THEMA | Glaubwürdigkeit

Echt jetzt?

Medien müssen besser erklären, wie sie arbeiten
20. Juli 2026, Corinna Blümel

„Warum schreiben eigentlich alle Medien dasselbe? Sprechen wir uns etwa ab?“, fragt Alexandra Berlin, Auslandsreporterin beim Spiegel, auf Instagram. Kurz eingeblendet sind nahezu identische Schlagzeilen verschiedener Medien. „Nein“, antwortet sie und erklärt, welche Funktion Agenturen wie Reuters oder dpa etwa bei unvorhergesehenen Ereignissen im Ausland übernehmen. Wie Redaktionen sich im ersten Anlauf auf die Agentur-Meldungen stützen, parallel gegenchecken, an eigenen Beiträgen arbeiten und fachkundige Kolleginnen und Kollegen darauf ansetzen, das Thema zu vertiefen.

Fachwissen mit allen teilen

Worin unterscheiden sich Fakten und Meinungen? Warum ist Verdachtsberichterstattung trotz Unschuldsvermutung möglich und welche Regeln gelten dann? Wie erschweren Klagen die investigative journalistische Arbeit? Mit solchen Erklärungen macht die Journalistin ihren knapp 30 000 Followern transparent, wie Journalismus funktioniert.

Mit dem Anliegen ist Alexandra Berlin nicht allein. Weitere Kolleginnen und Kollegen zeigen im Netz, aber zunehmend auch in der klassischen Berichterstattung, was hinter ihren Beiträgen steckt. Etwa ZDF-Reporterin Karin Eigendorf, die 2025 Teil der Social-Media-Aktion #StopptFakeNews des DJV war. Sie zeigt unter anderem, wie sie mit Zugangsbeschränkungen und Risiken vor Ort umgeht.

Screenshot von der Seite wdr.de. Ausgeführt sind sieben Quellen zu einem Text über die Rentendiskussion: Friedrich Merz bei der Pressekonferenz am 23.06.2026 Empfehlungen der Alterssicherungskommission (2026) Nachrichtenagentur dpa Interview des ARD-Hauptstadtstudios mit Iris Schwerdtner WDR-Interview mit Marcel Fratzscher Gesamtverband der Versicherer IG Metall
Woher hat die Redaktion eigentlich die Informationen? Hinweis auf wdr.de unter einem Text zur Rentendiskussion. | Screenshot

Aber Transparenz ist nicht nur für die Arbeit in den Krisenregionen der Welt angezeigt. So legt zum Beispiel der WDR auf seiner Website unter einem Text über die Überlegungen zur Rentenreform detailliert offen, welche  Quellen die Redaktion genutzt hat (siehe Screenshot rechts).

Damit erfüllt er ein Bedürfnis, dass beispielsweise die Krankenschwester Daniela Giertz in der kleinen Publikumsbefragung des JOURNALs formuliert (siehe Statements: Was Menschen über Medien denken): „Es ist mir sehr wichtig, nachvollziehen zu können, woher die Informationen genau stammen.“  Genauso gibt die Friseurmeisterin Melina Maria Oder an, dass verlinkte Studien und Quellen für sie die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung erhöhen. Auch die Statements von Polizist Jonas Klingelmann (Name geändert) und Verkäuferin Xiaojun Henke zeigen, dass sie klare Vorstellungen davon haben, wie Journalistinnen und Journalisten arbeiten sollten. Etwas einfach nur glauben, weil es so berichtet wird, wollen alle vier nicht.

