THEMA | Glaubwürdigkeit

Sicherheit und Restrisiko

Beim Handelsblatt arbeiten Investigativteam und Justiziariat eng zusammen
17. Juli 2026, Andrea Hansen
Die gut eingespielte Zusammenarbeit zwischen dem Investigativteam unter Leitung von Sönke Iwersen (r.) und Justiziar Peter Koppe erlaubt der Handelsblatt­-Redaktion starke Recherchen, erfuhr Andrea Hansen im Gespräch. | Foto: Bernd Arnold

Glaubwürdigkeit ist ein scheues Reh. Hat man sie erstmal verschreckt, ist es schwierig, sie wieder einzufangen. Wie bewahrt man also das zerbrechliche Vertrauensverhältnis zwischen Medienmachenden und -nutzenden in diesen unruhigen Zeiten? Denn irgendwo zwischen Geschäftsmodellkrise, KI-Hype, Desinformation und Medieninkompetenz wird die Basis von Beruf und Branche gerade immer wieder aufs Neue erschüttert.

Donnerstagmorgen in der Zentrale des Handelsblatts in Düsseldorf. Wo wir zusammensitzen, ist Zufall, doch der Ort könnte nicht passender sein. Das Foyer, sonst präferierter Treffpunkt im Verlagshaus, ist durch eine Veranstaltung belegt. Also haben Peter Koppe (Leiter Recht & Compliance) und Sönke Iwersen (Leiter Investigative Recherche) in die Bibliothek geladen. Eingerahmt von vielen Büchern sprechen wir über Glaubwürdigkeit.

Journalist und Jurist in einem

Peter Koppe ist eine Rarität, denn er ist nicht nur Jurist, sondern auch ausgebildeter Journalist. Er hat nach Studium und freier Mitarbeit beim WDR volontiert, dort im Anschluss ein Jahr als Redakteur und danach drei Jahre im WDR-Justiziariat gearbeitet. Dann ging es in eine Kanzlei. Seit sechs Jahren bringt er sein Doppel-Wissen bei der Handelsblatt Media Group ein.

In seiner Brust schlagen also zwei Herzen, und in seinem Hirn gibt es zwei Kompetenzbereiche. Alle Texte aus Sönke Iwersens Investigativteam gehen über seinen Tisch. Für diese Vorgehensweise bekommt der Investigativleiter – für ihn völlig unverständlich – immer wieder Beileidsbekundungen von Kolleginnen und Kollegen. „Für uns ist diese enge Zusammenarbeit mit dem Justiziariat das genaue Gegenteil, nämlich ein absoluter Glücksfall“, erklärt er. Jede angreifbare Formulierung oder nicht ausreichend belegte Tatsache, die der Kollege Jurist herausfischt, mache ihm keinen unnötigen Ärger: „Ein juristisches Nachspiel verursacht zehnmal so viel Arbeit wie eine sorgfältige interne Abnahme.“

Andere Fragestellung

Erfahrung hat Iwersen mit beiden Arten juristischer Prüfung, auch mit der durch Personen, die noch nie selbst einen Artikel geschrieben haben. Einem Juristen klarzumachen, warum ein Journalist etwas so und nicht anders schreiben möchte, sei oft sehr kompliziert. Koppe reklamiert darum für sich, solche Diskussionen gar nicht erst anzufangen: „Ich halte mich aus Formulierungsfragen journalistisch raus. Ich passe nur aus juristischen Gründen an.“

Was nicht heißen soll, dass Juristinnen und Juristen nicht auch mal publizistisch gute Ideen haben können. „Hatten wir gerade noch bei der Tesla-Geschichte“, erzählt Iwersen (zu den erwähnten Handelsblatt-Recherchen siehe Kasten). Da hätte Professor Mann, der externe Anwalt, mit dem sie bei Klagen zusammenarbeiten, eine „grandiose Idee“ gehabt: „Er schlug vor, eine Website zu schalten, über die Menschen in Erfahrung bringen konnten, ob sie in den Tesla-Files auftauchten. Das gab eine Riesenmasse an neuen Kontakten.“

Beim Handelsblatt fährt der Journalisten-Juristen-Kollege Koppe auch mal mit zur Recherche. So gibt es nicht nur ein zweites Paar Augen, das auf eine Quelle mit draufschaut, sondern zugleich einen weiteren Blickwinkel.

