Dass 2026 für die Beschäftigten von RTL News in Köln ziemlich schwarz starten würde, war schon ein paar Wochen vorher klar: Im Dezember hatte die Geschäftsführung von RTL Deutschland den Abbau von 600 Stellen verkündet (siehe auch JOURNAL 4/25). Bluten musste vor allem RTL News als größte Tochter von RTL Deutschland und zuständig für die Produktion der journalistischen Inhalte, darunter Nachrichten, Magazine und Dokumentationen. Rechnerisch 230 Stellen galt es abzubauen, wegen des Teilzeitanteils war von einer höheren Zahl Betroffener auszugehen.
Am 7. Januar dann hypnotisiertes Starren auf den Maileingang: An diesem Stichtag wurden die Betroffenen nach und nach individuell darüber informiert, dass ihnen ein Abfindungsangebot unterbreitet wird. „So einen Tag sollte niemand erleben müssen“, heißt es rückblickend. Denn das bange Warten teilten alle, und auch wer bis zum Abend kein Angebot per Mail erhalten hatte, kannte genug Kolleginnen und Kollegen, die es getroffen hatte. Denen der Arbeitgeber, dem viele mit großer Identifikation verbunden waren und sind, nun entschieden den Abschied nahelegte.

Betroffene gut unterstützen
Traurig und traumatisierend für alle sei das gewesen, resümiert Wolfram Kuhnigk, Betriebsratsvorsitzender bei RTL News. Eingebunden war der Betriebsrat allerdings nur am Rand, denn das sogenannte Anspracheverfahren sei nicht mitbestimmungspflichtig, erklärt er. Wer angesprochen werden solle, habe allein die Geschäftsführung entschieden. Der Betriebsrat konnte lediglich prüfen, dass diese Auswahl diskriminierungsfrei war. „Unsere Aufgabe war vor allem, die Betroffenen in der Folge möglichst gut zu unterstützen“, erzählt Kuhnigk. Mit ihnen hätten Mitglieder des Betriebsrats zahllose Krisen- und Beratungsgespräche geführt und sie im weiteren Verlauf auf Wunsch in den Erst- und Zweitgesprächen begleitet. „Das waren Hunderte.“
Für die 15 permanenten Mitglieder des 40-köpfigen Betriebsrats dürfte das eine echte Herausforderung gewesen sein. Zumal die Frist zwischen der ersten Information über die Konditionen des Abfindungsangebots und der Entscheidung recht kurz war.
Dass viele Menschen im gleichen Zeitraum eine so große Entscheidung fällen mussten, sei auch für den
DJV-NRW fordernd gewesen, sagt Justiziar Christian Weihe. Zusammen mit Justiziarin Karoline Sieder hat er betroffene DJV-Mitglieder beraten und die Angebote überprüft, damit diese eine kluge Entscheidung fällen konnten. „Man muss ja ganz individuell abwägen, wie das mit der aktuellen Lebenssituation und den eigenen Plänen zusammenpasst“, gibt Weihe zu bedenken.
Die hohe Fallzahl habe dabei zur guten Durchdringung des Sachverhalts beigetragen. „Dazu kommt unser enger Kontakt zum Betriebsrat und zu denen, die den Sozialplan verhandelt haben“, sagt Weihe. „Davon haben die Mitglieder profitiert.“
Die meisten haben unterschrieben
Zu Frühjahrsbeginn ist bei RTL News Ruhe eingekehrt. Letztlich haben die meisten der Angesprochenen das – finanziell gut ausgestattete – Angebot angenommen, „manche mit Wut, manche mit Trauer“, wie Kuhnigk erzählt. Der Konzernbetriebsrat habe gut verhandelt, sodass „die Kolleginnen und Kollegen nicht schutzlos gehen. Der Sozialplan und die Transfergesellschaft geben ihnen Sicherheit.“
Ein Teil derjenigen, die das Angebot nicht annehmen wollten, sind bereits an einem neuen Arbeitsplatz zurück im Alltag. Bei wenigen prüft das Haus noch, ob sich andere Beschäftigungsmöglichkeiten im Unternehmen finden. Einzelne betriebsbedingte Kündigungen soll Geschäftsführer Martin Gradl nicht ausgeschlossen haben. Aber vor einer echten Kündigungswelle scheint man sicher zu sein.
