THEMA | Comicjournalismus

Reporter mit Stift und Zeichenblock

Comicjournalismus ist keine neue Gattung, aber noch ganz in der Nische
16. Oktober 2017, Barbara Buchholz

In schwarzen Strichen und grauen Schraffuren schwingt sich das Dach einer Bahnhofshalle über Eisenträger und Glasfassaden. Der Bildausschnitt zeigt Züge und weit hinten auf einer Brücke über den Bahnsteigen eine Gruppe, der man auf den weiteren Bildern folgt. Es sind junge Männer, Fußballspieler mit fremden Namen, die sich jemandem vorstellen und dann rennen, um einen Zug zu erwischen. Auf der nächsten Seite sind sie im Waggon, suchen Plätze und der Beobachter sieht, wie eine Frau und ein Kind zwei gegenüberliegende freie Plätze mit hochgelegten Füßen blockieren.
Auf neun Seiten erzählen Zeichnungen, Sprechblasen und Kommentarkästen die Geschichte „Der freie Platz“. Aber die ist nicht fiktional, wie man bei einem Comic meinen könnte, sondern basiert auf einer Recherche. Dafür begleiteten der brasilianische Journalist Augusto Paim und der deutsche Zeichner Marlin van Soest eine Fußballmannschaft aus geflüchteten Jugendlichen, den FC Lampedusa, im März 2017 zu einem Spiel.

Nicht-fiktionale Inhalte erzählen

Dass Comics nicht-fiktionale Inhalte erzählen, ist nichts Neues. Schon 1972 schilderte der Japaner Keiji Nakazawa die Geschichte eines Kindes nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima mit autobiograpischen Zügen in Comicform. 1992 wurde Art Spiegelmans biographischer Comic „Maus“ als erster Comic mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Er erzählte vom Überleben seines Vaters, eines polnischen Juden, während des Nationalsozialismus. Spätestens diese Ehrung dürfte gezeigt haben, dass die Kunstform nicht auf bestimmte Genres beschränkt ist, sondern alle möglichen Themen aufgreifen kann. Entsprechend lassen sich eben auch journalistische Inhalte in Comics erzählen, in der narrativen Kombination aus Text und Zeichnungen.
Und so hatte Augusto Paim im März 2017 nicht wie sonst bei Reportagen einen Fotografen an seiner Seite, sondern einen Comic-Künstler. Gemeinsam stiegen sie am Hamburger Hauptbahnhof mit den Spielern und Trainerinnen des FC Lampedusa in den Zug, verfolgten das Spiel und fuhren wieder mit zurück. Auf der Fahrt, in der Kabine und am Spielfeldrand beobachteten sie und interviewten, schossen Fotos und skizzierten.

„Der freie Platz“: Ausriss einer Comicreportage über eine Fußballmannschaft aus geflüchteten Jugendlichen. | Comic: Marlin van Soest /Augusto Paim/Deutscher Comicverein e.V.
„Der freie Platz“: Ausriss einer Comicreportage über eine Fußballmannschaft aus geflüchteten Jugendlichen. | Comic: Marlin van Soest /Augusto Paim/Deutscher Comicverein e.V.

Aus dem Material entstand die Comicreportage „Der freie Platz“, die auf der Website alphabetdesankommens.de auf Deutsch und Englisch veröffentlicht wurde, zusammen mit elf anderen Comics. Alle Geschichten handeln vom Neuanfang in einem fremden Land und entstanden in einem Workshop, den der Deutsche Comicverein mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung im März 2017 veranstaltet hat.

