Mit der Wahrnehmung ist das ja so eine Sache: Sind die Dinge wirklich so, wie ich sie gerade empfinde? Oder liegt es an mir und meiner aktuellen Gemütsverfassung, dass das so bei mir ankommt? Man kann sich da nie sicher sein, ob man gerade eine erwartungsbestätigende Erfahrung stärker verbucht oder ob etwas wirklich intensiver oder häufiger passiert als sonst.
Als alte Zweckoptimistin kommt es mir zum Beispiel seit kurzem so vor, als ob wieder mehr Menschen – vor die Wahl gestellt, sich nett oder doof zu verhalten, – die Entscheidung treffen, respektvoll und hilfsbereit zu sein. Ich unterstelle, sie haben keine Lust mehr, übellaunig und angriffslustig auf andere zuzugehen, weil das Echo dann ja meist entsprechend ausfällt. Und schwupp, komme ich mir weniger wie ein Sonderling vor, wenn ich Fremde anlächle, weil es mir gut geht.
Aber natürlich leben wir dennoch in einer sehr individualisierten Gesellschaft nach dem Muster „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht“. Das ist für eine Organisation, deren Kernwert die Solidarität ist, nicht so toll. Gleichzeitig sehnen sich Menschen wieder mehr nach Gemeinschaft.
Gerade die junge Generation sucht Geborgenheit im Miteinander. Kirchen verbuchen neues Interesse. Menschen besuchen Silent Book Clubs oder Häkeltreffs, um etwas, mit dem sie sich allein beschäftigen könnten, gemeinsam zu tun. In dem Trend wittere ich Chancen!
Denn da stehen wir, perfekt selbstoptimiert und durchindividualisiert, und googeln nach „Gemeinschaft“. Kann man machen. Erst haben wir gelernt, dass jede und jeder die eigene Marke ist, jetzt wundern wir uns, dass es im Ich-Konzern so hallt.
Vielleicht ist die neue Sehnsucht nach dem Wir kein sentimentaler Rückfall in Lagerfeuerromantik, sondern offenbart die Ego-Gesellschaft als Fehlentwicklung. Der Mensch ist durch Kooperation erfolgreich geworden und merkt, dass er als Soloprojekt schlecht skaliert.
Was können wir als DJV-NRW daraus lernen? Gewerkschaften waren mal die große Antwort auf die Zumutungen der Fabrikhalle: gemeinsam kämpfen statt einzeln buckeln, Widerspruch statt Achselzucken, Streik statt stiller Wut. Nur stehen heute weniger im Blaumann am Band mit offenkundig üblen Arbeitsbedingungen. Viele hocken im Homeoffice, befristet, hybrid, solo-selbstständig oder irgendwo dazwischen. Und merken nur langsam, dass es ihnen damit doch nicht so gut geht wie gedacht. Diese Menschen erreichen wir zu wenig. Unser altes Dach schützt noch, aber es knarzt im Gebälk. Wer da neue Gemeinschaft stiften will, muss die Statik prüfen: weniger Vereinsheim von gestern, mehr Andockstelle fürs neue Arbeiten. Wenn wir neue Leute überzeugen wollen, müssen wir sie an anderen Orten und auf frischen Wegen suchen. Seid ihr dabei?
Würde mich freuen,
eure Andrea
Ein Beitrag aus JOURNAL 2/26, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Juli 2026.