitZeichen auf WDR 5 bearbeiten konnten – so auch beim oben erwähnten Beispiel des Nobelpreises für Alexander Solschenizyn. Die aufwendige Recherche und Produktion von Geschichtsthemen rechneten sich in vielen Fällen nur durch diese Kombination zweier Aufträge.

Immerhin: Um den regionalen Bezug zu erhalten, können künftig fünf bis zehn Prozent der Stichtage aus NRW zugeliefert werden. Und dabei sollen auch bisherige Stichtags-Autorinnen und -Autoren vom WDR zum Zug kommen können – allerdings zu deutlich schlechteren Konditionen: Radio Bremen zahlt niedrigere Honorare, und dort gibt es auch keine Wiederholungszuschläge.

Neben dem Anteil an NRW-Themen war der WDR zu wenigen anderen Zugeständnissen bereit: So konnte er in der Kooperation durchsetzen, dass wenigstens der Name Stichtag und die Länge von vier Minuten erhalten bleiben. Zudem hat der Sender in Aussicht gestellt, das Honorar für das ZeitZeichen anzuheben. Gegenüber der F.A.Z. gab der WDR an, das Honorar steige von 830 auf 970 Euro, inklusive des Wiederholungshonorars des Saarländischen Rundfunks kämen Autorinnen und Autoren künftig auf 1 177 Euro. Ein Teilausgleich dafür, dass der Stichtag als „Zweitverwertung“ der Recherche wegfällt.

Verlust der Geschichtskompetenz

Zwar hat der WDR in der Diskussion um den Stichtag immer wieder beteuert, das ZeitZeichen erhalten zu wollen. Trotzdem warnt Frank Stach, Vorsitzender des DJV-NRW, dass die jetzige Entscheidung auf Dauer auch das längere ZeitZeichen gefährdet. Er verweist darauf, dass der WDR gleichzeitig weitere Geschichtsformate einkürze, etwa Meilensteine und Legenden auf WDR 4, und kein Konzept für neue Formate habe.

„Alarmierend“ nennt Stach das, seine Befürchtung: Viele der mehr als 70 Autorinnen und Autoren könnten dem WDR den Rücken kehren, sodass der Sender seine „bisher herausragende historische Kompetenz“ verlieren könnte. Dabei komme der öffentlich-rechtliche Rundfunk gerade mit solchen Formaten „seinem gesellschaftlichen Bildungsauftrag nach“. Wie nötig das sei, müsse Senderverantwortlichen mit Blick auf Verschwörungserzählungen und Fake News klar sein.

Der DJV-NRW fordert, dass der WDR soziale Verantwortung für die Autorinnen und Autoren des Stichtags übernimmt. „Wir erwarten, dass die Geschäftsleitung den freiberuflichen Kolleginnen und Kollegen, die bisher den Stichtag produzierten, so schnell wie möglich ein konkretes Angebot mit Alternativaufträgen macht, das ihnen hilft, die drohenden Honorareinbußen auszugleichen“, sagte Stach. Leider hätten die vergangenen Monate gezeigt, dass es im Hause trotz des eingeleiteten Kulturwandel-Prozesses immer noch erschreckende Kommunikationsdefizite zwischen Hausspitze und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gebe. Der DJV im WDR werde sich „auf allen Ebenen dafür einsetzen, dass man die Kolleginnen und Kollegen nicht ins Bodenlose fallen lässt“.||

Transparenzhinweis: Die Autorin ist stellvertretendes Mitglied im WDR-Rundfunkrat.


Ein Beitrag aus JOURNAL 1/21, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Februar 2021.

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