
Ich werde oft gefragt, wieso ich mir gerade diese Branche ausgesucht habe. Journalismus sei ein untergehendes Schiff, das immer unwichtiger werde und noch dazu schlecht bezahlt sei. Mit 21 Jahren könne ich noch etwas Sinnhaftes lernen. Die Kritik ist berechtigt, denn vor allem der Berufseinstieg ist schwer. Ein Studium ohne Arbeitserfahrung scheint nichts wert zu sein, und es gibt gerade am Anfang der Karriere kaum Anerkennung, geschweige denn Geld. Menschen, die keine finanzielle Unterstützung von den Eltern haben, können sich diesen Beruf und die damit einhergehenden unbezahlten Praktika kaum leisten. Das ist dramatisch, weil der Journalismus im Zeitalter von Social Media immer wichtiger wird und dieses Schiff jede helfende Hand gebrauchen kann. Gerade in Zeiten eines US-Präsidenten, der von alternativen Fakten spricht, brauchen wir Menschen, die hinterfragen, einordnen und diskutieren.
Am Anfang musste ich viel über die Strukturen der Branche lernen. Arbeitserfahrung und Kontakte sind das Wichtigste. Noch wichtiger ist aber Neugierde auf die Welt. Zum Beispiel bin ich einmal zu einer Lesung der ZDF-Moderatorin Katty Salié gefahren, um sie fürs Kölner Hochschulradio Kölncampus zu interviewen. Sie gehört zu den Hosts der Kultursendung aspekte und ist ein großes Vorbild für mich. Es war ein gelungenes Interview, und danach gestand ich ihr meine Liebe für die Kultursendung. Sie gab mir darauf den Tipp, mich für ein (bezahltes) Praktikum bei der Redaktion in Berlin zu bewerben. Zwei Jahre später war ich als Hospitant für aspekte unterwegs und durfte sogar eine Reportage mit ihr produzieren. Wir waren gemeinsam auf der Berlinale – dem größten internationalen Publikumsfestival der Welt. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass die Möglichkeiten unbegrenzt sind, wenn Neugierde über unsere Arbeit bestimmt.
Es gibt einen Ort zwischen Kultur und Politik.
Dort treffen wir uns.
Ich arbeite beim WDR hauptsächlich für Politik-Redaktionen. Dabei diskutiere ich über nationales und internationales Weltgeschehen. Die allermeiste Zeit beschäftige ich mich mit negativen Entwicklungen oder zumindest herausfordernden Ereignissen. Diese Art von Berichterstattung ist sehr wichtig, gleichzeitig braucht es auch konstruktive Ansätze, die uns im Glauben an die Menschheit stärken. Aus diesem Grund liebe ich Kulturjournalismus. Menschen kreieren etwas, ob es ein Theaterstück oder ein Handwerksbetrieb ist, ganz egal, aber sie setzen sich mit der Gegenwart auseinander und verarbeiten die düsteren Schlagzeilen. Das hat eine hoffnungsgebende Kraft, die noch nicht erkannt wurde. Vor allem Menschen, die an Nachrichtenmüdigkeit leiden, können durch Kulturberichterstattung berührt werden. Eine gute Freundin von mir schaut seit längerer Zeit keine Nachrichtenangebote mehr, weil sie darin keinen Sinn sieht. Der Kulturjournalismus kann hier ein konstruktives Angebot sein, das inspirierende Menschen zeigt. Mein journalistisches Interesse liegt zwischen Politik und Kultur, weil sich der Zustand einer Gesellschaft nur an beiden Bereichen beobachten lässt. An diesem Ort ist die Spannung.||
Melvin Schwertel steht am Anfang seiner journalistischen Karriere. Er arbeitet als Freier und berichtet hier von herausfordernden und schönen Momenten.
Ein Beitrag aus JOURNAL 2/26, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, vorab veröffentlicht im Juli 2026.