MEDIENPOLITIK |

Bei der Botschaft die Beschäftigten vergessen

Eni Meinungsbeitrag
27. Dezember 2022, Corinna Blümel

einer einfachen Rede, die zudem vieles enthält, was man selbst und andere schon verschiedentlich zuvor geäußert hatten, die Revolution ausrufen: Das  nennt man wohl maximale Wirkung mit überschaubaren Mitteln. Genau das ist WDR-Intendant Tom Buhrow im November im Hamburger Überseeclub gelungen.

Corinna Blümel ist stellvertretende Vorsitzende des WDR-Rundfunk­rats. Entsandt ist sie vom DJV-NRW. Foto: Annika Fußwinkel/WDR
Corinna Blümel ist stellvertretende Vorsitzende des WDR-Rundfunk­rats. Entsandt ist sie vom DJV-NRW. Foto: Annika Fußwinkel/WDR

Das Ausrufen der Revolution hat ihm Michael Hanfeld zugeschrieben, Medienredakteur der FAZ mit eher kritischem Verhältnis zu ARD und ZDF. Er hat auch den Begriff vom „Privatmann“ Buhrow geprägt. Das nahm Bezug auf die Formulierung, mit der Buhrow deutlich machen wollte, dass er die Rede nicht als ARD-Vorsitzender hält – die aber den Eindruck erweckte, er spreche auch nicht als WDR-Intendant. Die Spitze vom „Privatmann Buhrow“ fehlte denn auch selten in der kritischen Auseinandersetzung mit seinen Überlegungen.

Die Einwände sind vielfach geäußert worden, angefangen bei Ort und Zeit: Der Hamburger Überseeclub steht eben nicht für die breite Gesellschaft, die es vom Wert der Öffentlich-Rechtlichen zu überzeugen gilt. Und seine Überlegungen hätte Buhrow in dieser Grundsätzlichkeit zum Beispiel auch nach Ablauf des regulären ARD-Vorsitzes äußern können. Inhaltlich gibt es alles von Lob bis Kritik, von interessiertem Weiterdenken über reflexhaftes Bewahren-Wollen bis zu eher kenntnisfreien Einlassungen, gerne mit dem Zungenschlag, die Öffentlich-Rechtlichen möglichst weit zu beschneiden oder abzuschaffen.

Ein besseres Signal wäre einfach gewesen

Ein Aspekt ist mir als Mitglied des WDR-Rundfunkrats allerdings zu kurz gekommen: Buhrows Botschaft richtete sich an die Politik, die Spitzen der Anstalten, eine Fachöffentlichkeit. Was er offenbar nicht bedacht hat, war die Wirkung seiner Rede auf die festen und freien Mitarbeitenden in den Sendern, allen voran in „seinem“ WDR. Viele von ihnen dürften sich gefühlt haben, als stelle er mal eben ihre Jobs zur Disposition. Dabei hätten wenige Sätze gereicht, um ein Signal an die Beschäftigten zu senden, dass ihre Interessen in einem möglichen Umbau (der natürlich Zeit braucht) berücksichtigt werden.

Der WDR-Rundfunkrat hat in seiner Sitzung am 30. November eine Stellungnahme veröffentlicht, in der er Buhrows Vorschlag unterstützt, die „erkennbar notwendige Debatte“ über die Möglichkeiten einer umfassenden Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks „ehrlich und grundsätzlich“ zu führen. „Die Debatte muss in der Öffentlichkeit und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geführt werden. Deshalb beteiligt sich der Rundfunkrat als Vertreter der Allgemeinheit an dieser Debatte.“ Die Stellungnahme verweist auch auf die strukturellen und programmlichen Gestaltungsräume, die die Landesrundfunkanstalten bereits haben und die durch den Dritten Medienänderungsstaatsvertrag noch ausgeweitet werden. „Der Rundfunkrat erwartet von den Intendantinnen und Intendanten, diese Spielräume zu nutzen und die Gremien sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sender in die Diskussion einzubeziehen.“

Die richtige Frage

Um das abschließend noch klarzustellen: Ich bin bei weitem nicht mit allen Inhalten dieser Rede einverstanden. Aber ich halte die Grundfrage für richtig und wichtig. Was muss geschehen, damit die breite Gesellschaft die Öffentlich-Rechtlichen schätzt und auch in Zukunft bereit ist, den gemeinnützigen Rundfunk zu finanzieren? Und ich teile die Analyse, dass Länder und Anstalten mit dem Finger aufeinander zeigen, wer zuerst am Zug ist. Dass sich oft Standort- und andere Interessen vor die eigentlichen medienpolitischen Überlegungen schieben. Dass es vielleicht auch Reformvorschläge braucht, die wirklich von außen kommen. Von Menschen, die nicht in das oben angerissene Interessengeflecht verstrickt sind und die zugleich berücksichtigen, was das Bundesverfassungsgericht über die Jahrzehnte zur Rolle der Öffentlich-Rechtlichen geurteilt hat. Wie der Prozess dann wirklich aussehen soll, wird noch eine lange Debatte werden.||

Ein Beitrag aus JOURNAL 4/22, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Dezember 2022.