Herausfordernder Umbau

| Foto: Corinna Blümel
Rund 270 Mitarbeitende weniger hat RTL News nun für den Weg in die Zukunft. Damit der gelingen kann, wird an drei Stellschrauben gedreht, erklärt Betriebsratsmitglied Bert Grickschat: Die Konzentration auf die drei Kernmarken RTL News, Punkt zwölf und Exclusiv, mehr Effizienz durch eine komplett neue Arbeitsstruktur. „Und es werden weniger Inhalte produziert.“
So entfallen künftig die RTL-Sendungen Punkt 6, Punkt 7 und Punkt 8. An deren Stelle soll montags bis freitags zwischen 6 und 9 Uhr ein neues Morgenmagazin treten, das RTL und ntv gemeinsam senden werden. An den Feinheiten des Angebots – Arbeitstitel „Deutschland am Morgen“– wird derzeit unter Hochdruck gearbeitet. Der Start ist für Mai geplant. Bis dahin bleiben die Kolleginnen und Kollegen von Punkt 6, Punkt 7 und Punkt 8, die dem Anspracheverfahren zugestimmt haben, noch dabei.
„Die Morgenschiene ist wichtig für RTL News als Produktionstochter“, betont Grickschat, „aber eben auch für das Programm. Dessen Attraktivität würde deutlich leiden, wenn RTL am Morgen Gerichtssendungen oder anderes aus der Konserve ausstrahlen würde.“
Als Newsangebote erhalten bleiben das Mittagsmagazin Punkt 12, die Newssendung RTL aktuell am Abend und das Nachtjournal sowie das Boulevard- und Verbrauchermagazin Explosiv.
In der Primetime will sich RTL News sich verstärkt auf investigative Inhalte wie Team Wallraff und stern investigativ konzentrieren sowie auf das Wochenmagazin Extra. VIP- und People-Themen wurden bereits Mitte Januar im Vorgriff auf die dünnere Personaldecke in der Marke Exclusiv gebündelt. Die Magazine Gala bei RTL und Prominent bei VOX sowie das Shortformat #VOXStimme wurden gestrichen.
Newsdesks statt Ressorts
Einschneidend ist die neue Arbeitsorganisation: Zum 1. März hat RTL News sich von den bisherigen thematischen Ressorts verabschiedet und auf eine Newsdesk-Systematik umgestellt. Zugeordnet wird dabei nach zeitlichen Kriterien, erklärt Grickschat: „Was heute oder morgen passiert, fällt unter News, alles mit längerer Perspektive unter Magazine.“ Für die Steuerung der übergeordneten Zusammenarbeit bei ntv.de, stern.de und rtl.de gibt es eigene Desks.
Grickschat, der selbst bei Punkt 12 arbeitet, zieht knapp vier Wochen nach Einführung ein positives Resümee und hört das ähnlich von anderen: „Natürlich ist nicht alles reibungslos gelaufen, aber erfreulich fehlerfrei und ohne größere Ausfälle, auch wenn es hier und da mal gehakelt hat.“ Da habe sich die Routine der Kolleginnen und Kollegen bezahlt gemacht. Die Arbeitsorganisation sei im Laufe der vergangenen Jahre mehrmals neu aufgestellt worden. „Unsere sehr erfahrenen Leute kommen auch damit klar, wenn die Struktur noch nicht bis ins Letzte steht. Ich glaube, man kann sagen: Umstrukturierung können wir.“
Den gelungenen Start in die neue Produktionsstruktur lobte auch RTL-Chef Stephan Schmitter in einem ausführlichen Interview mit dem Branchenportal DWDL: „Trotz der schweren und hochemotionalen Situation für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist unsere Neustrukturierung sehr ruhig, professionell und fokussiert abgelaufen.“ Dafür dankte er den Beschäftigten.
Die hoffen darauf, dass der schmerzhafte Einschnitt sich bezahlt macht und ihre Arbeitsplätze bei RTL gesichert sind. Und dass die angestrebte Übernahme von Sky den erwünschten Schub bringt.
Der Betriebsrat kümmert sich derweil um die anstehenden Wahlen. Da im Anspracheverfahren auch Mitglieder des Gremiums ausgeschieden sind, gilt es, viele neue Kandidatinnen und Kandidaten zu finden. Der Betriebsrat hat beim Werben um Aktive gute Argumente: Die vergangenen Wochen haben schließlich gezeigt, wie wichtig ein guter und engagierter Betriebsrat ist.||
Nach Drucklegung des Hefts und kurz vor der Auslieferung hat die EU-Kommission die Zustimmung erteilt, dass RTL Sky übernehmen darf.
Ein Beitrag aus JOURNAL 1/26, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im April 2025.