MEDIENSZENE NRW

Tagelang im Sturm gestanden

Umweltsau-Video: WDR-Spitze sorgt bei Beschäftigten für Verunsicherung
14. Februar 2020, Volkmar Kah/Corinna Blümel

Dass eine Redakteursversammlung beim WDR aus allen Nähten platzt und dass viele Redakteurinnen und Redakteure dabei auch richtig Klartext mit der Senderspitze reden, kommt nicht so oft vor. Aber am 7. Januar passierte genau das: Rund 700 Kolleginnen und Kollegen kamen in den Kleinen Sendesaal im WDR-Funkhaus in Köln, um Antworten vor allem von ihrem Intendanten zu bekommen. Denn der WDR und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter standen seit ein paar Tagen im Sturm.

Was der eigentliche Auslöser für diesen Sturm ist, darüber kann man streiten: Ist es die Umdichtung des Kinderlieds von der Oma im Hühnerstall? Viele Ältere fühlten sich von der Zeile „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“ persönlich angegriffen. Andere erzählen, dass sie herzlich gelacht haben. Oder sie schütteln den Kopf und fragen, ob es keine wichtigeren Probleme gibt.

Falsche Platzierung

Bei der Frage, warum das Lied eine Empörungswelle lostreten konnte, landet man unweigerlich bei der falschen Platzierung, der unkommentierten Veröffentlichung auf der Facebook-Seite von WDR 2. Noch dazu kurz nach den Feiertagen, wenn Menschen Erbauliches von Kinderchören erwarten.

Das Lied war zuvor bereits in der Sendung „Satire Deluxe“ auf WDR 5 zu hören, allerdings eingebettet in einer Moderation, die den satirischen Charakter verdeutlichte, der sich ursprünglich zudem eher gegen eifrige Fridays-for-Future-Jugendliche richtete, die in bewusster Überzeichnung Eltern und Großeltern bespitzeln und für Umweltsünden anzeigen.

WDR 2 hatte daraus das Video mit dem Kinderchor produzieren lassen, das Redakteure dann am 27. Dezember auf Facebook eingestellt und einige Stunden später nach heftigen Protesten auf Veranlassung von Wellenchef Jochen Rausch dort wieder gelöscht hatten. Allein bei Facebook soll es zu diesem Zeitpunkt abertausende Kommentare dazu gegeben haben – von Lob über Kritik bis hin zu Anfeindungen.

Weil hier schon erkennbar war, dass die Reaktionen nicht nur von verständnislosen oder verletzten Menschen kamen, sondern auch von Rechten, die Drohungen unter anderem gegen die Kinder und ihre Familien aussprachen, lag nach Auskunft von Rausch ein Beweggrund für die Löschung darin, diese zu schützen. Kommuniziert wurde dieser Schutzgedanke allerdings nicht ausreichend.

In der Löschung selbst und vor allem der mangelhaften Kommunikation rund um das Depublizieren sehen viele den entscheidenden Grund dafür, dass die Auseinandersetzung um das Video so eskalierte. Zwar versuchte der WDR, den Fehler mit der Sondersendung auf WDR 2 am 28. Dezember wieder gutzumachen. Aber auch hier gelang es nicht, eine schlüssige Argumentation für das Vorgehen zu liefern. Hängen blieb in der Öffentlichkeit vor allem, dass Intendant Tom Buhrow live vom Krankenbett seines Vaters aus anrief, um sich „ohne Wenn und Aber“ zu entschuldigen.

„Wenig hilfreich“ nannte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall diese „eilfertige redaktionelle Distanzierung“. Buhrow müsse sich der Frage stellen, ob er damit „nicht all denen Oberwasser gegeben hat, die nicht auf den Austausch von Argumenten, sondern auf das Mundtotmachen kritischer Journalisten aus sind“.

Wie viel Unsicherheit Buhrows Vorgehen ausgelöst hat, zeigte sich in den Folgetagen. In einem offenen Brief beklagten Redakteurinnen und Redakteure den fehlenden Rückhalt, auch Comedy-Autorinnen und -Autoren meldeten sich zu Wort. Und obwohl der Intendant mittlerweile erklärt hat, dass es keine neuen Richtlinien für Satire gebe und dass alle weitermachen sollten wie bisher, erzählen Redakteurinnen und Redakteure im persönlichen Gespräch, dass sie sich bei der „Schere im Kopf“ ertappen.

