
„Die Kölnische Rundschau hatte am Mittwoch zuerst berichtet“, schrieb der Kölner Stadt-Anzeiger (KStA) am 26. März in einem Bericht über staatsanwaltliche Ermittlungen gegen einen Kölner Gastronomen und Ratsmitglied, dem „Insolvenzdelikte und Bankrottstraftaten“ im Zusammenhang mit dem Betrieb eines Cafés vorgeworfen werden. Auch am 30. März hatte die Rundschau die Nase vorn und veröffentlichte ein ausführliches Interview mit Rainer Maria Kardinal Woelki, in dem es unter anderem um seine von Rom auferlegte Auszeit, um seine Rolle im Erzbistum und in der Stadt ging sowie um sein juristisches Vorgehen gegen Kritiker. Der KStA extrahierte daraus eine 70-Zeilen-Meldung im eigenen Lokalteil, wieder ganz sauber mit Verweis auf die lokale Konkurrenz.
Lokalredaktion abgeschafft
Das mag beim Platzhirschen pieksen, wenn die andere, die kleinere Zeitung immer wieder etwas Bedeutendes exklusiv hat. Aber so weit, so normal, wenn in einer Stadt zwei Zeitungen um Abos und Lesergunst konkurrieren. Den Hinweis auf die gute Recherche der Kölnischen Rundschau (KR) wird sich der KStA künftig sparen können. Denn diese Lokalredaktion gibt es seit dem 31. März nicht mehr.
Zwar werden die Titel Kölnische Rundschau und Bonner Rundschau als Tageszeitung und als digitales Angebot weiterhin erscheinen. Aber herausgegeben werden sie seit dem 1. April in redaktioneller Verantwortung der DuMont-Tochter Kölner Stadt-Anzeiger Medien. An deren Newsdesk wird die Rundschau seitdem mitproduziert.
Damit ergibt sich in Köln eine Situation, die man andernorts schon länger kennt: das Vortäuschen eines publizistischen Wettbewerbs, einer Pressevielfalt. Entstanden ist das Modell „Zeitung ohne Redaktion“ 2013, als die damalige WAZ-Gruppe (heute Funke Mediengruppe) die Redaktion der Westfälischen Rundschau feuerte. Die erste Zombiezeitung in Deutschland sorgte für Furore.
Eine Zeitung ohne eigene Redaktion gibt es auch beim Aschendorff-Verlag in Münster, der weiter unten noch eine Rolle spielen wird. Die Münstersche Zeitung (MZ), die neben den Westfälischen Nachrichten (WN) keinen Erfolg hatte und deswegen direkt zweimal ihre Redaktion verlor (siehe Kasten unten „Tabubruch in Münster“). Seit Aschendorff die MZ 2014 im Rahmen einer Sanierungsfusion vom Dortmunder Verlag Lensing übernommen hat, kommt für deren Lokalteil vom Schwesterblatt WN. Auch der Mantel der MZ wird komplett von der WN-Redaktion produziert und ist im Wesentlichen identisch mit dem der WN, die selbst auf etliche Inhalte der Rheinischen Post (RP) zurückgreift.
Nichts Originäres mehr
Ähnlich kommen in Köln die lokalen Inhalte künftig vom KStA, der Mantel wird wie bisher von der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) geliefert. Originäre Inhalte sind Fehlanzeige. Kurioserweise tritt in Köln damit genau das ein, was viele Menschen fälschlich längst vermuteten: Die Kölnische Rundschau ist redaktionell wirklich nicht mehr eigenständig, sondern entsteht unter Regie von DuMont.
Das Misstrauen gegen die bisherige Unabhängigkeit der KR beruhte auf der langjährigen Verflechtung der Verlage DuMont und Heinen: Seit 1999 lagen die Titel- und Verlagsrechte von Heinen bei DuMont. Der größere Verlag zahlte dem kleinen seitdem jährlich ein Fixum zur Finanzierung der Redaktion. 2014 führten die beiden Verlage zudem ihre Lokalredaktionen im Kölner Umland in der gemeinsamen Tochter RRG zusammen, der Rheinischen Redaktionsgemeinschaft (Näheres siehe Kasten „Heinen und DuMont – zwei schon länger verwobene Kölner Verlage“).