Das Genre aufbauen

„Die Idee war, Comicjournalismus erst einmal als Genre aufzubauen, indem man Techniken erprobte“, erzählt die Journalistin Lilian Pithan, die das Projekt zusammen mit dem Comiczeichner Sascha Hommer leitete. Bei den Grundlagen verlangt der Comicjournalismus nichts anderes als Gattungen wie Print-, Fernseh- oder Radiojournalismus: Zunächst einmal müssen die Geschichten als Journalismus zu erkennen sein, auf recherchierten Fakten basieren, auf existierenden Personen, Orten und Handlungen, sagt Lilian Pithan.
Im Workshop sei die einzige Vorgabe für die zwölf Zeichner und zwölf Journalisten das Format Reportage gewesen. „Man könnte ja auch Nachrichten, Berichte, Interviews oder Features in Comicform machen. Aber Reportagen eignen sich eigentlich am besten, weil sie tiefer gehen, mehr Details haben, weil sie einen erzählerischen Duktus und einen Spannungsbogen haben. Das passt alles gut zum Comic.“
Lilian Pithan findet außerdem, dass Comicjournalismus sehr gut im Internet funktioniert. Als Beleg verweist sie auf Beispiele wie das amerikanische Onlinemagazin The Nib, das politische Satire, Journalismus und Dokumentarisches in Comicform veröffentlicht. Auch die New York Times bringt Comicreportagen im Netz, etwa die des Schweizers Patrick Chappatte, der seit 1995 in Comicform vor allem aus Krisengebieten berichtet und außerdem als Karikaturist für internationale Zeitungen und Magazine arbeitet.
Neben der Eignung für Online sieht Pithan weitere Vorteile des Comicjournalismus. Er biete Redaktionen ein neues Format, um journalistische Inhalte an ein größeres Publikum zu bringen. Außerdem ließen sich komplexe Zusammenhänge, Geschichten mit vielen Protagonisten und verschiedenen Ebenen grafisch oft sehr gut darstellen.

Freiheiten in der Darstellung

Ein weiterer Mehrwert in Pithans Augen: „Durch die Zeichnung kommt eine künstlerische Ebene dazu, das ist visuell ansprechend, interessant und ästhetisch.“ Das Grafische erlaube Freiheiten bei der Darstellung: „Man kann sich selbst überlegen, aus welchem Winkel man eine Szene zeigen möchte, kann schnell zwischen verschiedenen Ansichten wechseln, Personen auf unterschiedliche Weisen einführen.“
Dieses Potenzial sieht auch der Politologe Thomas Greven von der FU Berlin, der über diese besondere Journalismusgattung geforscht hat und als Comic-Kritiker arbeitet: „Ich finde, Comicjournalismus ist dann gut, wenn die kreativen Möglichkeiten, die die Kunstform Comic spezifisch bietet, ausgenutzt werden.“ Andernfalls, sagt er, entstünden eher illustrierte Texte als Comicjournalismus.
Augusto Paim kennt dieses Dilemma: „Wir Journalisten erzählen normalerweise mit Worten, wir müssen schreiben, was passiert. Comic hingegen funktioniert oft über das Zeigen, durch Bilder.“ Die Fakten müssen also erzählt, Zusammenhänge erklärt werden, damit das Ergebnis journalistisch ist – aber der Text darf nicht überhand nehmen, weil es sonst als Comic nicht funktioniert.
Eine Art, dieses Problem zu lösen, hat Paim für sich bei einer Reportage über Obdachlosigkeit gefunden, die er 2013 in Brasilien realisiert hat. Das Stück auf der Plattform Cartoon Movement ist interaktiv: Elf reine Bildseiten schildern den Tagesablauf eines Obdachlosen (www.cartoonmovement.com/icomic/54). Auf jeder Seite lassen sich per Mausklick Bildtexte öffnen, die Paims Rechercheergebnisse enthalten.

Die Reportage von Augusto Paim und Bruno Ortiz über Obdachlosigkeit erzählt in farbigen Bildern ohne Text. Zusätzliche Informationen lassen sich auf der Originalseite über die Icons links und rechts oben anklicken. | www.cartoonmovement.com/comic
Die Reportage von Augusto Paim und Bruno Ortiz über Obdachlosigkeit erzählt in farbigen Bildern ohne Text. Zusätzliche Informationen lassen sich auf der Originalseite über die Icons links und rechts oben anklicken. | www.cartoonmovement.com/comic