Zwei Männer mit kurzen Harren sind an einem Besprechungstisch vor einer Bibliothekswand ins Gespärch vertieft. Einer trägt ein weißes Hemd, der andere ein helles Hemd und darüber ein Jacket
Ein juristisches Nachspiel verursacht deutlich mehr Arbeit als eine sorgfältige interne Abnahme. Deswegen schätzt Sönke Iwersen (r.) die Expertise von Justiziar Peter Koppe, der auch einen journalistischem Background hat. | Bild: Bernd Arnold

Geburtsstunde der Investigativabteilung

Iwersen meldet sich generell gern früh beim Justiziar. Das sei sogar quasi die Geburtsstunde der Investigativabteilung gewesen, als er mit den ersten Infos zum Ergo-Party-Skandal bei Koppes Vorgänger vorstellig wurde und wissen wollte, wie die Beleglage aussehen müsse, um diese Geschichte bringen zu können. Die Haltung, es irgendwie auch ohne die Rechtsabteilung hinzubekommen, existiere bei ihnen in der Redaktion nicht: „Wir sitzen alle in einem Boot, wollen das Ding gemeinsam zur Aufführung bringen.“ Nur eben so gut wie möglich und nicht irgendwie.

Andererseits: „Wenn wir mit der Attitüde an Stücke ‘rangehen würden, dass bei uns nur veröffentlicht wird, was 100 Prozent rechtssicher ist, dann können wir den Laden zumachen, also zumindest die Investigativabteilung“, erläutert Koppe. Das funktioniere nicht. Die Risiken seien da – und müssten manchmal auch eingegangen werden. Denn eine gewisse Risikobereitschaft stärke die Glaubwürdigkeit eben auch.

Notfalls durch alle Instanzen

Was sie beim Handelsblatt nicht wollen: Im schlimmsten Fall ein paar Tausend Euro zahlen und einen Text offline nehmen müssen. „Wir haben keine Kriegskasse und verletzen nie leichtfertig Persönlichkeitsrechte.“ Wenn sie veröffentlichen, dann in dem Bewusstsein, alles getan zu haben, dass die Geschichte vor Gericht Bestand hat – wenn es sein muss, durch alle Instanzen.

Better safe than sorry gilt aber noch aus einem anderen Grund, unterstreicht der Jurist: „Wir haben die Glaubwürdigkeit unserer Marken, und wir haben die Glaubwürdigkeit unserer Autoren als Assets. Beides ist schneller zerstört als aufgebaut. Darum passen wir so gut darauf auf.“

Neue Formate mit neuen Herausforderungen

Früher musste nur auf Printprodukte „aufgepasst“ werden. Doch mittlerweile ist die Handelsblatt Media Group auch mit Podcasts und Live-Journalismus sehr erfolgreich. Die neuen Tätigkeitsfelder für Journalistinnen und Journalisten sowie für Juristinnen und Juristen bringen andere Herausforderungen mit sich. Klar, es existiert ein Skript, aber logischerweise leben Audio- und Bühnenjournalismus auch von der Interaktion der Beteiligten und einer gewissen Spontaneität.

Deswegen sitzen Peter Koppe oder seine Kollegin Marie Wollschlaeger mittlerweile bei der Aufnahme mit im Studio. Dabei haben sie ihre Arbeitsweise an die Erfordernisse des Mediums angepasst: „Ein Text lässt sich deutlich leichter im Nachgang korrigieren als ein Audio“, sagt Iwersen. Und darum lässt er sich lieber unterbrechen, wenn alle noch im Flow sind.

Ein „mutmaßlich“ reicht nicht

Aber ganz so easy, wie es klingt, ist die Arbeit im Dienste der Glaubwürdigkeit nicht: „Solange man ‚mutmaßlich‘ oder ‚offenbar“ davor schreibt, wird schon alles gut werden? Das ist ein weit verbreiteter Irrglaube“, stellt Koppe klar. Es geht um zerbrechliche Güter, und in diesem Bewusstsein arbeiten sie als Team. Auch Chefredakteur Sebastian Matthes ist oft früh mit an Bord. Gemeinsam wird dann abgewogen: Reichen die Belege? Ist die Quelle glaubwürdig, ihr Vortrag glaubhaft? Passt die Formulierung so und nicht anders?

