THEMA | Bildjournalismus

Der „Blick von außen“

Bildjournalismus spielt eine wichtige Rolle
20. Oktober 2020, Corrina Blümel

Welches Honorar hat ein Foto erlöst? Und wie teuer war die Ausrüstung, mit der es erstellt wurde? Der Fachausschuss (FA) Bildjournalisten auf Bundesebene hat diese Fragen unter dem doppeldeutigen Motto „Schätzen Sie den Bildjournalismus?“ Delegierten beim Verbandstag 2019 vorgelegt. Kaum überraschend: Die meisten rieten falsch, schätzten die Ausrüstung viel zu kostengünstig und den Erlös zu hoch – obwohl sie ahnten, dass es vermutlich niedrig ausfallen würde. 3,50 Euro Honorar für ein hochwer­tiges Foto? Wie soll sich der Kamerapreis von in diesem Fall 7 186 Euro amortisieren? Ganz zu schweigen von der Arbeitszeit, die Bildprofis zwischen Aufnahme und Auslieferung in ihre Fotos stecken, und von ihrem Einkommen.

Das durchschnittliche Einkommen von Freien im Bildjournalismus ist niedrig, wie Umfragen des DJV immer wieder zeigen. Und dann auch noch Corona: Durch Auftragseinbrüche waren gerade die Kolleginnen und Kollegen im Bild­bereich besonders betroffen – keine Stadtfeste, keine Sport- und Kulturveranstaltungen, keine Messen und Kongresse.

Hohe Investitionen, maue Honorare: Der Aachener Sportfotograf ­Wolfgang Birkenstock leitet den Fachausschuss Bild in NRW. | Foto: Ayse Simsek-Birkenstock
Hohe Investitionen, maue Honorare: Der Aachener Sportfotograf ­Wolfgang Birkenstock leitet den Fachausschuss Bild in NRW. | Foto: Ayse Simsek-Birkenstock

Wolfgang Birkenstock, freier Sportjournalist und Ende September frisch im Amt als Vorsitzender des FA Bild in NRW bestätigt, hat von Mitte März bis Ende April gerade mal das leere Reitstadion in seiner Heimatstadt ­Aachen fotografiert, als der CHIO erst verschoben und dann abgesagt wurde. Und das leere Waldsta­dion, als es darum ging, wie und wo Athletinnen und Athleten während des Shutdowns trainieren.

Schritt in die richtige Richtung

Die Coronahilfen des Bundes waren für ihn wie für viele Soloselbstständige keine ­Lösung, weil sie nur für laufende Betriebskosten vorgesehen waren, die bei vielen Freien niedrig ausfallen. Wenigstens die Aufstockung in NRW war ein Schritt in die richtige Richtung: 1 000 Euro dürfen auch für den Lebensunterhalt eingesetzt werden (siehe auch JOURNAL 4/20).

Auch jetzt ist die Auftragslage durch Corona noch eingeschränkt. Vieles wird weiterhin geschoben, anderes findet ­digital statt, und selbst, wo Menschen wieder zusammenkommen, ist Fotografieren oft nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Etwa durch Poollösungen: So ließ die Bundesliga bei den ersten Spielen im Sommer gerade mal drei ­Fotografinnen und ­Fotografen ins Stadion, ­erhöhte später auf acht und dann gestaffelt nach Infek­tionszahlen auf bis zu 24. Auch diese Zahl ist noch niedrig angesichts der Tatsache, wie viele Berichterstattende man mit coronasicherem Abstand entlang des Spielfeldrands und auf der unteren Tribüne ­unterbringen könnte, wie Birkenstock vorrechnet. Der DJV meldete sich zu diesen Einschränkungen genauso zu Wort wie an ­anderer Stelle, wo Journalistinnen und Journalisten ganz oder teilweise ausgeschlossen wurden, etwa bei der Berichterstattung über Dreharbeiten für TV-Produktionen der öffentlich-rechtlichen Sender.

Problem der Marktkonzentration

Auf Rücklagen können gerade Freie im Bildjournalismus wegen der schlechten Honorare meist nicht zurückgreifen. Die haben nicht nur damit zu tun, dass die ­Digitalisierung es auch Laien ­erleichtert, wenigstens ordentliche Fotos zu ­machen. Die ganze Branche ist seit Jahren unter Druck. „Eine wichtige Rolle spielt die Marktkonzentration: Wenn es zum Beispiel in Dortmund statt ehemals drei Tageszeitungen nur noch eine gibt, beschränkt das nicht nur die Absatzmöglichkeiten. Es schwächt auch die Verhandlungsposition des Einzelnen gegenüber der Redak­tion“, erklärt Birkenstock.

Und er weiß aus eigener Erfahrung: „Bei den ­Tageszeitungen sind die Honorare seit Jahren nicht gestiegen, sie fallen eher. Noch schlechter verdienen nur diejenigen, die für Billigagen­turen wie imago arbeiten.“ Das Geschäftsmodell solcher Agenturen basiert ­darauf, dass viele Freie ihre Bilder etwa von Fußballspielen dort hoch­laden und darauf hoffen, dass Redaktionen sie nutzen. Der Preiskampf rechnet sich für die Agenturen und für die Redaktionen mit entsprechendem Zugang, aber er findet auf dem R­ücken der ­Urheberinnen und Urheber statt: Das Bildhonorar liegt bei wenigen Euro.