Heinen und DuMont – zwei schon länger verwobene Kölner Verlage
Die Herausgeberschaft wechselte 1968 zu Heinrich Heinen und 1991 zu Helmut Heinen, dem späteren Präsidenten des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). 2020 ist mit Johannes Heinen die vierte Generation in die Geschäftsführung eingetreten.
1982 übernahm M. DuMont Schauberg (MDS), wie das Unternehmen damals firmierte, 20 Prozent an der Kölnischen Rundschau. Seit 1999 lagen die Verlags- und Titelrechte bei DuMont. Träger der Redaktion blieb der Heinen-Verlag, der dafür von DuMont jährlich Geld erhielt.
2014 gründeten Heinen und DuMont die gemeinsame Tochtergesellschaft Rheinische Redaktionsgemeinschaft (RRG) für die Lokalredaktionen im Kölner Umland. Die RRG-Anteile von Heinen übernimmt jetzt DuMont.
Damals setzte MDS eine Weile auf Expansion. 1990 gründete das Unternehmen die Mitteldeutsche Zeitung in
Halle. 2006 übernahm der Verlag mehrheitlich die Frankfurter Rundschau (die 2012 Insolvenz anmelden und 2013 mit dem Segen des Kartellamts und mit Zustimmung der Gläubiger an die FAZ übergehen sollte). Ebenfalls 2006 erwarb MDS den Bundesanzeiger Verlag und beteiligte sich an der Haaretz Gruppe in Israel.
2009 schließlich übernahm das Unternehmen mehrheitlich den Berliner Verlag (Berliner Zeitung, Berliner Kurier) und die Hamburger Morgenpost. Am Presse- und Medienhaus Berlin (PMB) beteiligte sich auch der Heinen-Verlag mit 35 Prozent. Kein erfolgreiches Investment: Heinen stieg 2015 aus, und DuMont trennte sich 2019 vom Berliner Verlag.
Damals soll DuMont zunächst versucht haben, einen Käufer für seine gesamte Regionalzeitungssparte zu finden. Das scheiterte offensichtlich. 2020 gelang der Verkauf der Mitteldeutschen Zeitung und der Hamburger Morgenpost. Bei DuMont verblieben nur die Kölner Regionalmedien./cbl/
Wer wo mehr Abos hatte
Während die KR mit einigen Umland-Ausgaben und ihrer konservativeren Ausrichtung außerhalb Kölns mehr Abos verkaufte, war der Kölner Stadt-Anzeiger im Verbreitungsgebiet Köln deutlich überlegen. Aber bis zuletzt nahmen beide Kölner Lokalredaktionen den publizistischen Wettbewerb sehr ernst.
Entsprechend herrschte in den Räumen der Rundschau nahe dem Kölner Hauptbahnhof lokaljournalistischer Alltag – bis Ende Februar. Als die Redaktion von der anstehenden Schließung erfuhr, plante sie unter anderem, mit welchen Serien sie im Jahresverlauf auf die Gründung im Nachkriegs-Köln 1946 zurückschauen wollte. Das 80-jährigen Bestehen sollte zudem mit einer großen Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum gewürdigt werden.
Am 26. Februar dann die Vollbremsung: Auf einer kurzfristig einberufenen Mitarbeiterversammlung erfuhren die Beschäftigten, dass ihre Redaktion zum 31. März geschlossen wird. Aus wirtschaftlichen Gründen werde sich der Heinen-Verlag aus dem publizistischen Geschäft zurückziehen, erklärten der langjährige Herausgeber und Verleger Helmut Heinen sowie sein Sohn Johannes Heinen, Geschäftsführer seit 2020. Für die mehr als 30 Kolleginnen und Kollegen heißt das: Sie werden unter Einhaltung ihrer individuellen Kündigungsfristen in einen Arbeitsmarkt entlassen, der gerade – auch wegen des Stellenabbaus bei RTL (siehe „Nach dem Beben“) – kaum Aussicht auf Jobs in Redaktionen oder Pressestellen bietet.