Zusammenspiel von Bild und Text

Wie wichtig das richtige Zusammenspiel von Bild und Text ist, stellte auch die Schwerter Redaktion der Ruhr Nachrichten fest, die ihre Lokalausgabe an einem Tag im September als Comic veröffentlichte (siehe Die Ruhr Nachrichten als Comic). „Unsere ersten Versuche sahen fast aus wie ein Pixibuch – in der Mitte ein Bild und viel Text drumherum“, erzählt Redaktionsleiter Heiko Mühlbauer von den ersten Überlegungen, die die Redaktion zusammen mit dem Zeichner Ralf Marczinczik anstellte, um auszutesten, wie eine Comic-Zeitungsseite überhaupt zu gestalten wäre. Damit sich die recherchierten Geschichten überhaupt in Zeichnungen umsetzen ließen, musste die Redaktion lernen, textlich so reduziert zu erzählen wie im Comic.
Das Besondere an ihrem Projekt: Sie setzten nicht auf Reportagen, die als besonders geeignet gelten, sondern auf klassischen Lokaljournalismus, zum Teil sogar tagesaktuell. Und sie trafen auf ein Publikum, das nicht von vornherein offen ist für diese neue Form des Journalismus. Entsprechend kam Kritik vor allem von älteren Lesern, die Comics noch als Schund empfinden. Aber die Redaktion erfuhr auch viel Lob, speziell in den sozialen Medien.
Lilian Pithan sagt, sie sei mit dem „Alphabet des Ankommens“ auf Neugierde und Interesse gestoßen – aber auch auf kritische Stimmen. „Es gab Vorbehalte in Bezug auf Seriosität und Objektivität, grundlegende Kriterien im Journalismus“, berichtet sie und erklärt, was sie in solchen Fällen entgegnet: dass Texte, Fotos oder Videos auch nicht automatisch objektiv seien. „Wenn ich eine Textreportage schreibe, schildere ich ja auch nicht jedes Detail, wie zum Beispiel das T-Shirt, das eine Person während eines Treffens getragen hat. Ich suche mir einzelne Aspekte aus, die für diese Person wichtig sind. Und genau das macht ein Zeichner auch.“
Mit ähnlichen Vorbehalten hatte in den 1990er Jahren schon der Pionier des Comicjournalismus zu tun: Joe Sacco, der 1960 in Malta geboren wurde und heute in den USA lebt. Früh entdeckte der ausgebildete Journalist seine Neigung zum Comiczeichnen. Ende 1991 reiste er für zwei Monate nach Israel und ins Palästinensergebiet, führte Interviews in der Westbank und im Gaza-Streifen und fotografierte. Die Gespräche, Erlebnisse und Bilder verarbeitete er zu dem Comic „Palästina“. Sacco zeichnet sich fast immer selbst in die Szenen hinein. Er möchte damit zeigen, dass der Leser das Geschehen aus seiner persönlichen Perspektive geschildert bekommt – das soll der Transparenz dienen.
Sacco wurde häufig mit dem Vorwurf der einseitigen Berichterstattung konfrontiert, weil er in Büchern wie „Palästina“ oder „Gaza“ vorwiegend die palästinensische Perspektive einnimmt. Er beruft sich bei der Frage nach journalistischer Objektivität auf den britischen Journalisten Robert Fisk, der sagte: „Ich kann nur wiederholen, dass Reporter neutral und ohne Vorurteile auf der Seite der Leidenden stehen sollten.“

Comic, Karikatur, Graphic Novel

Wie unterscheiden sich Comic, Karikatur und Graphic Novel? Eine Begriffsklärung:

  • Comics erzählen eine Geschichte in Bildern und – in der Regel – Texten, die in Sprechblasen, Kommentarkästen oder in Form von Lautworten integriert sind. Den Beginn der Comicgeschichte sehen manche in frühen Text-Bild-Kombinationen wie dem Wandteppich von Bayeux oder in den Bilderzählungen des Schweizers Rodolphe Töpffer (1799–1846) oder von Wilhelm Busch (1832–1908). Für andere ist der 5. Mai 1895 die Geburtsstunde des Comics, als das Yellow Kid aus der Feder Richard F. Outcaults in New York das Licht der Zeitungswelt erblickte. Der Knirps im gelben Nachthemd, auf dem seine Äußerungen zu lesen sind, soll der Yellow Press zu ihrem Namen verholfen haben.
  • Die bekannteste Schnittstelle von Journalismus und Zeichnung dürfte die Karikatur sein, die satirisch-komische Darstellung von Menschen oder gesellschaftlichen Zuständen, meist bewusst überzogen und mit politischer Tendenz.
  • Der amerikanische Comiczeichner Will Eisner erfand den Begriff Graphic Novel nicht, prägte ihn aber, indem er sein 1978 erschienenes Buch mit gezeichneten Kurzgeschichten („A Contract with God“) so bezeichnete. Eisner wollte damit den formalen Unterschied zu klassischen Comics verdeutlichen: Er zeichnete keine Einzelbilder in Kästen, sondern benutzte oft die ganze Seite. Im Grunde bezieht sich der Begriff Graphic Novel also auf die Form eines Comics. Heute wird er allerdings oft mit einem vermeintlich anspruchsvolleren Inhalt in Verbindung gebracht. Etwa Anfang bis Mitte der 2000er Jahre begannen deutsche Verlage, den Begriff Graphic Novel als Label zu verwenden, um Comics in den regulären Buchhandel zu bringen.

Lars von Törne: „Graphic Novels: Vom Türöffner zur Streitaxt“.

Erkennbarer Ich-Erzähler

Die in Berlin lebende Wiener Zeichnerin Ulli Lust, die seit Ende der 90er Jahre als Comicreporterin unterwegs ist und aktuell eine Kolumne für das englischsprachige Berlin-Magazin Exberliner zeichnet, sagt: „Zeichnung ist schon durch die Bildsprache subjektiver gefärbt als Text“. Und sie fügt hinzu: „Allerdings halte ich die Idee, dass ein Text objektiv ist, auch für einen Trugschluss.“ Auch ein schreibender Reporter versuche, atmosphärisch zu betonen. „Die subjektive Interpretation, die man bei der gezeichneten Reportage findet, ist letzten Endes auch nichts weiter als ein Überhöhen und Verdichten dessen, was man beobachtet hat.“ Sie lasse daher oft einen Ich-Erzähler sprechen, der seine subjektiven Eindrücke wiedergebe. „Ich behaupte also nicht mal, dass ich objektiv bin, obwohl ich es natürlich versuche.“

Ausriss aus einer Ausgabe der Kolumne „The simple stroll“, die Ulli Lust monatlich für das englischsprachige Magazin Exberliner zeichnet.| Comic: ullilust.de
Ausriss aus einer Ausgabe der Kolumne „The simple stroll“, die Ulli Lust monatlich für das englischsprachige Magazin Exberliner zeichnet.| Comic: ullilust.de

Wie steht es mit der Subjektivität von Zeichnung und der vermeintlichen Objektivität von Fotos? Wie kann die Formensprache des Zeichnens mit Journalismus interagieren? Mit solchen Fragen setzt sich Augusto Paim nicht nur praktisch, sondern auch wissenschaftlich auseinander: Der Brasilianer promoviert derzeit an der Bauhaus-Universität Weimar über „Ästhetik der Comicreportage. Theorie und Praxis des journalistischen Erzählens in Comicform“.
„Wenn wir ein Foto sehen, halten wir es für ein Abbild der Wirklichkeit“, sagt Paim, „aber das stimmt nicht“. Zum Beispiel, weil der Fotograf das Verhalten der Abgebildeten beeinflusse oder Motive in einen anderen Zusammenhang gesetzt würden. Eine Zeichnung sei insofern ehrlicher, weil sie nicht als Abbild der Wirklichkeit ausgegeben würde, sondern als Interpretation des Zeichners.

