„Wir müssen uns von der romantischen Vorstellung verabschieden, dass Radio live ist.“ Das sagte Tim Laut, Geschäftsführer der Radio Group, beim Journalistentag 2025 des DJV-NRW. Hintergrund sind die zunehmend schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: Wenn kein Moderator mehr im Sendestudio steht, wird Arbeitszeit eingespart. Mit Technik lassen sich vorab erstellte Sendungen abändern oder ergänzen. So können etwa mehrere Lokalradios in NRW eine gemeinsame Sendung mit lokalen Inhalten füllen oder – ganz neu – sogar die Mantelprogrammstunden von Radio NRW.
Technisch ist heute also vieles möglich. Aber was bedeutet diese Entwicklung im Empfinden der Hörerinnen und Hörer? Merken sie, wenn eine Live-Situation nur vorgetäuscht ist? Und wenn es ihnen auffällt: Erschüttert das die Glaubwürdigkeit von Berichten und Interviews?
Aufgezeichnete Antworten
Bei den Lokalradios in NRW war noch nie alles live, was sich live anhört. Die dpa-RUFA liefert ein Kollegengespräch zu einem Thema, die Antworten der Korrespondentin sind aufgezeichnet, die Moderatorinnen und Moderatoren stellen live die Fragen und spielen die Antworten aus dem Computer ab.

Timo Fratz, Chefredakteur von Radio Bielefeld, verweist auf ein organisatorisches Problem: Eine Korrespondentin oder ein Korrespondent kann schlecht gleichzeitig bei 30 Sendern on air sein und auch nicht nacheinander alle live bedienen. „Es ist eine Frage der Darstellung, ob ich wirklich sage, der Korrespondent ist live zugeschaltet, wenn es nicht stimmt.“ Jedes Mal zu erwähnen, dass ein Gespräch nicht live ist, sei allerdings zu sperrig.
Die Initiative „Fair Radio“ kritisierte diese Praxis schon vor Jahren und verabschiedete 2010 den sogenannten Tutzinger Appell. Darin heißt es unter anderem: „Was nicht wirklich live ist, wird auch nicht als live verkauft.“ Rein formal ist dieser Anspruch auch bei den Hauptnachrichten im WDR nicht mehr erfüllt, die seit 2016 aufgezeichnet und wortgleich auf WDR 2, WDR 3, WDR 4 und WDR 5 ausgespielt werden. Dadurch könnten die Nachrichten besser in die Musik- und Programmabläufe der einzelnen Wellen eingebunden werden, heißt es von der WDR-Pressestelle.
Auch Radio NRW zeichnet die Weltnachrichten inzwischen auf, damit sowohl der eigene DAB+-Sender Radio Mixtape als auch die Lokalradios beliefert werden können.
Radio gilt als besonders vertrauenswürdig
Nach wie vor ist Radio ein glaubwürdiges Medium – das zeigen mehrere Studien aus dem Jahr 2025, etwa „Vertrauen in Medien: Welche Quelle ist glaubwürdig“ (IU Internationale Hochschule) und „Glaubwürdigkeit der Medien“ (Infratest dimap). Im Forsa-Ranking aus demselben Jahr wird Radio als „das vertrauenswürdigste Medium in Deutschland“ geführt, 47 Prozent der Deutschen sagen das.
Für Mediennutzende ist wichtig, dass sie neutral und sachlich informiert werden. Inwiefern der Einsatz von KI-Stimmen oder die Vorproduktion ganzer Sendestrecken die Glaubwürdigkeit beeinflussen, wurde bislang nicht untersucht.
Kostendruck treibt Nutzung an
Aufgrund des Kostendrucks werden jedenfalls mehr und mehr technische Möglichkeiten genutzt, um Personal einzusparen. Ein Beispiel sind „Near-to-Live“-Sendungen, wie es sie im Lokalfunk schon länger gibt: Der Moderator oder die Moderatorin spricht die Texte für mehrere Lokalradios zu unterschiedlichen Beiträgen ein, Musik, Beiträge und Werbeblöcke werden in den einzelnen Sendern im Computer zusammengesetzt und gesendet. Oder die einzelnen Lokalradios füllen eigene Trailer oder zum Beispiel Veranstaltungstipps ohne Anmoderation in den Sendelaufplan ein.