Platz am KStA-Newsdesk
„Eigenständig – mit eigener Haltung und eigener journalistischer Ausrichtung“ solle die Rundschau fortgeführt werden, hatte DuMont verkündet und dafür die Position eines KR-Chefredakteurs am KStA-Newsdesk geschaffen. Übernommen hat sie der langjährige KR-Kollege Jens Meifert, und er durfte wenige ausgewählte Kolleginnen und Kollegen mitbringen. Für ihre Eingliederung in die tariflose DuMont-Tochter Media24 müssen sie dem Vernehmen nach deutliche Abstriche gegenüber ihren bisherigen Verträgen (nach Flächentarif) hinnehmen.
Und eine Handvoll Leute im Vergleich zur bisherigen Redaktion? Viel Eigenständigkeit sei da nicht zu erwarten, kritisiert DJV-NRW-Geschäftsführer Volkmar Kah und macht deutlich: „Ohne eigenständige Rundschau-Lokalredaktion für Köln wird die Stadt de facto zum Einzeitungskreis, auch wenn es nominell weiter zwei Titel gibt. Kurz gesagt: eine weitere Zombiezeitung in NRW, und das ausgerechnet in der größten Stadt des Landes mit dem Anspruch, herausgehobener Medienstandort zu sein.“

Als „tiefen Einschnitt in die Kölner Medienlandschaft und in die Berufsbiografien der Kolleginnen und Kollegen“, bezeichnet auch Stefan Lenz den Vorgang, stellvertretender Landesvorsitzender des DJV-NRW und Betriebsrat bei der RRG, die künftig ebenfalls komplett zu DuMont gehört.
Langjährige Sorgen
Kommt das Ganze überraschend? Ja und nein. Seit buchstäblich Jahrzehnten kursierten in der Rundschau Sorgen über eine Schließung. Aber gerade in jüngerer Zeit hatte es ein Gefühl von Aufbruch gegeben. Nachdem sich der Altverleger und ehemalige BDZV-Präsident Helmut Heinen aus dem operativen Geschäft weitgehend zurückgezogen hatte, schien sich Johannes Heinen nach etwas holprigem Start in die Rolle des Geschäftsführers eingefunden zu haben.
Der Verlag hatte im vergangenen Jahr die neue Stelle eines Chefreporters geschaffen und dafür den gut vernetzten ehemaligen DJV-Bundesvorsitzenden Frank Überall eingestellt – mit der ausdrücklichen Perspektive einer längeren Zusammenarbeit.
Auf den jüngsten Betriebs- und Mitarbeiterversammlungen ging es, so hört man, um Verbesserungswünsche für das Großraumbüro, die Finanzierung von ärztlich verordneten Bildschirmbrillen und Ähnliches. Natürlich blickte die Geschäftsführung auch hier sorgenvoll auf Auflage und Anzeigenaufkommen, wie Beschäftigte berichten. Aber nach übereinstimmenden Berichten soll es vor nicht allzu langer Zeit das Signal gegeben haben, dass der Vertrag mit DuMont besser abgesichert sei als zuvor, sodass die Redaktion auf einige Jahre auskömmlich finanziert sei. „Diesen Eindruck hat Johannes Heinen noch Ende Januar bei einer Videokonferenz für die RRG-Beschäftigten erweckt“, sagt auch Stefan Lenz.
Das sah der Heinen-Verlag nun offenbar anders und zog die Reißleine. Die Gehälter der Entlassenen fließen entsprechend den tariflichen Kündigungsfristen weiter. Zudem hat der Betriebsrat mit anwaltlicher Unterstützung einen Sozialplan verhandelt. „Dass das in so kurzer Zeit gelungen ist, muss man wirklich positiv hervorheben“, sagt Christian Weihe, Justitiar des DJV-NRW. „Das ist nicht selbstverständlich. So fließt das Geld direkt im Anschluss an das Auslaufen der Gehälter.“
Nur die Freien fallen – wie immer in solchen Fällen – ins Bodenlose. Nicht nur das kritisiert Kah: „Selbst, wenn man eine solche Zusammenlegung für wirtschaftlich unabdingbar hält, hätte es einen anderen, verantwortungsvolleren Weg gegeben. Heinen und DuMont hätten sich für einen ordentlichen Betriebsübergang entscheiden können. Dafür ist DuMont doch groß genug.“
Ähnlich hatte sich Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) geäußert und die Verlage an ihre Verantwortung gegenüber den Beschäftigten, den Leserinnen und Lesern und der Stadt erinnert. Der OB hatte die Redaktion direkt nach Bekanntwerden der Schließung besucht und sich zum kurzfristigen Ausstieg und zum Erhalt der Medienvielfalt geäußert. „Eine starke, unabhängige und vielfältige Presselandschaft ist unverzichtbar für eine lebendige Stadtgesellschaft wie Köln. Jede strukturelle Schwächung lokaler journalistischer Angebote erfüllt mich daher mit großer Sorge“, erklärte Burmester.
