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Lupenreiner Hattrick mit Nacktfußballern

15. Februar 2021, Mareike Weberink
Preiswürdiges Foto: Als „Nacktionalmannschaft“ protestierten diese Freizeitkicker gegen die Kommerzialisierung des Fußballs. | Foto: Marcel Kusch
Preiswürdiges Foto: Als „Nacktionalmannschaft“ protestierten diese Freizeitkicker gegen die Kommerzialisierung des Fußballs. | Foto: Marcel Kusch

Mit der Kamera in der Hand steht Fotograf Marcel Kusch im Auftrag der dpa an der Seitenlinie im Stadion. Heute kickt Deutschland gegen Holland. Doch es ist kein normales Spiel. Es ist eine künstlerische Protestaktion gegen die Kommerzialisierung des Fußballs. Die Spieler sind von den Knien aufwärts unbekleidet. Die Freizeitkicker haben ihre Spielernummer auf die blanke Brust gepinselt, bedecken mit ihren Händen die sonst ungeschützten Intimbereiche.

Marcel Kusch drückt ab. „Ich wusste, dass dies ein Bild mit Potenzial ist“, sagt der 27-Jährige. „Um in der heutigen Flut an Fotos aufzufallen, muss es technisch, visuell oder inhaltlich hervorstechen. Und so etwas wie das Spiel der Nacktionalmannschaft hat es noch nicht gegeben.“ Kusch, der auch DJV-Mitglied ist, reicht das Bild im Wettbewerb NRW-Pressefoto 2020 des Landtags ein. Und gewinnt in der Kategorie Nachwuchs – zum dritten Mal in Folge.

Start als freier Mitarbeiter

Marcel Kusch | Foto: Lukas Schulze
Marcel Kusch | Foto: Lukas Schulze

Die Leidenschaft für das Fotografieren wurde von Kuschs Großvater entfacht. Als Junge hat der Recklinghäuser dessen Kamera in die Finger bekommen und schnell gemerkt, dass Fotografieren sein Ding ist. „Erst analog, dann digital. Dann habe ich festgestellt, dass das mehr ist als ein Hobby.“ Noch während der Schulzeit bewirbt sich Kusch als freier Mitarbeiter beim Medienhaus Bauer. Das Problem: „Die wollten, dass ich auch Texte schreibe, aber das war gar nicht meins“, sagt Kusch. Er hat sich dennoch daran versucht. Dadurch fasste er schnell Fuß in der Bildberichterstattung, erst lokal, dann regional. Für Kusch war klar: Das wird mein Beruf.

Er strebt ein Volontariat bei der dpa an, absolviert dafür ein Praktikum. Mit dem Volo hat es, wegen seines Alters, wie er sagt, nicht auf Anhieb geklappt. Kusch war gerade 18 Jahre alt. „Ich hab dann erst einmal zwei Semester Jura studiert.“ Doch die Kamera wollte ihn nicht loslassen. Er schmeißt das Jura-Studium und sattelt um: „Ich hab‘ dann Fotografie in Dortmund studiert.“

Nachrichtenvielfalt in NRW

Für Kusch, der mittlerweile in Düsseldorf lebt, die richtige Entscheidung: „Das Fotografieren ist meine Leidenschaft, und es gefällt mir, selbstständig und flexibel zu arbeiten. Genau das zu machen, worauf man Lust hat.“ Während des Studiums fängt er 2014 an, für dpa zu arbeiten, als freier Fotograf in NRW. „Und was ich in der Zeit erlebt habe, ist unglaublich abwechslungsreich.“ NRW sei geprägt von einer außerordentlich vielfältigen Nachrichtenlandschaft: politisch, wirtschaftlich und sportlich.
Dies spiegelt sich auch in den Bildern wider, die Kusch fürs „Pressefoto“ eingereicht hat: Protest im Hambacher Forst, die Rettung eines Schafs und eben die „Nacktionalmannschaft“. Zwar hat sich Kusch mittlerweile auch mit anderen Schwerpunkten etabliert (Corporate und Architekturfotografie), doch die journalistische Arbeit schätzt er immer noch hoch ein: „An einem Tag den Laschet, am nächsten geht es nach Paris, weil Notre Dame brennt. Wo erlebt man das schon?“

Über den Preis hat Kusch sich gefreut: „Das ist natürlich eine schöne Wertschätzung der eigenen Arbeit. Das zeigt auch, wie wichtig gute Fotos im Journalismus sind. Allein schon dadurch, dass dafür ein eigener Preis ins Leben gerufen wurde.“ Für Kusch ist nun nach drei Jahren Schluss, er wird nicht mehr am Nachwuchs-Wettbewerb teilnehmen, sondern seine Beiträge künftig in der allgemeinen Kategorie einreichen. Ein Schritt, den er an anderer Stelle schon vollzogen hat: Mit einem Bild von den Fridays-for-Future- Protesten war Kusch Gewinner der „Rückblende 2019“ – Deutscher Preis für politische Fotografie.||


Ein Beitrag aus JOURNAL 1/21, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Februar 2021.