Die Reaktion des Rundfunkrats

Der WDR-Rundfunkrat hat sich in seiner Sitzung am 24. Januar 2020 ausführlich mit der Kontroverse um das Musikvideo befasst. Dabei waren verschiedene Beurteilungen im Gremium erkennbar. Einigkeit herrschte, dass Kritik am Programm des WDR legitim sei. Dass sich der Intendant für den Beitrag entschuldigt hatte, fanden zahlreiche Mitglieder des Rundfunkrats richtig, aber längst nicht alle. Feste und freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssten sich des Rückhalts durch die Geschäftsleitung sicher sein.

Andreas Meyer-Lauber wies als Vorsitzender des Rundfunkrats auf die gezielte, zum Teil rechtspopulistische Instrumentalisierung der Kritik durch Kreise hin, deren Ziel die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei.

Intendant Tom Buhrow und Programmdirektorin Valerie Weber erläuterten Ansätze für Verbesserungen als Folge der Debatte. Der Rundfunkrat fordert vom Sender schon länger ein umfassendes Konzept für den Umgang mit sozialen Medien./cbl

Drohungen gegen einen Freien

Noch schlimmer ist aus Sicht vieler Kolleginnen und Kollegen, dass zeitweilig der Eindruck entstand, als stehe der WDR nicht zu seinen Freien und gewähre ihnen nicht ausreichend Schutz. Denn im Eifer einer Twitter-Diskussion, die sich immer weiter hochschaukelte, hatte sich ein freier Mitarbeiter auf seinem Privataccount zur Aussage hinreißen lassen: „Lass mal über die Großeltern reden, von denen, die jetzt sich über Umweltsau aufregen. Eure Oma war keine Umweltsau. Stimmt. Sondern eine Nazisau“.

Zwar entschuldigte der Journalist sich ausdrücklich für seinen Tweet. Es liege ihm fern, „eine ganze Generation oder gar eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zu beleidigen“, schrieb er. Ausgenommen von der Entschuldigung seien aber jene, die ihn „mit Gewalt- und Todesdrohungen überhäufen“. Diese Drohungen gingen nicht nur bei dem Freien selbst ein, vor dessen Haus sogar Angehörige der rechtsextremen Szene aufliefen. Die Drohungen wurden auch beim WDR vorgebracht und sogar beim DJV.

Zunächst entstand der Eindruck, dass der WDR sich nicht zuständig fühle: Die Aktuelle Stunde hatte getwittert, es handle sich nicht um einen Redakteur, sondern um einen freien Mitarbeiters. Diese Einordnung hatte der DJV deutlich kritisiert. Später machte der Sender deutlich, dass man sich nur vom Inhalt des Tweets distanzieren wollte, dass der WDR bedrohten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ob Festangestellten oder Freien, aber natürlich Personenschutz anbiete. Gewaltandrohungen lasse man sich nicht gefallen, erklärte Buhrow; er werde „mit allen juristischen Mitteln dagegen vorgehen“.

Druck gegen den WDR

Auch wenn der Intendant an vielen Stellen immer wieder betonte, die Empörung sei aus der Mitte der Gesellschaft gekommen, von Stammhörern des Senders: An vielen Stellen zeigte sich deutlich, dass zumindest ein guter Teil des Drucks gegen den WDR von ganz rechts kam. So riefen für den 4. Januar Kräfte aus dem Spektrum der AfD, der Identitären und der Bruderschaft Deutschland in Köln zu einer Demo gegen den WDR auf, an der rund 50 Menschen teilnahmen. Zur Gegenkundgebung des Kölner Bündnisses gegen Rechts versammelten sich mehr als 1 000 Menschen vor dem Vierscheibenhaus des WDR.