Doch ein Restrisiko bleibt. Letztlich ist Jura auch eine Textauslegungswissenschaft, und Richterinnen und Richter sind nur Menschen. Sie kommen halt beim selben Sachverhalt schon mal zu unterschiedlichen Urteilen. Es ärgert Koppe, dass es in anderen Medienhäusern die Haltung gebe, wenn es vor Gericht gehe, müsse auch ein Fehler passiert sein: „Dem würde ich ausdrücklich widersprechen: Wo gehobelt wird, fallen eben Späne.“ Man dürfe nicht aufgeben, wenn man eine einstweilige Verfügung bekommt, findet Koppe: „Das Spiel muss man dann mitspielen.“

Schuld ist für ihn darum auch keine Kategorie bei der Arbeit, weil man ja vorher im Team alles gemeinsam geprüft habe. Iwersen betont, dass es andererseits auch nicht sein dürfe, dass Journalisten es sich hinter dem Urteil des Juristen bequem machten und dann alle Verantwortung von sich wiesen.

Falls eine Recherche Koppe bei der telefonischen Erstberatung noch nicht überzeugt, hilft Dranbleiben: „Wenn die Kollegen sich nicht zu schade sind, einfach mal einen Textentwurf rüberzuschicken, dann schaue ich mir das Ganze genauer an und komme durch die konkretere Vorlage nicht selten zu einer anderen Einschätzung.“

Ein Aushandlungsprozess

Sie diskutierten generell sehr viel – vorher und nachher. Man dürfe sich das nicht so vorstellen, dass der Jurist von der Redaktion einen Text auf den Tisch geknallt bekomme und nur fix seinen Haken dran mache. Es sei ein Hin und Her, ein Geben und Nehmen, ein Aushandlungsprozess und stets vom Ende her gedacht: Was brauchen wir, damit die Recherche draußen Bestand hat? Iwersen investiert lieber vor der Veröffentlichung mehr Zeit. Eine Recherche nachträglich zu verteidigen, mache viel mehr Mühe und Frust: „Da weiß ich, das schreibe ich jetzt nur für ein bis zwei Leser – unseren und vielleicht noch den anderen Anwalt.“

Sie diskutieren aber nicht nur den rechtlichen Rahmen, sondern auch den presseethischen. So gibt es eine Geschichte, in der das Handelsblatt den Namen eines Gutachters in Cum-Ex-Fällen nennt. Andere Medien berichten über denselben Fall nur anonym: „Sein guter Name war das Geschäft in diesem Fall“, begründet Iwersen die Entscheidung: „Da finde ich es besonders glaubwürdig, diesen Namen auch aufzuschreiben.“

Koppe ergänzt, dass es eben immer zwei Blickwinkel gebe. Juristisch könnte man oft viel vertreten, aber es müsste auch immer eine journalistische Begründung geben, jemanden zu exponieren: „Wenn wir zu dem Ergebnis kommen, dass es für die Glaubwürdigkeit der Geschichte entscheidend ist, nennen wir den Namen. Ist es das
nicht, lassen wir ihn auch weg.“ Name-Dropping aus Prinzip müsse nicht sein.

Die Standards gelten trotz Eile

Ein Mann mit kurzen dunklen Haaren im engagierten Gespräch.
Wenn wir durch Sorgfalt eine Geschichte nicht zuerst haben, dann ist das so. Peter Koppe, Leiter Recht & Compliance beim Handelsblatt | Foto: Bernd Arnold

Das Gleiche gilt für Geschwindigkeit: Wenn ihnen klar ist, dass auch andere an einer Story dran sind, drücken sie nicht zu Lasten von Gründlichkeit und damit der Glaubwürdigkeit auf die Tube. Es gelten dieselben Standards. Immer. Das sei simples Handwerkszeug, sagt Koppe: „Ich sehe es auch als meinen Job, darauf zu achten. Wenn wir dadurch eine Geschichte nicht zuerst haben, dann ist das so.“

Ruhig bleiben sei generell wichtig im Investigativressort. Manche Anwaltskanzleien schreiben die Journalistinnen und Journalisten auch direkt an, manchmal sogar, bevor der erste Satz veröffentlicht ist: „Bei der Triton-Geschichte kamen von elf verschiedenen Kanzleien Reaktionen und Drohungen – direkt als wir die Konfrontationen rausgeschickt hatten“, erinnert sich Iwersen. In solchen Fällen ist er schon froh, das Justiziariat an seiner Seite zu wissen: „Ich habe gerade erst von einer anderen Zeitung gehört, dass diese die Rechtsabteilung abgeschafft haben. Um Gottes Willen …“