Zwischen Vertrauen und Skepsis

Warum ist das so? Zeigen die diversen Studien zum Thema Medienvertrauen nicht – bei einem gewissen Auf und Ab – ein relativ stabiles Verhältnis der Bevölkerung zum Journalismus? Je nach Studie geben zwischen der Hälfte und zwei Drittel der Befragten an, dass sie Medien voll und ganz oder größtenteils vertrauen (siehe beispielhaft: Kasten „Mainzer Langzeitstudie zum Medienvertrauen“). Der Anteil derer, die klassische Medien grundsätzlich ablehnen, ist leicht, aber nicht dramatisch gewachsen. Allerdings zeigt eine aktuelle Studie („Die Vertrauenslücke. Was Menschen in Deutschland von Journalismus erwarten“)  auch ein wachsendes Misstrauen gegenüber Journalistinnen und Journalisten. In dieser repräsentativen Befragung äußert jeder Zweite Zweifel an der Unabhängigkeit der Berichterstattung.

Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen
Die Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen untersucht seit 2015 mit repräsentativen Befragungen, wie und warum sich das Medienvertrauen verändert und welche Folgen das hat. Durchgeführt wird sie vom Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und dem Institut für Sozialwissenschaften der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Die jüngsten Daten (Erhebung 2024, Veröffentlichung Mai 2025) zeigen: Das Medienvertrauen in Deutschland ist weitgehend stabil, aber die Minderheit, die besonders kritisch bis feindselig auf etablierte Medien schaut, ist zuletzt leicht gewachsen. Danach vertrauen 47 Prozent der Befragten den etablierten Medien eher oder vollkommen „wenn es um wirklich wichtige Dinge geht“, etwa ein Drittel vertraut ihnen „teils, teils“. 20 Prozent geben an, den Medien nicht zu vertrauen.
Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Wie in den Vorjahren liegen die Öffentlich-Rechtlichen vorne: 61 Prozent vertrauen deren Berichterstattung überwiegend oder vollkommen. Im Jahr zuvor waren es 64 Prozent. Allerdings ist das der niedrigste Wert, der bisher für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gemessen wurde. 2019 lagen die Vertrauenswerte bei 67 Prozent, während der Pandemie zeitweise bei 70 Prozent.
Lokal- und Boulevardzeitungen
Den Lokalzeitungen vertrauen 56 Prozent (Vorjahr 59 Prozent). Das Vertrauen in überregionale Tageszeitungen liegt bei 55 Prozent (Vorjahr 52 Prozent). Die Veränderungen liegen innerhalb der statistischen Fehlertoleranz. Unverändert gering – bei drei Prozent – bleibt das Vertrauen gegenüber Boulevardzeitungen.
Privater Rundfunk
Einen klaren Vertrauensschwund verzeichnet der private Rundfunk: Der aktuelle Wert liegt bei 17 Prozent gegenüber 22 Prozent im Vorjahr.
Vergleich zu anderen Institutionen
Im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Institutionen liegen die Medien damit – wie in vorangegangenen Wellen – etwa im Mittelfeld. Mehr Vertrauen als den Medien schenken die Bürgerinnen und Bürger der Justiz (63 Prozent) und der Wissenschaft (72 Prozent). Deutlich schlechter schneiden zum Beispiel die Politik (19 Prozent) und die Kirchen
(14 Prozent) ab.||

Es ist also notwendiger denn je, Journalismus zu erklären. Denn nur wenn er vertrauenswürdig bleibt, kann er auch seine Kontrollfunktion ausüben. Anders als mancher vermutet, liegen die Zweifel nicht vorrangig an der Künstlichen Intelligenz, sie haben lange vor ChatGPT, Gemini, Claude und Co. angefangen. Zu den äußeren Faktoren gehören der generelle Vertrauensverlust in Institutionen, die Nachwirkungen von „Lügenpresse“-Narrativen, die veränderte Mediennutzung sowie die Rolle von Plattformen und ihren Algorithmen. Intern kämpfen die geschrumpften Redaktionen mit Zeitdruck, immer knapperen Ressourcen und steigenden Anforderungen. Fehler passieren schneller und „versenden“ sich längst nicht mehr. Dabei gehört eine gute Fehlerkultur zu den Faktoren, die Menschen für Medien einnehmen.

