VOLO-CAMPUS |

Lieber breit oder fokussiert?

17. Oktober 2026, Marie Illner

Die Süddeutsche Zeitung (SZ) verändert ihre Volo-Ausbildung. Statt der klassischen Variante hat sie ausschließlich Schwerpunkt-Volontariate mit Fokussierung auf ein Themenfeld ausgeschrieben. Das JOURNAL hat bei jungen Kolleginnen und Kollegen nachgefragt, wie sie die Idee finden.

Vitus Weber: Wahlstationen sollten bleiben

Ein junger Mann mit dunklen Locken lächelt in die Kamera.
Vitus Weber volontiert bei der WAZ. | Foto: Kai Kitschenberg/Funke Foto Services

Ich finde reine Schwerpunkt-Volos sinnvoll. Ich habe in meinem Volontariat erlebt, dass die einzelnen Stationen der Ausbildung oft zeitlich viel zu kurz sind und die Einblicke damit nicht tief genug. So wäre ich etwa in der Berliner Politikredaktion gerne länger als vier Wochen geblieben. Ich sehe einen Schwerpunkt als Türöffner auf dem Arbeitsmarkt. Schließlich funktionieren ausgeschriebene Stellen auch nicht nach den Logiken eines Volontariats: Ich habe noch keine Stelle gesehen, bei der „von allem ein bisschen“ gefragt ist. Nach dem Volontariat muss man sich also ohnehin festlegen.

Andererseits muss ich auch zugeben: Hätte ich mich selbst von Anfang an auf einen Schwerpunkt festgelegt, wäre das wohl ein ganz anderer Schwerpunkt gewesen als der, den ich jetzt für mich entdeckt habe. Erst in meiner breiten Ausbildung habe ich gemerkt, dass mir Social Media ziemlich liegt. Vorher habe ich gedacht, das wäre gar nichts für mich. Daher wäre mein Rat an Redaktionen, die nur noch Schwerpunkt-Volos anbieten: Behaltet es bei, dass es Wahlstationen gibt – so wird das ein guter Mix zwischen „fachlicher Tiefe“ und „eigene Stärken erkennen“.

Vitus Weber volontiert bei der WAZ.

 

 

Veerle Seelig: Redaktionen brauchen Expertise

Eine junge Frau mit roten Haaren und einem dicken Kopfhörer. Sie schaut lächelnd seitlich an der Kamera vorbei.
Veerle Seelig ist freie Hörfunkjournalistin und Mitglied im Fachausschuss Junge Journa­list:innen. | Foto: Kalouna Toulakoun

Ich verstehe, warum die SZ künftig stärker auf Schwerpunkt-Volontariate setzt. Ich habe selbst einen Master in angewandter Nachhaltigkeit gemacht und merke, dass Fachwissen im Journalismus immer wichtiger wird. Gerade in Zeiten von Fake News, Desinformation und KI muss viel Faktenwissen vorhanden sein, um Informationen richtig einordnen und überprüfen zu können. Auch aus meiner Masterarbeit zum Klimajournalismus in der Regionalberichterstattung weiß ich, dass es in Redaktionen teilweise an genau solcher Fachexpertise fehlt. Deshalb halte ich es grundsätzlich für sinnvoll, Schwerpunkte in Redaktionen zu schaffen.

Gleichzeitig glaube ich, dass das allein nicht reicht. Es braucht mehr Netzwerke mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und vor allem mehr Weiterbildung für die Journalistinnen und Journalisten, die bereits in den Redaktionen arbeiten. Man sollte nicht nur einen Jahrgang mit spezialisierten Volontärinnen und Volontären ausbilden, die danach vielleicht wieder weg sind.

 

Lorena Brüseke: Einerseits, andererseits

Ich habe gemischte Gefühle zu den Schwerpunkt-Volontariaten. Ich selbst mache ein Volontariat im Lokaljournalismus. Die Festlegung auf den lokalen Bereich kann man aus meiner Sicht auch schon als einen Schwerpunkt bezeichnen. Mein Volontariat ist aber breit aufgestellt, und ich würde es nicht missen wollen, in so viele verschiedene Bereiche Einblicke zu bekommen.

Ein junge Frau mit langen dunklen Haaren lächelt in die Kamera.
Lorena Brüseke ist Volontärin beim Westfalen-Blatt. | Foto: privat

Im Lokaljournalismus gilt das meiner Erfahrung nach eher als in anderen Redaktionen: Man muss von allem ein bisschen können. Außerdem spricht für mich gegen eine frühe Spezialisierung: Das Volontariat ist doch genau dafür da, herauszufinden, was man eigentlich will. Ich hätte mich vorher nicht festlegen wollen und kannte meine Stärken und Schwächen gar nicht so umfassend.

Klar – wer schon vorher weiß, wohin der Weg gehen soll, für den bietet ein Schwerpunkt-Volo sicherlich die Chance, ein gutes Netzwerk aufzubauen, Kontakte schon früh zu pflegen und Wissen auszubauen. Wenn jemand sich für einen Schwerpunkt entscheidet, dann wäre meine Überlegung: Nehmt etwas, das auf dem Arbeitsmarkt auch in anderen Bereichen gefragt ist. Eine tiefere Ausbildung etwa im Bereich Social Media, Videoschnitt oder KI bietet im Zweifel sicher mehr Möglichkeiten der Umschulung.

 

 

Zu früh für eine Spezialisierung

Ich sehe es kritisch, wenn das klassische Volo abgeschafft wird und man sich von Anfang an spezialisiert. Ich finde, da geht einiges an breiter Aufstellung verloren. Im klassischen Volo lernt man ganz unterschiedliche Themenbereiche kennen – von Politik und Wirtschaft über Wissenschaft bis Sport. Außerdem knüpft man so auch wichtige Kontakte. Gerade die Reporter-Einsätze haben mir in meinem Volo sehr viel Spaß gemacht. Ich fürchte, dass das bei einem spezialisierten Volo eingeschränkter wäre.

ein junger Mann mit kurzen dunklen Haaren und Brille. Er trägt ein blaues Hamd und lächelt.
Michael Hartke hat bei Radio RSG volontiert. Er leitet den Fachausschuss Junge Journalist:innen im DJV-NRW. | Fotostudio Balsereit

An manchen Stellen hätte ich mir selbst wiederum mehr fachliche Tiefe gewünscht, etwa bei der Kommunalpolitik. Das allein hätte mich aber nicht erfüllt. Wenn ich mich sehr früh auf ein Gebiet festgelegt hätte, hätte ich möglicherweise weniger Bezüge zu anderen Bereichen gefunden und wäre in meiner Sichtweise eingeschränkter gewesen. Kurzum: Der Weg vom Speziellen ins Allgemeine ist aus meiner Sicht schwieriger als umgekehrt.

Besser: sich erst einmal ausprobieren und sich nicht zu früh festlegen. Praktika und Hospitanzen können dabei immer helfen. Und der SZ würde ich raten: Auch bei einer Spezialisierung sollte ein Grundwissen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft definitiv erhalten bleiben. ||

 

Ein Beitrag aus JOURNAL 3/26, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Oktober 2026.