Kurz darauf: Münster und Bielefeld
Der Fall hätte als bedauerliche, aber weitgehend eben doch regionale Entwicklung durchgehen können – ein weiterer Schritt zum schleichenden Niedergang der Zeitungslandschaft in NRW. Aber eineinhalb Wochen später gab es Anlass, eine größere Perspektive in den Blick zu nehmen. Am 9. März verkündete die Rheinische Post Mediengruppe (RPM) in Düsseldorf, dass sie sämtliche Aktien der Westfälischen Medien-Holding AG (WMH) übernehmen wird.

Dass im Münsterland ein modern aufgestelltes NRW-Medienhaus übernimmt, begrüßt der DJV-NRW. „Wichtig ist, dass sich jetzt auch der neue Eigentümer dauerhaft zu den Arbeitsplätzen in der Region bekennt“, forderte Kristian van Bentem, stellvertretender Vorsitzender des DJV in NRW und selbst Betriebsrat bei Aschendorff, nach Bekanntwerden der Pläne. Insgesamt arbeiten in der WMH nach DJV-Informationen fast 3.000 Menschen, davon allein rund 220 Journalistinnen und Journalisten.
Mit der Übernahme wird die RPM zur auflagenstärksten Tageszeitungs-Verlagsgruppe in NRW. Künftig hat sie publizistisch das Sagen im Münsterland und zu einem guten Teil auch in Ostwestfalen. Denn die WMH entstand 2019 als Zusammenschluss aus zwei Verlagen: Aschendorff (Westfälische Nachrichten und Münstersche Zeitung) als Mehrheitseigner und der Unternehmensgruppe Westfalen-Blatt (Westfalen-Blatt, Westfälisches Volksblatt) als Juniorpartner. 2024 stieß der Verlag J. Fleißig (Allgemeine Zeitung Coesfeld) dazu. Neben den Tageszeitungen gehören auch Lokalradios zum Deal.
Mehr Gewicht im Lokalfunk
Damit gewinnt die RP-Gruppe auch im Lokalfunk zusätzliches Gewicht: Schon bisher bestimmt die Rheinische Post über die PFD Pressefunk die Geschicke von Antenne Düsseldorf und weiteren Sendern in einem Teil des Rheinlands. Hinzu kommen nun die Lokalradios im Münsterland, die zur Münsterländischen Medien Service (MMS) gehören. Auch hier gehen Beobachter davon aus, dass die Servicegesellschaften PFD und MMS nach dem Eigentümerwechsel der WMH erstmal weiterbestehen. Die Entwicklung auf längere Sicht muss sich zeigen, zumal der NRW-Lokalfunk gerade in schweren Fahrwassern ist (siehe unter anderem „Keine Einzelfälle mehr“).
Die Zustimmung des Bundeskartellamts gilt als sicher, weil keine überlappenden Verbreitungsgebiete betroffen sind. Das dürfte kein Zufall sein: Wer in den vergangenen Jahrzehnten die Aktivitäten der großen Verlagshäuser in Nordrhein-Westfalen verfolgt hat, musste den Eindruck gewinnen, dass über lange Zeiträume durchaus einvernehmlich sortiert wurde, wer in welcher Region zum Zuge kommt.