Spannung zwischen Form und Inhalt

Das Spannungsverhältnis von Form und Inhalt kann im Comicjournalismus aber bei der Zusammenarbeit von Journalist und Zeichner eine Herausforderung sein. Der in Bottrop lebende Journalist David Schraven, Gründer des Recherche-Büros Correctiv, veröffentlichte 2012 mit dem Zeichner Vincent Burmeister die grafische Reportage „Kriegszeiten“ über Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Drei Jahre später erschien das Buch „Weiße Wölfe“, für das der Zeichner Jan Feindt Schravens Recherche über rechten Terror in Bilder umsetzte.

Der Reporter taucht als Erzählerfigur auf: „Weiße Wölfe“ von David Schraven und Jan Feindt ist eine grafische Reportage über den rechten Untergrund. | Screenshot: weisse-woelfe-comic.de
Der Reporter taucht als Erzählerfigur auf: „Weiße Wölfe“ von David Schraven und Jan Feindt ist eine grafische Reportage über den rechten Untergrund. | Screenshot: weisse-woelfe-comic.de

Beim ersten Buch habe es mehrere Versionen des Skripts gegeben, die alle nicht funktio-nierten, erzählt Schraven. Schließlich kam er zusammen mit dem Zeichner auf die Idee, den Reporter als Erzähler einzuführen. So klappte es: „Du nimmst Elemente aus der journalistischen Reportage, vermengst das mit Storyboardtechniken aus der Filmproduktion – und dann hast du das Format, mit dem du im Prinzip jede Geschichte erzählen kannst.“ Für „Weiße Wölfe“ änderte er die Zusammenarbeit mit dem Zeichner: „Ich bin mit Jan eine Woche auf eine Insel in Dänemark gefahren, wo wir die Geschichte und die Grafiken zusammen entwickelt haben.“
Bei Augusto Paim geht die Zusammenarbeit im Idealfall noch weiter. Denn auch wenn er in der Recherche für eine Comicreportage kaum einen Unterschied zu der für eine geschriebene sieht – beobachten, interviewen, Fakten sammeln und prüfen –, so ist dabei doch etwas anders: Einerseits müsse man über Bilder denken. Außerdem funktioniere die Interaktion mit einem Zeichner anders als die mit einem Pressefotografen: „Dieser weiß als Fotojournalist in der Regel, was vor Ort zu tun ist. Das muss bei einem Comiczeichner nicht so sein. Deswegen muss man viel besprechen, und es ist mir wichtig, dass der Zeichner bei der Recherche vor Ort dabei ist.“ Das wiederum liege aber nicht allen Zeichnern: „Sie arbeiten ja eigentlich im Atelier, das ist eine ganz andere Welt als die der Journalisten.“

Nur sporadisch zu finden

Und noch etwas unterscheidet Comicreportagen von reinen Textreportagen: Sie sind in klassisch journalistischen Printmedien in Deutschland eher sporadisch zu finden. Daran ändert auch ein Einzelfall wie die lokale Comicausgabe der Ruhr Nachrichten nichts. Anders sieht es im comicaffinen Nachbarland Frankreich aus. Hier präsentiert das Magazin Revue Dessinée, das im Herbst 2013 per Crowdfunding auf den Weg gebracht wurde, vierteljährlich ausschließlich Beiträge in Comicform. Auch die französische Zeitschrift XXI um Chefredakteur Patrick de Saint-Exupéry veröffentlicht regelmäßig Comicreportagen.
Im deutschsprachigen Raum bringt das Schweizer Magazin Reportagen hin und wieder ein solches Stück, und gelegentlich beauftragen deutsche Magazine Comiczeichner. So hat der Berliner Künstler Reinhard Kleist schon für das SZ-Magazin aus einem Flüchtlingslager berichtet. In der deutschsprachigen Ausgabe der Le Monde diplomatique erscheint jeden Monat ein eigens für die Zeitung gezeichneter Comic, der Themen aus Politik und Alltag aufgreift. Trotz solcher Einzelfälle, insgesamt gibt es „zu wenige Veröffentlichungsplattformen für Comicjournalismus, zumal in regelmäßigen Publikationen wie Zeitungen und Zeitschriften“, findet der Berliner Politologe Thomas Greven.
Das mag zum Teil daran liegen, dass sich die Kombination von Zeichnungen und Text nicht für tagesaktuelle Berichterstattung eignet, wie die Comicreporterin Ulli Lust aus eigener Erfahrung weiß. 2001 schickte der Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne, der sich neben seinem Job als stellvertretender Ressortleiter der Berlin-Redaktion um die Comicberichterstattung im Blatt und online kümmert, Lust und ihre Kollegen Kai Pfeiffer, Jens Harder und Markus „Mawil“ Witzel von der inzwischen aufgelösten Zeichnergruppe „Monogatari“ als Reporter auf die Internationale Funkausstellung (IFA). Sie sammelten Eindrücke und O-Töne, fotografierten und notierten, ganz wie „gewöhnliche“ Reporter. Aber statt anschließend zu tippen und Fotos zu bearbeiten, saßen sie stundenlang an Zeichentisch, Rechner und Scanner. „Wir sind tagsüber auf die IFA gegangen, haben nachts den Strip gezeichnet und koloriert und morgens in die Redaktion geschickt“, erinnert sich Lust.
Bei solch kurzen Formaten in vier Kästchen sei das noch gerade so möglich gewesen, erzählt sie. Aber um eine ganze Comicseite zu zeichnen, brauche sie etwa drei Tage. Zu Beginn gehe sie bei einer Comicreportage vor wie andere Journalistinnen und Journalisten auch: „Ich gehe hin, beobachte, recherchiere und am Schluss sammle ich die Ergebnisse.“ Nur dass sie diese dann in einer Bild-Text-Kombination verarbeitet – und dabei darauf achten muss, dass das Verhältnis und das Zusammenspiel stimmen.