Bewusst untergraben

Egal ob große Fehler oder Kleinigkeiten, die bewusst skandalisiert werden: Auf Social Media wird Medienversagen gerne immer wieder neu ins Gedächtnis gerufen – bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit. Suggeriert wird damit, dass es eine Kette von Fehltritten gibt. Und daraus wird schnell auch die Vermutung, dass das betreffende Medium oder alle (traditionellen) Medien bewusst manipulieren. Emotional aufgeladene Themen wie Migration, Gendern, Kriminalität, Nahost oder innenpolitische Konflikte ziehen dabei besonders gut. Im Laufe der Zeit wächst bei manchen der Zweifel, ob denn alles stimmt, was unter dem Label Journalismus veröffentlicht wird.

Und jetzt eben noch die Künstliche Intelligenz, die Redaktionen an vielen Stellen längst ganz selbstverständlich zur Unterstützung und Effizienzsteigerung nutzen (siehe auch „Mit Know-how mehr rausholen“). Klar ist: Beim Umgang mit KI-generierten Inhalten sollten Redaktionen sich klare, interne Regeln für Erkennung, Verifikation und Offenlegung von KI-Nutzung geben. Für die Glaubwürdigkeit sollten sie diese auch nach außen kommunizieren.

Denn beim Publikum sorgt KI mit ihren Halluzinationen, mit immer perfekter generierten „Fotos“, gefälschten „historischen“ Aufnahmen und nicht zuletzt mit den Möglichkeiten für Deepfakes und Desinformationskampagnen eher für Verunsicherung.

Aktuell werfen Fälle KI-generierter Meinungstexte ein neues Schlaglicht auf den Einsatz der Large Language Models (LLM) im Journalismus (siehe Kasten „Branchendiskussion über die KI“). Bei aller Hoffnung, dass die möglichen Effizienzgewinne den Raum für besseren Journalismus schaffen, geht es darum, wo die Grenzen für den Einsatz liegen und was wie zu kennzeichnen ist. Genau das knüpft an das Thema Glaubwürdigkeit an:  Auf welche Standards dürfen Menschen vertrauen, wenn sie journalistische Medienbeiträge vor sich haben? Und wie gut sind diese Standards bekannt?

Branchendiskussion über die KI
Längst hat die Medienbranche sich mit KI eingerichtet, auch wenn die Regeln teils noch ausgehandelt werden. Im Juni allerdings schaute auch die Öffentlichkeit genauer hin: Wegen KI-generierter Meinungsartikel entband der Tagesspiegel seinen früheren Chefredakteur und Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff von den Aufgaben.
Wenige Tage zuvor hatte die FAZ bereits einen Gastbeitrag von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt depubliziert, den offenbar ebenfalls eine KI geschrieben hatte. Und damit nicht genug, ließ Springer-Chef Mathias Döpfner eine KI dazu einen Kommentar verfassen und legte darunter vergnügt (oder hämisch?) offen, dass die Erzeugung „ungefähr eine Sekunde“ gedauert habe.
Einen „Bärendienst“ habe Döpfner dem Journalismus damit erwiesen, beklagte der DJV-Vorsitzende Mika Beuster. „Döpfners Botschaft lautet: Wozu noch bezahlter Journalismus, wenn Künstliche Intelligenz selbst leitartikelfähig formulieren kann?“
Aus Gründen der Transparenz und der Glaubwürdigkeit plädiert der DJV schon lange für eine deutliche Kennzeichnung, wenn journalistische Inhalte von KI erstellt werden, und macht sich für eine Ergänzung des Pressekodex stark.
Eine grundsätzliche Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Texte lehnt der Presserat allerdings ab. So erklärte Moritz Döbler, Chefredakteur der Rheinischen Post, in seiner Funktion als Sprecher des Presserats gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), der Presserat habe „nicht darüber zu befinden, welche Technologie eingesetzt wird“. Das Gremium müsse nur sicherstellen, dass die ethischen Maßstäbe eingehalten würden, und dafür reiche der aktuelle Pressekodex aus.
Neben denen, die um Wert und Glaubwürdigkeit des Journalismus fürchten, meldeten sich auch die zu Wort, die die Debatte überzogen finden und vor einer Verweigerungshaltung warnen. So mokierte sich Gabor Steingart, Chef von The Pioneer, über „Holzkopf-Journalismus“ und ein „Klima einer vorsätzlichen Technologiefeindlichkeit“.
Für einen verstärkten KI-Einsatz im Journalismus warb Markus Knall, Chefredakteur von Ippen.Media, dem Redaktionsnetzwerk von Ippen Digital, das intensiv mit KI experimentiert (siehe auch journalist 1/26). Mit der KI lasse sich die Qualität von Journalismus steigern, erklärte er gegenüber der taz. „Wenn eine KI für einen Artikel Hunderttausende Texte aus unserem Archiv auswertet, bringt das mehr analytische Tiefe, als ein einzelner Redakteur je könnte.“
So wichtig die öffentlich geführte Diskussion für die Branche selbst ist: Für das Publikum bleibt sie unübersichtlich. Bei vielen Menschen dürfte vor allem hängenbleiben, dass man selbst den großen Leitmedien immer weniger trauen kann und dass man Medieninhalte grundsätzlich kritisch beäugen sollte./