Lange Zeitungstradition
Aschendorff gehört wie DuMont zu den Verlagen mit einer langen Geschichte: Hier erschien 1749 unter dem Namen Staats-Relation die erste Zeitung Münsters. Die Trennung vom traditionsreichen Zeitungsgeschäft sei ihnen nicht leichtgefallen, erklärten denn auch die Aschendorff-Verleger Benedikt und Eduard Hüffer. Dem Vernehmen nach sollen sie sich über den Verkauf zum jetzigen Zeitpunkt auch zunächst nicht einig gewesen sein. Sobald es entschieden und öffentlich war, wurden allerdings auch zügig Fakten geschaffen: Schon wenige Tage nach Bekanntwerden der Übernahme, begannen die Hüffers, ihre Büros zu räumen. So ist es zumindest aus dem Haus zu hören.
Tabubruch in Münster
Der Verkauf: Die Hoffnung, dass die Münstersche Zeitung durch diese radikale Maßnahme im Wettbewerb mit den Westfälischen Nachrichten (WN) aus dem Hause Aschendorff lukrativ genug bliebe, hat sich wohl nicht erfüllt: 2014 übernahm der Verlag Aschendorff und die MZ wurde zur Zombiezeitung. Die Inhalte im Lokalen und im Mantel werden inzwischen komplett vom Schwesterblatt WN produziert, die für den Mantel teils von der Rheinischen Post beliefert wird./
Von Gelassenheit bis Angst
Ähnlich wie in Köln wurde auch die Belegschaft in Münster von der Mitteilung überrascht, berichtet van Bentem. Zwar sei durchaus klar gewesen, dass ein Verkauf eine Option war, man wusste ja, wie sich Auflagen und Zeitungsmarkt entwickeln. „Aber zu diesem konkreten Zeitpunkt hat niemand damit gerechnet“, sagt von Bentem und erzählt von unterschiedlichen Reaktionen der Kolleginnen und Kollegen nach der ersten Schockstarre: „Manche sind gelassen, manche fatalistisch, manche treibt die pure Angst.“
Dabei gibt es die Zusicherung, dass sich unter der neuen Eignerschaft nichts ändern soll. Nur, so van Bentem: „Wir kennen das aus anderen Fällen: Es ändert sich erstmal nichts. Aber ein Jahr später kann es schon wieder ganz anders aussehen.“
Das Thema Übernahme haben die Aschendorff-Beschäftigten bisher aus der anderen Perspektive erlebt: Sie gehörten zu der Einheit, die andere schluckte. Das war 2014 die Münstersche Zeitung, die Aschendorff wie erwähnt zur Zombiezeitung machte (siehe auch Kasten oben „Tabubruch in Münster“). Auch wenn die Gründung der Westfälischen Medien-Holding 2019 als Zusammenschluss galt, hatte Aschendorff das Sagen. Den Preis zahlten vorwiegend die Kolleginnen und Kollegen in Ostwestfalen. Auch hier hieß es zunächst, dass sich nichts ändern würde, aber schon wenige Monate später gab es beim Westfalen-Blatt eine „vertiefte Zusammenarbeit“ mit Aschendorff Medien, sodass Teile des Mantels aus Münster kamen.
Seit einigen Monaten kümmert sich nun eine rund 20-köpfige Einheit von WN und WB um die Produktion der gemeinsamen regionalen und überregionalen Mantelinhalte und -seiten. Damit gehören die Zeitungen der WMH aber zumindest noch zu der bundesweit schwindenden Zahl mit einer eigenen überregionalen Redaktion. Aschendorff produziert zudem seit Jahren den Mantel für die Westdeutsche Zeitung und ab Mai für die Siegener Zeitung. Umgekehrt bezog Aschendorff aber auch schon länger Inhalte von der RP. Bislang konnte die Mantel-Redaktion sich aussuchen, was davon sie nutzen wollte. Wie es künftig weitergeht, ist noch ungewiss.
„Wenn wir als Medienstandort NRW mit dieser unternehmerischen Entscheidung schon einen Verlust der Anbietervielfalt hinnehmen, müssen die Verantwortlichen nun darauf achten, dass zumindest die redaktionelle Presse- und Meinungsvielfalt erhalten bleibt“, fordert van Bentem.