„So kann der Einzelne nur über Masse auf seinen Schnitt kommen“, und trotzdem sind Agenturen wie imago und picture alliance auch für viele profes­sionelle Kolleginnen und Kollegen eine wich­tige Einnahmequelle, weiß Birkenstock. Er selbst ist auf die Leichtatlethik spezia­lisiert und hat noch direkten Kontakt in viele Tageszeitungsredaktionen. Jenseits von ­Corona kommt er in seiner Nische gut klar.

Für ihn ist klar: Um angemessene Honorare durchzusetzen, wie sie das Urheberrechtsgesetz als Rechtsanspruch definiert, bräuchte es ein Verbandsklagerecht. Solange Freie einzeln gegen ihre Auftraggeber klagen müssen und damit künftige Aufträge riskieren, sitzen sie so gut wie immer am kürzeren Hebel.

Im Rahmen der Fachausschussarbeit befasst sich Birkenstock zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen mit vielen Problem der Branche: Ein leidiges Problem sind zum Beispiel Knebelverträge von Konzertveranstaltern. Hier hat ­Birkenstock eine klare Meinung, auch wenn es nicht sein Arbeitsfeld ist: Fotografinnen und ­Fotografen sollten sich solchen Verträgen nicht unterwerfen. „Letztlich kommt es darauf an, dass die Redaktion die richtige Entscheidung trifft und eben nicht das Material des Veranstalters verwendet. Solche Fälle hat es ja schon gegeben, dass Redaktionen mit Verweis auf die Einschränkungen kein Bild veröffentlicht haben.“

Ein andere Dauerbrenner für den DJV sind ­Polizei und Feuerwehr, die Medien Bilder von ihren Einsätzen anbieten. Bei dem Thema ist der DJV schon lange in Kontakt mit den staatlichen Stellen. „Es ist nicht Aufgabe von Polizei und Feuerwehr, Presse zu spielen. Aber auch, wenn die Innen­ministerien etwas anderes anweisen, geschieht es teilweise immer noch“, weiß Birkenstock aus der Gre­mienarbeit.

Auch hier gilt: „Letztlich entscheidet die ­Redaktion, ob sie diese Bilder nimmt oder ihre Freien beauftragt.“ Sie muss dann allerdings auch ein angemessenes Honorar zahlen, damit es überhaupt sinnvoll ist, nachts Blaulicht-­Bereitschaft zu machen.

Bilder sorgen für Transparenz

Für den DJV ist das nicht nur ein wichtiges Thema, weil freie Bildjournalistinnen und -journalisten ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Wichtig ist eben auch der „Blick von außen“, meint Birkenstock: „Wenn bei einem Einsatz ­etwas nicht ordnungsgemäß läuft, werden die Einsatzkräfte dazu kaum die Bilder liefern.“ Die Presse hat eine Kontrollfunktion.

Das gilt für alle Bereiche der Presse­fotografie. Wo Politik, Unternehmen und Institu­tionen die Berichterstattung eher erschweren und statt ­dessen eigenes PR-Material verteilen, geht um Deutungsmacht über das, was die Öffentlichkeit zu sehen bekommt. Dabei droht ­neben Vielfalt und Wahrhaftigkeit immer auch ein ­demo-kratisches Moment verlorenzugehen. Auch wenn Fotos bearbeitet werden können und kein ­„unschuldiges“ Medium sind (siehe „Wie viel Wahrheit steckt im Foto?“): Unabhän­giger Bildjournalismus ist eben auch ein Beleg für das, was geschehen ist. Pressefotografinnen und -foto­grafen vor Ort sichern zusammen mit den schreibenden und filmenden Kolleginnen und Kollegen Transparenz.

Deswegen ist es mehr als nur ärgerlich, wenn Kolleginnen und Kollegen bei Demonstrationen oder Protestaktionen nicht ungestört arbeiten können oder sogar aggressiv angegangen werden. Dies passiert gerade bei rechten Veranstaltungen und aktuell bei solchen gegen die Coronamaßnahmen. Der DJV beobachtet seit Jahren eine wachsende Aggressivität gegenüber Berichterstattenden. Und oft genug werden diese von den Polizeieinsatzkräften nicht geschützt, im Einzelfall sogar zusätzlich behindert. Auch zu diesem Themenfeld steht der größte Journalistenverband immer wieder in Kontakt zu Innenministerien und Polizeibehörden.

Ansprechpartner zu konkreten Themen finden DJV-Mitglieder bei ihrem jeweiligen Landesverband. Auf der Internetseite des Bundesverbands hält der für den Bereich Bildjournalismus zuständige Referent Michael Hirschler zudem zahlreiche Informationen und Tipps bereit.||

www.djv.de/bild


Ein Beitrag aus JOURNAL 5/20, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Oktober 2020.

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Aus- und Weiterbildung für Journalisten

Lebenslanges Lernen ist für Journalisten notwendiger denn je – denn kaum eine andere Branche ist derzeit so im Wandel wie der Journalismus. Der DJV-NRW hat aus diesem Grund bereits 2009 ein Bildungsreferat eingerichtet. Damit möchte der Landesverband den Markt der journalistischen Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen transparenter machen: zum einen durch einen Überblick über aktuelle Angebote in NRW und zum anderen durch Impulse für neue Seminarthemen.

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