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Diskussion „Hat freier, unabhängiger Journalismus noch eine Chance?“

Presseverein Ruhr
17. Dezember 2020, Theo Körner

Die Einschnitte und Umbrüche in der Medienlandschaft betrachten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur mit großer Sorge. Das zeigte sich bei der virtuellen Podiumsdiskussion des Pressevereins Ruhr, die zunächst als Präsenzveranstaltung geplant war. Das Thema des Abends: „Instagram, Facebook, Snapchat und Twitter – hat freier, unabhängiger Journalismus noch eine Chance?“ Zugleich beschäftigten sich die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer während der Gesprächsrunde auch mit der Frage, wie Journalismus unter den veränderten Vorzeichen zu finanzieren ist.

Es schwang schon ein Hauch von Nostalgie mit, als Tobias Schucht, stellvertretender Pressesprecher der IHK zu Dortmund, daran erinnerte, wie gut besucht doch Pressetermine der Kammer noch vor zwölf oder 15 Jahren waren. Wenn Journalistinnen und Journalisten aber nun heute solchen Einladungen deutlich weniger folgten, bleibe für die Verbreitung eigener Nachrichten kaum eine andere Wahl, als die sozialen Medien zu nutzen.

Dass darin natürlich eine Gefahr liege, betonten sowohl Tobias Schucht als auch Sabine Pezely von der Geschäftsstelle der Dortmunder Grünen- Ratsfraktion. Sicherlich ließen sich über die diversen Internet-Formate Informationen vermitteln, aber man bewege sich in der Regel nur im eigenen Milieu, stellte Pezely heraus. Das halte sie deshalb für problematisch, weil ein Journalismus, der bewertet, sortiert und einordnet, zu kurz komme oder sogar Gefahr laufe, ganz auf der Strecke zu bleiben. Dass sich die Lage nun gerade in einer Stadt wie Dortmund, die auch als Medienstandort Renommee gewonnen habe, derart gewandelt habe, lässt nach ihrer Einschätzung durchaus aufhorchen.

Mit Martin Juhls gehörte wiederum ein Gesprächspartner zu der Runde, der als Gründer der „Initiative Kulturkommunikation“ zahlreiche Kulturschaffende bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit begleitet. Er empfehle Künstlerinnen und Künstlern, eigene journalistische Formate zu entwickeln, wenn trotz angesetzter Pressetermine die Berichterstattung ausbleibe oder sehr mangelhaft sei.

Auch bei Juhls war die Frage herauszuhören, wie denn eigentlich ein unabhängiger Journalismus, der sich an Qualitätsstandards orientiert, auf Dauer Bestand haben kann. Zumal er sich im Netz einer ganz anders gearteten Konkurrenz stellen müsse, wie Professor Holger Wormer, Geschäftsführer des Instituts für Journalistik der TU Dortmund, erklärte. Längst seien Algorithmen zur entscheidenden Größe geworden. Daher müsse man, so der Wissenschaftler, auf zweierlei Weise eingreifen. Zum einen regulierend hinsichtlich der Monopole der Internetkonzerne, zum anderen unterstützend, damit Journalismus eine Zukunft habe.

Es sei dringend an der Zeit, die verschiedenen Akteurinnen und Akteure an einen Tisch zu bringen, um nach möglichen Finanzierungswegen zu suchen. Die Bandbreite, die Wormer aufzeigte, reichte von Stiftungen, die sich für den Journalismus engagieren, bis hin zu einem Fördermodell, bei dem direkt die Arbeit der Journalistinnen und Journalisten unterstützt werden soll, statt Verlage zu subventionieren, wie es derzeit geplant wird. Wormer schlug dafür eine Deutsche Journalistengemeinschaft vor, die in Selbstverwaltung entscheide, wie und an wen Fördergelder verteilt werden sollen.

Die gesellschaftliche Bedeutung von Journalistinnen und Journalisten, die in der Informationsflut mit ihrer professionellen Recherche als Wegweiser fungieren, hatte zuvor der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall unterstrichen. Für den gesellschaftlichen Diskurs sei freier und unabhängiger Journalismus unerlässlich. Um nach außen hin den Nutzerinnen und Nutzern Orientierung zu bieten, schlug Frank Überall eine Art Siegel vor, um Qualitätsjournalismus kenntlich zu machen. Ein solches Prädikat wäre wohl auch für den regionalen Bereich von Belang, da sich dort durchaus ein Boulevardstil verstärke, wie es in der Gesprächsrunde hieß.

Bloggerinnen und Blogger könnten ein wichtiges Korrektiv in der Berichterstattung sein. Darauf wiesen ebenfalls Teilnehmende der Runde hin. Frank Überall hob hervor, dass die Zeiten vorbei seien, als es hieß, Bloggerinnen und Blogger seien keine Journalistinnen und Journalisten. In Dortmund haben die Nordstadtblogger mit ihrer lokalen Berichterstattung einen festen Platz in der Medienszene gewonnen, betonte die Grüne Sabine Pezely.||


Ein Beitrag aus JOURNAL 6/20, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Dezember 2020.

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