Bisher hat die Rheinische Post Mediengruppe bei ihren Beteiligungen und Zukäufe nicht mit radikalen Sparmaßnahmen auf sich aufmerksam gemacht: Gewachsen ist sie strategisch, aber eher leise. So war sie von 1996 bis 2024 am Zeitungsverlag Aachen (ZVA) beteiligt, der inzwischen zum belgischen Medienkonzern Mediahuis gehört. Seit 2012 hält die RP-Gruppe eine Mehrheitsbeteiligung an der Saarbrücker Zeitungsgruppe (unter anderem Saarbrücker Zeitung und Trierischer Volksfreund). Den Bonner General-Anzeiger hat sie 2018 übernommen.
Das Digitale als Pfund
Hoffnung auf Wachstums- und Entwicklungspotenziale machen sich die Beschäftigten in Münster und Bielefeld besonders im Digitalen. Hier ist die Rheinische Post seit Jahren Vorreiter. Verglichen damit könnten die Verlage der Westfälischen Medien-Holding vom Know-how, der Erfahrung und der Investitionsbereitschaft der RP profitieren, wie auch Kristian van Bentem meint.
Dass die Möglichkeiten im Digitalen noch nicht ausreichend genutzt wurden, gilt auch für die Kölnische Rundschau. Nur konnte die in diesem Bereich gar nicht selbst investieren, sondern war von DuMont abhängig und wurde in dieser Hinsicht eher stiefmütterlich behandelt. Jüngst allerdings freuten sich die Rundschau-Kolleginnen und -Kollegen, dass die App endlich ein neues, nutzerfreundliches Design bekommen hatte. Aus heutiger Sicht hatte die DuMont-Tochter Kölner Stadt-Anzeiger Medien damit allerdings nicht dem Heinen-Verlag, sondern sich selbst etwas Gutes getan.
Und es gibt – bei allen Unterschieden zwischen dem kleinen Heinen-Verlag und der deutlich größeren Westfälischen Medien-Holding – weitere Gemeinsamkeiten. Dazu gehört die Begründung, im aktuellen Medienmarkt nicht mehr bestehen zu können. Als „wirtschaftlich nicht tragfähig“ die Heinens die eigenständige Redaktionstätigkeit für ihren Verlag bezeichnet (entgegen den Beteuerungen der vorausgegangenen Monate).
Für die WMH erklärten Dr. Benedikt Hüffer und Dr. Eduard Hüffer als bisherige geschäftsführende Gesellschafter, die mittelständische Struktur der Gruppe lasse „aus Sicht der Gesellschafter eine Skalierung der Lokal- und Regional-Zeitungs-Aktivitäten der WMH mit vertretbarem Risiko nicht mehr zu“. Sprich: In das erforderliche Wachstum wollten die Gesellschafter nach Abwägung der Erfolgsaussichten nicht länger investieren.
„Kipppunkt“ fürs Lokale?
Einen „Kipppunkt“ befürchtet Volkmar Kah. Danach könnten viele Medienhäuser abwägen, welche längerfristige Perspektive sie sich im Medienmarkt noch ausrechnen, und zum Ergebnis kommen: „Lieber jetzt verkaufen als später“ (siehe ausführlicher „Nicht nur eine Frage der Größe“, Seite 20). Anders könnten sich nach seiner Einschätzung kleinere, noch unabhängige Zeitungshäusern entscheiden, wenn sie kleinere Renditen akzeptierten, noch ein echtes publizistisches Interesse hätten und ein Geschäftsmodell, das über das reine Zeitungsmachen hinausgehe.
Bleibt zu fragen, wie sich DuMont da auf Dauer einsortieren wird. Dass das Kölner Medienhaus 2019 Verkaufsgespräche für die gesamte Sparte Regionalmedien geführt hat, war kein Geheimnis und ließ die Redaktionen über längere Zeit bangen.
Allerdings wollte damals niemand das komplette Paket übernehmen. Ein Faktor könnte die komplizierte Konstruktion mit dem Heinen-Verlag und der gemeinsamen Tochtergesellschaft RRG gewesen sein. Diese Besitzverhältnisse sind nun bereinigt, sodass einem Verkauf der Regionalzeitungssparte Kölner Stadt-Anzeiger Medien nicht mehr viel im Weg stünde. Bleibt zu hoffen, dass das nicht zu einer neuen Zitterpartie für die Beschäftigten führt. ||