Ein Zeichen für Meinungs- und Kunstfreiheit: Frank Überall (Bild l.) und Volkmar Kah bei der Kundgebung Anfang Januar in Köln. | Fotos: Corinna Blümel
Ein Zeichen für Meinungs- und Kunstfreiheit: Frank Überall (Bild l.) und Volkmar Kah bei der Kundgebung Anfang Januar in Köln. | Fotos: Corinna Blümel

Unter den Rednerinnen und Rednern war der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall, der hervorhob, dass beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch die zuspitzende Stilform der Satire zur professionellen Berichterstattung, Information und Einordnung gehöre. Das Video verletze keine Rechte und verrate keine Werte. Man könne darüber unterschiedlicher Meinung sein, das sei ja „der Sinn der Sache“. Die Distanzierung des Intendanten allerdings verunsichere und ängstige die Kolleginnen und Kollegen. „Und das ist genau das, was diejenigen wollen, die uns besonders hart kritisieren, beschimpfen und bedrohen, die Hass säen.“ Ihr Ziel sei es, „das von ihnen ungeliebte System von Demokratie, Diskurs, Menschenrechten, Pressefreiheit, Kunstfreiheit“ zu zerstören.

Erst breiter bekannt gemacht

Nach der Einschätzung von Fachleuten haben die Sondersendung und das persönliche Eingreifen des Intendanten dem Sachverhalt erst die große Reichweite verschafft (siehe dazu auch „Empörungsverstärker“): Viele Menschen erfuhren erst jetzt oder durch die Folgeberichterstattung in klassischen Medien, dass es ein Lied und Video gegeben hatte, von dem man sich beleidigt fühlen konnte. Die Zugriffszahlen auf YouTube, wo das Video längst auch hochgeladen worden war und weiter zur Verfügung steht, stiegen.

Und wie aus dem Lehrbuch zog der Fall auch Kreise in die Politik. So debattierte der Medienausschuss des NRW-Landtags am 9. Januar über das Video. SPD und Grünen warfen dem Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) vor, der von rechts gesteuerten Empörungswelle mit einem Tweet Vorschub geleistet und den WDR damit unter Druck gesetzt zu haben. Laschet hatte am 28. Dezember getwittert, mit dem Lied habe der WDR „Grenzen des Stils und des Respekts gegenüber Älteren überschritten“. Jung gegen Alt zu instrumentalisieren sei nicht akzeptabel.

Auch die FDP äußerte sich kritisch: Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) fühlte sich „fatal an die untergehende DDR“ erinnert, wie er in der BILD sagte. Der Kinderchor werde missbraucht, „um zu denunzieren und Umerziehung zu betreiben“. Und FDP-Bundesvize und EU-Abgeordnete Nicola Beer bezeichnete es auf Twitter als „Armutszeugnis“, wenn das Argument der Satirefreiheit hervorgezogen werde. „Wir fordern weiterhin eine Diskussion um Auftrags- & Strukturreform.“

Vor allem: Lehren ziehen

Das zeigt: In Zeiten, in denen die Öffentlich-Rechtlichen sowieso unter Druck stehen, hat der WDR der eigenen Sache offensichtlich einen Bärendienst erwiesen. Was es jetzt dringend braucht, sind klare Regeln zum Depublizieren: Unter welchen Kriterien ist es vertretbar, einmal veröffentlichte Inhalte zurückzuziehen? Redaktionen müssen sich in Zukunft auf eine verlässliche Regelung stützen können.

Mindestens ebenso dringend geboten ist eine bessere Kommunikation im Krisenfall. Dazu gehört auch, dass man für Fehler geradestehen kann, ja, sich auch entschuldigen kann, ohne den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Rücken zu fallen.
Nicht zuletzt muss das profunde Wissen, das einzelne WDR-Redaktionen, etwa Monitor, im Umgang mit Shitstorms und orchestrierten Empörungswellen haben, für das ganze Haus nutzbar gemacht werden. Ein entsprechendes Vorgehen hat die Senderspitze dem Rundfunkrat in Aussicht gestellt (siehe Kasten oben „Die Reaktion des Rundfunkrats“). Nicht nur das Aufsichtsgremium wartet darauf schon länger, sondern auch die WDR-Belegschaft. Denn der Empörungssturm jetzt wird nicht der letzte gewesen sein, der den WDR beutelt.||

Transparenzhinweis:
Volkmar Kah ist ordentliches Mitglied des Rundfunkrats, Corinna Blümel ist seine Stellvertreterin.

 

Ein Beitrag aus JOURNAL 1/20, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Februar 2020.

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