Investigativ arbeiten erfordert Mut

Ins Investigative zu investieren, erfordere Mut bei allen Beteiligten – in der Rechtsabteilung und der Redaktion, aber auch noch weiter oben: „Wenn du wie bei den Tesla-Files über den reichsten Mann der Welt schreiben willst, musst du durchdenken, was alles passieren könnte. Wir haben zum Glück mit Dieter von Holtzbrinck einen starken Verleger“, meint Iwersen: „Das würde nicht jeder so mitmachen, glaube ich.“

Bei der Tesla-Recherche habe er am Freitag mit dem Whistleblower gesprochen, am Montag dem Chefredakteur davon erzählt. Sie hätten beide angenommen, dass nicht sein könne, was der da berichtete. Aber sie waren sich auch einig, dass die Geschichte zu gut sei, wenn sie stimme, als dass man sie ignorieren dürfe: „Und dann hat er uns genehmigt, dass wir ein halbes Jahr an dieser Geschichte arbeiten, ohne ein Wort zu drucken.“

Vor dem Hintergrund dessen, was sie aufgedeckt haben, ärgert den Reporter umso mehr, dass viele immer noch jede neue Ankündigung von Elon Musk für bare Münze nehmen: „In so und so viel Jahren sind wir auf dem Mars oder können hinten in unser Auto einsteigen und es fährt uns überall hin. Da muss man doch nur ins Archiv gehen und gucken, wie oft er so etwas schon gesagt hat und es nicht eingetreten ist.“ Das sei ja kein Weg mehr, das habe man heute doch direkt auf dem eigenen Bildschirm. „Diese Naivität gegenüber den ganz großen Leuten der Tech-Branche finde ich ein bisschen seltsam.“ Wenn ein deutscher Politiker oder eine deutsche Politikerin den Mund aufmache, ordne man die Aussage ja auch ein.

Ein Mann mit kurzen Haaren und Brille erklärt sehr engagiert etwas. Er schaut halb nach unten und hat die Hände erhoben.
Eine reine Aussage hat für Sönke Iwersen, Leiter Investigative Recherche beim Handelsblatt, nicht denselben Wert wie ein echter Beleg. | Foto: Bernd Arnold

Auf die Frage, wann sie als Leser eine journalistische Arbeit glaubwürdig finden, kommen beide zu dem gleichen Schluss: wenn sie gut dokumentiert ist. Nach so vielen Jahren im Journalismus sei das eine berufsbedingte Schädigung: „Wenn jemand etwas nur sagt, hat es für mich nicht denselben Wert, als wenn es einen Beleg gibt“, räumt Iwersen ein.

Dass sich der Journalismus dahingehend verändert habe, erklärt er auch immer den Volontärinnen und Volontären: „Früher hat man jemanden angerufen, etwas gefragt und so ein Zitat gehabt. Anführungszeichen, Abführungszeichen, fertig.“ Die Geschichten, die er und sein Team heute machen, seien in der Regel vollständig dokumentiert durch interne Chats oder E-Mails, Gutachten, Protokolle und manchmal auch Tonaufnahmen.

„Irre, was die Leute heute schreiben“

„Uns Journalistinnen und Journalisten gerät zum Vorteil, dass die Menschen jetzt anders kommunizieren als früher. Das ist ja irre, was sich die Leute heute alles schreiben“, sagt Iwersen verwundert. Das hätten sie bei Volkswagen, Wirecard und Cum-Ex gesehen. Und die neueste Version dieser dokumentierenden Kommunikation sei das Versenden von Sprachnachrichten: „Das ist natürlich auch ein Dokument, das bleibt.“

Menschen rufen ihn nicht mehr an, obwohl man seine Nummer relativ leicht finden könne: „Heute kriegt man bei Instagram eine Sprachnachricht von einem Rapper: Kool Savas war eingeladen auf der Tesla-Weihnachtsfeier.“ Diese Nachricht habe ihnen später ermöglicht, daraus so zu zitieren, dass es unangreifbar war: „Der hat sich zwar einen Anwalt genommen, und der hat auch getönt. Aber da ist nichts nachgekommen, nachdem ich es geschrieben hatte.“||