Was für Glaubwürdigkeit sorgt

Journalistinnen und Journalisten ist nur zu bewusst, dass Glaubwürdigkeit ihr Kapital ist, aber dass sie auch entscheidend ist für die Zukunft demokratischer Öffentlichkeit. Was also sollten sie tun? Unsere vier Statements ganz normaler Mediennutzerinnen und -nutzer zeigen, was auch Forschung belegt: Glaubwürdigkeit entsteht dort, wo journalistische Arbeit für das Publikum nachvollziehbar und überprüfbar ist.

Das ist das Pfund, mit dem lokale Medien wuchern können: Vor Ort kennen die Menschen die Probleme. Sie sehen das heruntergekommene Schwimmbad, die Straßenbaustelle, bei der es ewig nicht weitergeht, oder den verdreckten Spielplatz mit kaputten Geräten. Sie trauen sich die Bewertung zu, ob ihre Lokalzeitung oder ihr Lokalradio darüber angemessen berichten. Zugleich
haben diese Themen für sie eine hohe Relevanz, weil sie das Leben vor Ort direkt betreffen.

Die Statements mit den kurzen Einblicken in den Alltag von Mediennutzerinnen und -nutzern zeigen auch: Alle vier werden kritischer, wenn über ein Thema berichtet wird, mit dem sie sich auskennen, sei es der Alltag in der Pflege oder die Arbeit von Polizeieinsatzkräften.

Als weiteren Konsens zwischen Forschung und Alltagsbeobachtung lässt sich festhalten: Emotionalisierung schafft vielleicht Reichweite, aber sie schadet der Glaubwürdigkeit. Die leidet auch, wenn Berichterstattung als parteiisch, übertrieben oder fremdgesteuert wahrgenommen wird.

Luft nach oben ist in vielen Fällen noch bei der Fehlerkultur: Das fängt dabei an, Fehler sofort einzuräumen und sie dann schnell und nachvollziehbar zu korrigieren. Für beides, sowohl das Zugeben als auch das Berichtigen, sollte hohe Sichtbarkeit selbstverständlich sein.

Nicht zuletzt: erklären und immer wieder aufs Neue erklären, wie Journalistinnen und Journalisten arbeiten. Natürlich kostet das Zeit, die gerade in Redaktionen eine äußerst knappe Ressource ist. Aber wer diese Zeit nicht investiert, verliert auf längere Sicht sein Publikum.||

Ein Beitrag aus JOURNAL 2/26, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Juli 2026.