Diese Technik wird oft aus finanziellen Gründen eingesetzt, erklärt Fratz: Kleinere Sender sparen bei der Moderation, die Hörerinnen und Hörer bekommen trotzdem lokale Beiträge, die auch wirklich nur lokal relevant sind. Dennoch ist Fratz ein großer Verfechter der Livesendungen, bei denen eine Moderatorin oder ein Moderator auf aktuelle Geschehnisse reagieren kann, live etwas zum Wetter sagt und das Tempo der Moderationen an die Musik anpasst.
Die Lokalsender in NRW und ihr Mantelprogrammanbieter sind bei „Near-to-Live“ technisch inzwischen schon eine Stufe weiter: Im Mai stellte Radio NRW die cloudbasierte Technik Smart Radio vor. Früher schalteten Lokalradios in den Stunden, in denen sie kein eigenes Programm machten, das Mantelprogramm per Satellitentechnik auf und verbreiteten es lokal über UKW. Mit Smart Radio werden alle Inhalte, also Musiktitel, fertige Moderationen und Beiträge, von Radio NRW direkt in die Sendesysteme vor Ort kopiert. Damit können die Lokalradios auch für die Stunden, in denen sie nicht selbst senden, im Mantelprogramm lokale Inhalte wie Wetter und Verkehr oder auch Beiträge an jedem Sendeplatz ausspielen. Bislang ging das nur in vorher genau festgelegten Zeitfenstern. Allerdings sind die Sendungen eben nicht mehr live, weil die Elemente den Lokalradios vorab zur Verfügung gestellt werden müssen. Das gilt auch für die Redebeiträge der Moderatorinnen und Moderatoren.
Vorproduzierte Nachtsendungen
Dank der technischen Möglichkeiten produziert Radio NRW nun auch die Nachtsendungen vor und gibt als Grund an, dass auch nachts bekannte und beliebte Stimmen zu hören sein sollen. Vorher wurden nachts meist freie Moderatorinnen und Moderatoren eingesetzt. Ein anderer Grund dürften geringere Personalkosten sein.
In der Nacht „fährt“ niemand mehr die Sendungen, wie es im Fachjargon heißt, und es sind auch keine Nachrichtenredakteurinnen oder -redakteure zugegen, denn zu diesen Stunden übernimmt Radio NRW seit geraumer Zeit die Nachrichten der dpa-RUFA. Deswegen kommt im Lokalfunk beim Verkehrsservice nachts KI im Einsatz: „NRW-Verkehr. Euer KI-Navigator – aktuell und schnell“. Hier wird allerdings nicht nach den Sendegebieten der Lokalradios unterschieden, sondern der landesweite Verkehrsservice ausgespielt. Dass die Nachtsendungen nicht live sind, erfahren die Hörerinnen und Hörer nicht.
Eine Verkehrs-KI gibt es auch bei WDR 2 in den gemeinsamen Abend- und Nachtsendungen mit den anderen ARD-Popwellen: Hier werden regionalisierte Verkehrsmeldungen mit einer KI-Stimme ausgespielt. Der Vorteil: Die Landesrundfunkanstalten spielen nur die für ihr Sendegebiet relevanten Verkehrsnachrichten aus statt wie früher die bundesweiten. Da heißt es dann „WDR 2 – Verkehrsservice. KI-unterstützt. Geschrieben von unseren Redaktionen. Von der KI für eure Region sortiert und gesprochen.“
Vorproduzierte Inhalte gibt es beim WDR ebenfalls. Zwar wird versucht, alle Gespräche live zu führen, aber das ist nicht immer möglich. Die Moderatorinnen und Moderatoren weisen darauf hin, wenn ein Interview vorab aufgezeichnet wurde. Teilweise werden aber auch ganze Sendungen vorproduziert, zum Beispiel die Sonntagmorgen-Strecken von WDR 2 und WDR 4. Der WDR-Pressestelle zufolge geschieht das, „weil es hier schlicht schwierig bis unmöglich ist, einen Live-Gast zu bekommen“. Auch längere Musiksendungen bei WDR 3 und WDR 5 werden vorproduziert, ohne dies im Programm kenntlich zu machen.
