EDITORIAL |

Im Schleudergang

24. April 2026, Andrea Hansen

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Andrea Hansen, Vorsitzende des DJV-NRW. | Foto: Uwe Voelkner / Fotoagentur FOX
Andrea Hansen, Vorsitzende des DJV-NRW. | Foto: Uwe Voelkner / Fotoagentur FOX

so ähnlich muss sich eine Katze fühlen, die aus Versehen in die Waschmaschine geklettert ist. Die Weltlage schleudert uns schwindelig – und die Medienbranche schaltet noch ein paar Schleuderstufen hoch: Die Diskussion zu KI pendelt irgendwo zwischen Heilsbringer und Endzeit-Szenario, Transformationsprozesse spülen Teams und Routinen einmal gründlich durch. Und dann sind da noch diese Nachrichten, bei denen man später genau weiß, wo man war, als es „Ping“ machte.

Diesen Montag im März wird man in Westfalen so schnell nicht vergessen. Kurz nach der Übernahme der Kölnischen Rundschau durch DuMont kommt die Eilmeldung: Die Rheinische Post AG will die Westfälische Medien Holding übernehmen. Mal eben die Ära Aschendorff als Zeitungsverlag nach knapp 300 Jahren beenden. Kann man machen. In der sportlichen Metaphernwelt würde man das wohl einen Wirkungstreffer nennen. Für alle, die bisher glaubten, der Lauf der Dinge lasse sich mit ein bisschen Lokalstolz aufhalten, ist es eher ein Schlag in die Magengrube.

Aus einem (im weitesten Sinne) im Rheinland sehr gut aufgestellten Regionalverlag wird per Zukauf ein Player, der den NRW-Markt nun fast flächendeckend bespielt. Der Norden des Landes kann der Welt noch so oft erzählen, dass hier die Weltmarktführer sitzen und Coesfeld die niedrigste Arbeitslosenquote der Republik hat – für ein eigenständiges Zeitungshaus hat es im Münsterland trotzdem nicht mehr gereicht. Das kratzt am Selbstbild: an dem der früheren Zeitungsverlegerfamilie, an dem der Münsteranerinnen und Münsteraner, an dem der Beschäftigten – und es kratzt, ob sie will oder nicht, auch an der Medienpolitik.

Medienminister Nathanael Liminski warnt aus der Heimat des neuen Eigentümers einerseits vor einem Verlust an Medien- und Perspektivenvielfalt in der lokalen Berichterstattung. Andererseits kündigt er an, sich weiter dafür stark zu machen, die Mehrwertsteuer auf Presseprodukte am liebsten auf null zu senken. Die gute alte Gießkanne: Mit der Hoffnung, dass dann ein buntes Staudenbeet gedeiht – und nicht nur eine hübsch subventionierte Primel-Plantage, die während der ersten Dürreperiode eingeht.

Ja, ich weiß, es sind die immer gleichen Klagen. Man mag sich selbst kaum noch zitieren. Aber es wird nicht falsch, nur weil wir es seit Jahren wiederholen: Eine Subvention ohne kluges Begleitprogramm ist eine Hochrisikoinvestition in den Erhalt der Vielfalt. Der Totalverlust ist vorstellbar.

Vielleicht ist es Zeit, dass wir aufhören, dem Medienwandel aus der schleudernden Trommel zu winken. Wir sollten lieber anfangen zu gestalten, wo wir landen wollen, wenn die Maschine endlich stehen bleibt. Falls wir alle noch zu einem klaren Gedanken in der Lage sind ‑ Medienmanager, Medienpolitiker und Medienschaffende …

Es grüßt euch eine leicht ermattete Andrea

 

Ein Beitrag aus JOURNAL 1/26, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im April 2025.