THEMA | Glaubwürdigkeit

Medien und ihre Inhalte sind Vertrauensgüter

17. Juli 2026, Andrea Hansen

Wie häufig kommen junge Menschen mit Desinformation in Kontakt und wo? Wie bewerten sie den Wahrheitsgehalt? Dazu hat Dr. Thomas Zerback, Professor an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, ein Projekt zum Thema Politische Desinformation gestartet.

JOURNAL: Wann halten Menschen ein Medium für glaubwürdig und wann nicht?

Ein Mann mit Brille und Bart lacht in die Kamera.
Prof. Dr. Thomas Zerback, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf. Seine Forschungs- und Lehrtätigkeit in der Abteilung für Kommunikations- und Medienwissenschaft konzentriert sich auf politische Kommunikation, Medienvielfalt und Medieneffekte. | Foto: Bernd Arnold

Thomas Zerback: Medien selbst und auch die Inhalte, die sie verbreiten, sind Vertrauensgüter. Den Wahrheitsgehalt dessen, was eine Journalistin oder ein Journalist schreibt, kann der einzelne Rezipient oder die einzelne Rezipientin ja nur im Ausnahmefall aufgrund eigener Erfahrungen bewerten. Das heißt, ich muss das, was Medien mir berichten, hinsichtlich Glaubwürdigkeit und Wahrheitsgehalt bewerten. Da bedienen sich Menschen verschiedener Mechanismen, um diese Wahrheitsurteile vorzunehmen.

JOURNAL: Welche Mechanismen sind das?

Zerback: Ein Hinweis auf Glaubwürdigkeit ist für viele der sogenannte Multiple-Source-Effekt. Wenn Menschen die gleiche Information aus mehreren Quellen wahrnehmen – und das müssen nicht unbedingt mediale Quellen sein – steigt in ihren Augen der Wahrheitsgehalt der Information.

Ein weiterer Hinweis sind die eigenen Einstellungen. Heute liefert die große Auswahl die Möglichkeit, nur Medien zu nutzen, die den eigenen Einstellungen entsprechen. Das heißt, dass meine eigene Einstellung zu einem Thema wichtiger geworden ist. Welche Medien schaue ich mir überhaupt an? Aber auch, und das ist dann der ausschlaggebende Punkt: Wie interpretiere ich diese Inhalte? Das ist heute viel stärker einstellungsabhängig. Wer eine starke Voreinstellung zu einem Thema hat, tendiert nicht nur dazu, Medien auszuwählen, die die eigene Sicht stützen, sondern wertet Informationen, die der eigenen Sicht widersprechen, eher ab und zieht sie in Zweifel. Die eigene Einstellung ist beim Zu- oder Absprechen von Glaubwürdigkeit ein entscheidender Faktor in der heutigen Zeit.

JOURNAL: Ist das ein neues Phänomen? Oder haben wir es früher nur nicht mitbekommen?

Zerback: Das gab es schon immer. Menschen versuchen, ihre Einstellungen zu schützen, insbesondere wenn sie ihnen wichtig sind, wenn sie zum Beispiel Teil ihrer Identität sind. Das gehört sozusagen zur menschlichen Natur. Aber die Einflüsse auf solche Einstellungen haben sich fundamental geändert. Ich kann mir heute ein komplettes Medienmenü zusammenstellen, das nur meine Einstellung stützt. Das war früher nicht in dem Ausmaß möglich.

JOURNAL: Was macht das mit dem früher so wichtigen Prädikat der Exklusivität?

Zerback: Nehmen wir mal an, ein Politiker oder eine Politikerin hat sich etwas zuschulden kommen lassen. Dann hängt die Glaubwürdigkeit für den, der das liest, zunächst einmal von seiner politischen Einstellung ab – wie stehe ich zu der Person grundsätzlich? Wenn es wegen der Exklusivität zunächst keine weiteren Quellen zur Bestätigung gibt, zählt das Vertrauen, das die Person in Journalismus allgemein, aber auch in ein spezielles Medium setzt.

JOURNAL: Was führt noch dazu, dass Menschen sich von Medien hinter die Fichte geführt fühlen?