Was die Sender dazu sagen
Weder der WDR noch Radio NRW sehen in dieser Praxis ein Glaubwürdigkeitsproblem. Der WDR weist darauf hin, dass „Vorproduktionen kenntlich gemacht werden, wenn dies von publizistischer Relevanz ist“. Die Forschung zur Akzeptanz und damit auch zur Glaubwürdigkeit von KI im Radio werde derzeit entsprechend angepasst.
Von Radio NRW heißt es: „Live mit einer hohen Glaubwürdigkeit und Near-to-Live oder aufgezeichnet als nicht glaubwürdig gleichzusetzen, ist mit Blick auf die Veränderungen der Produktionsweisen aller Medien zu eng gefasst. Glaubwürdigkeit entsteht durch Authentizität, und die ist nicht abhängig von der Produktionsweise, sondern von den Menschen, die das Programm gestalten.“
Inzwischen gibt es Privatsender, die trotzdem ganz auf menschengemachte Moderationen verzichten: Die Audiotainment Südwest startete 2023 mit bigGPT einen Sender mit KI-generierten Stimmen und Inhalten. Auch „Absolut Radio AI“ ging 2023 an den Start. Beide Programme sollen technische Möglichkeiten aufzeigen, die gesendeten Inhalte werden von Menschen überwacht.
Der österreichische Sender Life Radio hat während des Urlaubs einer Moderatorin ihre KI-Stimme auf den Äther geschickt. Der Sender wollte ausprobieren, „wie glaubwürdig und alltagstauglich ein Voice-Cloning im Live-Radio sein kann“. Viele Hörerinnen und Hörer sollen den Unterschied gar nicht gemerkt haben, das Feedback fiel angeblich positiv aus.
In einem Forschungsprojekt von Bachelorstudierenden der Technischen Hochschule Nürnberg wurden Hörerinnen und Hörer befragt, wie sie zu KI im Radio stehen. Die meisten würden KI bei Wetter und Verkehr akzeptieren, gefolgt von der Musikauswahl. 13 Prozent befürworteten KI bei den Nachrichten, knapp 43 zeigten sich offen oder sehr offen für eine von einer KI moderierten Radiosendung.
Der Faktor Unmittelbarkeit
Für Radio-Bielefeld-Chef Timo Fratz leidet mit KI die Glaubwürdigkeit: „Radio ist ein unmittelbares Medium. Ein Moderator, der im Studio steht, kann jederzeit reagieren. Der kann auch mal sprachlos sein, der kann sich auch mal versprechen. Das ist ein Mensch, der alles direkt erklären und zu allem Stellung nehmen kann. Das ist etwas Unmittelbares, und das braucht es für Glaubwürdigkeit.“
Das sieht offenbar auch die Sendergruppe Energy so: Sie startete im Mai die Kampagne „100 % echte Menschen – Keine KI-Stimmen“ und setzt damit auf „echte Menschen, echte Emotionen und echte Verbindungen“.
Das wollen auch der WDR und Radio NRW trotz der schon eingesetzten Verkehrs-KI-Stimmen nicht missen: Beide verneinen den Einsatz von KI für Moderationen. Das Privatradio verweist auf die „starken Persönlichkeiten der Moderatoren und Moderatorinnen“ und auf Authentizität und Glaubwürdigkeit.
Inwieweit vorproduzierte Inhalte und Sendestrecken die Glaubwürdigkeit beschädigen, wurde – wie anfangs erwähnt – bislang nicht untersucht.||
Ein Beitrag aus JOURNAL 2/26, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Juli 2026.