Zeichnen schafft Vertrauen

Vor Ort ist Ulli Lust mit Kamera und Notizbuch unterwegs. Wenn sie länger Zeit hat, zeichnet sie auch, allerdings eher aus strategischen als dokumentarischen Gründen, wie sie sagt: „Zu zeichnenden Menschen fassen Leute schnell Vertrauen, und sie erzählen mir dann oft schon sehr viel. Also ist das eine hilfreiche Tarnung.“ Diese Erfahrung machte sie zum Beispiel, als sie einen Monat lang in der aussterbenden DDR-Plattenbausiedlung Halle-Neustadt für eine Reportage recherchierte.
„Die Comicreportage eignet sich weniger für Tages- und Wochenpresse, sondern eher für Magazine mit längerem Planungszeitraum und für Bücher“, sagt Ulli Lust, die fürs kommende Jahr eine Recherchereise nach Haarlem in den Niederlanden plant.

Trend auf dem Buchmarkt

Tatsächlich lässt sich auf dem deutschsprachigen Buchmarkt ein Trend zu journalistischen und dokumentarischen Comics erkennen. Als der Rowohlt-Verlag 1982 Keiji Nakazawas „Barfuß durch Hiroshima“ und 1989 beziehungsweise 1992 die beiden Teile von Art Spiegelmans „Maus“ verlegte, waren das noch eher Ausnahmen. 2004 erschien Joe Saccos „Palästina“ bei Zweitausendeins. Seitdem habe der Anteil von nicht-fiktionalen Comics insgesamt zugenommen, sagt Filip Kolek, der seit vielen Jahren für die Pressearbeit bei verschiedenen Comicverlagen zuständig ist. Neben Reportagen erscheinen auch Biographien, Autobiographien und ähnliches in Comicform.
Was Comicreportagen angeht, so griff der Züricher Comicverlag Edition Moderne 2009 Joe Saccos „Palästina“ wieder auf und brachte in der Folge weitere seiner Bücher heraus. Kurz zuvor war dort auch die Afghanistan-Reportage „Der Fotograf“ des Comiczeichners Emmanuel Guibert, des Autors Frédéric Lemercier und des Fotografen Didier Lefèvre erschienen. Mit dem in London lebenden Deutschen Olivier Kugler hat die Edition Moderne einen weiteren grafischen Reporter im Programm. Der Berliner Avant-Verlag verlegte schon 2012 eine in Asylbewerberheimen recherchierte Comicreportage von Paula Bulling und jüngst die des italienischen Comic-Künstlers Zerocalcare über das türkisch-syrische Grenzgebiet.
Beim deutschen Carlsen-Verlag erschienen 2014 gleich zwei Reportagen über Soldaten im Afghanistan-Krieg, von den Franzosen Maël und Olivier Morel sowie dem Deutschen Arne Jysch. Der Reprodukt-Verlag brachte 2016 ein Buch der Amerikanerin Sarah Glidden über Krisenregionen im Nahen Osten heraus. Der Splitter-Verlag hat aktuell Reportagen über das Liebesleben junger Paare unter dem iranischen Regime sowie über humanitäre Hilfe für Flüchtende im Mittelmeer im Programm. Im Correctiv-Verlag sollen Anfang 2018 zwei grafische Reportagen von Correctiv-Stipendiaten erscheinen: Diala aus Syrien und Greg aus Burkina Faso zeichnen in der Berliner Redaktion daran, begleitet von je einem Correctiv-Reporter. Die Bundeszentrale für politische Bildung bringt im November 2017 die Comicreportagen aus dem „Alphabet des Ankommens“ heraus.

