JOURNALISTENTAG

UKW einfach abschalten?

Was das Radio für seine Zukunft tun muss
16. Dezember 2019, Christian Schlichter

Das war provokant: „Eigentlich muss man UKW abschalten, damit sich die Menschen neue Wege suchen“, eröffnete Michael Mennicken von der FM Online Factory auf dem Journalistentag 2019 in Dortmund die Diskussion um das Radio der Zukunft. Denn solange Radio auf UKW in der Refinanzierung noch laufe, komme kein Systemwechsel. Doch gerade der sei dringend notwendig, um zu verhindern, dass das Radio eine weitere Generation verliere. Der Lösungsansatz des Experten für Webinare für Radioprofis hörte sich ganz einfach an: Lokalsender sollten die Stunden mit niedriger Hörerfrequenz vernachlässigen und dafür zwei Redakteure aus jeder Lokalstation daran setzen, neue Verbreitungsmodelle zu erkunden. Denn nur dort liege die Zukunft.

Über das Radio der Zukunft redeten (v.l.) Matthias Milberg, Christian Pflug, Sascha Fobbe und Bertold Blesenkemper. | Foto: Udo Geisler
Über das Radio der Zukunft redeten (v.l.) Matthias Milberg, Michael Mennicken, Sascha Fobbe und Bertold Blesenkemper. | Foto: Udo Geisler

Podcasts und Streaming boomen

Audio boomt, darin waren sich Berthold Blesenkemper mit seiner Nachrichten-Audio-App aus Bocholt, Podcast-Produzent Matthias Milberg und Experte Mennicken einig. Aber der Weg des Erfolgs liege wohl nicht mehr beim UKW, sondern bei Formaten wie Podcast und Streaming, wie es Moderatorin Sascha Fobbe formulierte. Die Forderung UKW abzuschalten, schwächte Mennicken im Verlaufe der Diskussion in ein „innerliches Abschalten“ ab. Aber das könne nicht der richtige Weg sein, bemerkte Publikumsgast und WDR-Urgestein Horst Kläuser. Da reiche es doch, wenn zwei Knotenpunkte des Internets ausfielen, warnte er, währenddessen UKW noch alle erreiche.

Aber genau das funktioniere nur noch solange, bis Werbekunden realisiert hätten, wie genau sie bei Podcasts ihre Werbung schalten könnten, konterte Mennicken. „Als Radiomacher wissen wir doch gar nicht, was gut ist und ankommt“, sagte er. Bei Podcasts sei das durch die Klicks viel genauer zu erkennen, sodass der Hauptteil der bisher breit gestreuten Werbeetats künftig dort landen könnte.

„Das Radio verliert gerade eine Generation und es braucht eine starke Medienmarke, ganz egal, wo der Konsument künftig zu finden ist“, kommentierte das Matthias Milberg. Das sei Aufgabe der Verlage oder Betreiber. Denn mehr und mehr hörten junge Leute UKW-Radio bestenfalls noch zwangsweise im Auto der Eltern. Seine Vision: Man müsse Alexa oder Spotify nur das Stichwort „update“ oder „daily“ zurufen und der eigene Stream mit Nachrichten beginne, am besten zuerst im Überblick die News und dann die bevorzugte Musik. „Wir müssen dahin gehen, wo die Menschen sind, auf ihre Kanäle.“ Von sich aus komme sonst künftig keiner mehr zu den Radiomachern, lautete Milbergs ernüchternde Bilanz.

 

Die richtigen Inhalte kommen an

Dass es nicht nur um den Weg der Verbreitung, sondern auch um Inhalte geht, zeigte Berthold Blesenkemper auf. Er produziert neben Inhalten für Online, Social Media und einen Newsletter seit Jahresanfang auch eine drei- bis fünfminütige Nachrichtensendung aus Bocholt. Im Lokalen sieht er auch seine Chance. Da er nicht live aus der Ratssitzung berichten dürfe, gehe er nach Abstimmungen kurz vor die Tür, produziere einen kurzen Podcast und gehe wieder rein. „Das ist meine Chance, da bin ich immer 24 Stunden schneller als alle anderen Kollegen“, berichtete er. „Da entsteht eine Lücke auf dem Land“, begründete er die gute Resonanz auf sein lokales Angebot.

Den Radiopodcast mit 15 bis 20 Meldungen pro Tag produziert Blesenkemper nach eigenen Angaben mit Inhalten, die er auch im Newsletter hat. Er berichte kurz und knapp aus dem Ort. Ein Kollege steuere die Musik bei und kümmere sich um die Finanzierung durch Werbekunden, das laufe recht gut. Im Newsletter gebe es für die Interessierten dann den Link zu vertiefenden Infos. Dies nutzten aber nur drei Prozent. Den meisten reiche die kurze Information, zieht Blesenkemper Bilanz.

Dass neue Wege wirklich funktionieren, zeigte auch Matthias Milberg. So setze zum Beispiel Radio Lippe stark auf Podcasts. Das sei modern positioniert und erfolgreich. Aus Milbergs Sicht ist ein Radioprogramm immer auch ein Kompromiss, möglichst alle Themen mitzunehmen. Dagegen vertiefe ein Podcast ein einzelnes Thema, das gehe nur über die Marke.

Einwände, dass dann das Zufallshören nicht mehr vorkomme und Menschen nichts anderes mehr auf die Ohren bekämen als die eigenen Interessen, konterte die Moderatorin und erfahrene Lokalfunkerin Sascha Fobbe: Das helfe ja nun nichts, wenn die Vielfalt einfach gar keiner mehr wolle. Auch Einkommenschancen wurden den neuen Methoden eingeräumt und somit Chancen für Freie. Innerhalb von vier Wochen habe im Ruhrgebiet ein Lokalsender über Podcasts 30.000 Hörer gefunden. Das interessiere dann auch den Werbemarkt, meinte Fobbe.||

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Ein Beitrag in Ergänzung zu JOURNAL 6/19, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Dezember 2019.

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