Zerback: Wo kommt das Medienvertrauen eigentlich her? Es scheint, als ob Menschen, die grundsätzlich anderen Menschen oder Institutionen wie zum Beispiel der Demokratie vertrauen, auch eher den Medien vertrauen. Das nennt man generalisierbares Vertrauen. Das ist sozusagen eine Persönlichkeitsprädisposition.

Es gibt aber auch performancebezogene Urteile. Wenn ich den Eindruck habe, die Medien machen ihren journalistischen Job vor allem mit Blick auf ihre gesellschaftliche Funktion gut, dann vertraue ich ihnen eher, als wenn ich diesen Eindruck nicht habe.

JOURNAL: Welche Art von Fehlerkultur braucht es, um Vertrauen zu reparieren oder zu stärken, obwohl man Fehler gemacht hat?

Zerback: Das Komische ist: Studien haben gezeigt, dass einzelne krasse Fehlleistungen eigentlich keinen Effekt auf das Vertrauen in Medien haben. Es bleibt quasi davon unberührt. Warum ist das so? Es werden im Prinzip zwei Erklärungen angeführt: Die erste ist, dass die Leute es schlicht vergessen. Sie erinnern – wenn überhaupt – den Fall, aber nicht mehr die Details. Die zweite Erklärung, und die trifft wahrscheinlich auf viele Leute zu, ist, sie gewichten es nicht so stark. Sie sehen das also als Ausrutscher und generalisieren es nicht auf die gesamte Arbeit eines Mediums oder der Medien generell. Es spricht relativ viel dafür, dass die Leute da vergleichsweise nachsichtig sind. Tritt allerdings die Nutzung sogenannter Alternativmedien hinzu, sieht das Ganze anders aus. Leute, die den klassischen Medien weniger oder gar nicht vertrauen, nutzen häufiger Alternativmedien und umgekehrt.

JOURNAL: Was sind gute Mittel, um Glaubwürdigkeit zu stärken?

Zerback: Vertrauen in Medien entwickelt sich langfristig. Ich glaube, die Medien müssen den Rezipientinnen und Rezipienten gerade in der heutigen Zeit einen Mehrwert bieten. Und das können sie ja eigentlich, denn das Bewusstsein in der Bevölkerung wächst, dass die Unsicherheit bezüglich des Wahrheitsgehalts von Informationen immer größer wird. Viele Menschen sind verunsichert bezüglich dieser digitalen Desinformation. Das heißt, sie brauchen eine Instanz, die ihnen hilft, den Wahrheitsgehalt von Informationen zu bewerten. Und das hat Journalismus schon immer gemacht, das war und ist seine Kernaufgabe.

Medienkompetenz stärken
Medienkompetenz – für alle Altersgruppen – ist ein Thema, für das sich der DJV-NRW seit langem engagiert. Dazu gehört die Kooperation mit dem Projekt Journalismus macht Schule, das Medienprofis in Schulen, aber auch in Volkshochschulen bringt – vor Ort oder digital. Mehr unter www.djv-nrw.de/aktuelles/djv-macht-schule.

Den Menschen muss aber verstärkt bewusst gemacht werden, was Journalismus macht und kann. Da sind Medien in der Pflicht, aber ich sehe auch ganz stark Schulen in der Verantwortung. Kinder sollten früh lernen, was Medien sind und was Journalistinnen und Journalisten machen: Wie arbeiten die, wozu gibt es die überhaupt? Sie sollten begreifen: Es gibt eine Instanz, die mir hilft, mich zu orientieren. Und dafür haben wir in den Schulen meines Erachtens bisher zu wenig Inhalte in den Lehrplänen.

Es ist ein Irrglaube, dass sich Kinder und Jugendliche nicht für politische und gesellschaftliche Fragen interessieren. Aber wenn in Sachen Medienkonsum ein elterliches Vorbild fehlt, müssen Journalistinnen und Journalisten sich in dieser Altersgruppe das Vertrauen heute anders erarbeiten, weil es den jungen Menschen nie so richtig beigebracht wurde – zumindest nicht in der Schule.||