Themen für ein größeres Publikum

Einen Grund für den Trend zu Non-Fiction sieht Kolek auch darin, dass Stiftungen und Verbände Sachcomics zu bestimmten Themen förderten oder auch die Goethe-Institute mit Sachcomics aus und über die Länder arbeiteten, in denen sie säßen. „Comics sind eben eine aufmerksam machende und gleichzeitig leicht zugängliche Art, bestimmte Themen an ein größeres Publikum zu bringen“, meint Kolek.
Dass hierzulande dagegen wenige journalistische Medien Comicreportagen veröffentlichen, liegt nach Meinung vieler Experten vor allem am Image der Kunstform Comic, die gemeinhin nicht als seriös gelte. Ulli Lust formuliert es so: „In Deutschland wird vom Comic erwartet, dass er lustig ist. Eine Reportage ist aber nicht zwangsläufig lustig.“ In Frankreich zum Beispiel mit seiner großen Comictradition sei das anders: „Dort haben die Redaktionen weniger ein Problem damit, sich vorzustellen, dass man mit Comics genauso gut journalistisch erzählen kann.“
Bis diese Idee aber wirklich in den Medienhäusern angekommen ist, werden die Macherinnen und Macher den Comicjournalismus wohl eher nebenher betreiben müssen. Denn eine Comicreportage zu produzieren ist aufwendig. Sie braucht Zeit, und es müssen – falls sie nicht wie bei Joe Sacco oder Ulli Lust in Personalunion realisiert wird – mehrere Personen dafür bezahlt werden. Um Honorare angemessen verhandeln zu können, sagt Lilian Pithan, müsse Comicjournalismus als Genre etabliert und sein Mehrwert bekannt sein. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat sie mit dem „Alphabet des Ankommens“ unternommen. Nun ist sie dabei, mit einer Gruppe Gleichgesinnter in Berlin ein Comicjournalismus-Kollektiv ins Leben zu rufen.
Vielleicht bleiben Experimente wie beim SZ-Magazin, dem Tagesspiegel oder bei den Ruhr Nachrichten dann nicht mehr die großen Ausnahmen, und die Medien entdecken die Chancen, die im Comicjournalismus liegen.

Lesetipps

Beispiele für lesenswerte Comicreportagen und dokumentarische Comics

  • Art Spiegelman: „Maus“ (ab 1980, Pulitzer-Preis 1992 als erster Comic), Fischer bzw. Bundeszentrale für politische Bildung
  • Jacques Tardi: „Grabenkrieg“ (1993), „Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B“ (2012), „Der lange Marsch durch Deutschland“ (2014), Edition Moderne
  • Ulli Lust: „Fashionvictims, Trendverächter. Bildkolumnen und Minireportagen aus Berlin“
    (2008), Avant
  • Guy Delisle: „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ (2011), „Geisel“ (2016), Reprodukt
  • Emmanuel Guibert/Frédéric Lemercier/Didier Lefèvre: „Der Fotograf“ (2008), Edition Moderne
  • Joe Sacco: „Gaza“ (2010), „Reportagen“ (2011), Edition Moderne
  • Paula Bulling: „Im Land der Frühaufsteher“ (2012), Avant
  • Patrick de Saint-Exupéry/Hippolyte: „La Fantaisie des Dieux“ (2014, über den Völkermord in Ruanda, nicht auf Deutsch), Arènes
  • David Schraven/Jan Feindt: „Weiße Wölfe“ (2014), Correctiv
  • Olivier Kugler: „Mit dem Elefantendoktor in Laos“ (2013), „Dem Krieg entronnen“ (2017), Edition Moderne
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Verlagsveröffentlichung - Branchenspecial

Krankenkassen- und Krankenversicherungen

Die Branche der Krankenkassen und -versicherungen ist durch eine Vielzahl unterschiedlicher Unternehmen gekennzeichnet. Allein in Nordrhein-Westfalen sind rund 60 gesetzliche Krankenkassen tätig.

Wichtigste Unterscheidung in der Branche ist die nach gesetzlichen Krankenkassen und privaten Krankenversicherungen. Die meisten Menschen, nämlich rund 75 Millionen bundesweit, sind über die
gesetzlichen Kassen versichert. Diese wiederum haben sich zum Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV-Spitzen­verband) zusammengeschlossen (➝ www.gkv-spitzenverband.de). Unter ihnen lassen sich ferner Allgemeine Ortskrankenkassen (AOK), Betriebskrankenkassen (BKK), Innungskrankenkassen (IKK), Ersatzkassen, Knappschaft und die Landwirtschaftliche Krankenkasse (LKK) unterscheiden. Die Wahl der Krankenkasse ist heute nach § 175 SGB V grundsätzlich frei – berufs- und betriebsunabhängig.
Größte gesetzliche Krankenkasse in Nordrhein-Westfalen ist die AOK Rheinland/Hamburg mit Sitz in Düsseldorf mit aktuell 2,9 Mio.
Versicherten und mehr als 100 Geschäftsstellen. (➝ www.aok.de/rheinland-hamburg). Die ebenfalls in NRW (und Schleswig-Holstein) tätige AOK NORDWEST betreut rund 2,8 Mio. Versicherte in über
180 Geschäftsstellen (➝ www.aok.de/nordwest).
Fast ein Drittel der Bevölkerung ist bei den in NRW tätigen Ersatzkassen versichert (TK, BARMER GEK, DAK Gesundheit, hkk, KKH Allianz, HEK), die allein in NRW rund 6,2 Mio. Versicherte betreuen. Dach­verband ist der Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) (➝ www.dvek.de/ Bereich „Landesvertretungen“). Eine weitere große Gruppe sind die rund 25 Betriebskrankenkassen, die im Lande tätig sind – mit mehr als zwei Millionen Mitgliedern. Der BKK-Landesverband NORDWEST mit einer Hauptverwaltung in Essen ist die Dachorganisation für die Betriebskrankenkassen in NRW, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Er steht für insgesamt 2,5 Mio. Versicherte. (➝ www.bkk-nordwest.de).
Vornehmlich im Bereich des Handwerks sind die Innungskrankenkassen tätig. Größte ist mit bundesweit 3,5 Millionen Versicherten die IKK classic (➝ www.ikk-classic.de). Als eigenständige Kassenart versichert auch die Knappschaft Bahn-See mit Sitz in Bochum rund 800 000 Menschen in NRW; bundesweit sind es 1,6 Mio. (➝ www.kbs.de).
Landwirte und ihre Angehörigen sind über die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) versichert. Bundesweit handelt es sich um rund 650 000 Versicherte (➝ www.svlfg.de).
Den gesetzlichen Kassen stehen die privaten Krankenversicherungen gegenüber – mit rund 50 Gesellschaften, die allesamt bundesweit tätig sind. Ein gutes Dutzend der Privaten hat seinen Stammsitz in NRW. Vertreten werden sie vom Verband PKV (➝ www.pkv.de).

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