THEMA | Umbrüche im Lokalen

Nicht nur eine Frage der Größe

24. April 2026, Corinna Blümel

Seit Jahren läuft der Konzentrationsprozess in der nordrhein-westfälischen Zeitungslandschaft. Seit Anfang des Jahres ist er noch einmal deutlich fortgeschritten. Das JOURNAL hat mit Volkmar Kah, Geschäftsführer des DJV-NRW, über diese aktuellen Entwicklungen gesprochen.

Außenaufnahme eines bärtigen Manns in einem hellblauen Hemd.
Der Zeitungsmarkt in NRW ist weitgehend bereinigt, stellt Volkmar Kah fest, Geschäftsführer des DJV-NRW. | Foto: Alexander Schneider

JOURNAL: Erst wird bekannt, dass DuMont sich die Kölnische Rundschau endgültig einverleibt. Kurz darauf kündigt die Rheinische Post Mediengruppe (RPM) die Übernahme der Westfälischen Medien-Holding (WMH) mit Zeitungen in Münster und in Ostwestfalen an (siehe Wieder zwei weniger). Natürlich gibt es viele Unterschiede zwischen diesen beiden Fällen, aber was sind denn Gemeinsamkeiten?
Volkmar Kah: Wir sehen in diesen beiden Fällen zweierlei – und das beispielhaft für Teile der gesamten Medienbranche. Da sind einmal die sinkenden Einnahmen: Gerade die Zeitungsverlage haben teils über lange Zeit mit Werbung und vor allem Kleinanzeigen sehr hohe Renditen eingefahren. Das ging bis zur Jahrtausendwende gut, seitdem schrumpften die Gewinne aus den bekannten Gründen, und das hat sich seit Corona verstärkt.
Zugleich, und das ist der zweite Faktor, haben sich einige Medienhäuser in den vergangenen 10 bis 15 Jahren nicht angemessen auf die neuen Bedingungen eingestellt. Für diese Fehler kriegen sie jetzt die Quittung.

JOURNAL: Ist da also noch mehr zu erwarten?
Kah: Ich fürchte, wir sind gerade an einer Art Kipppunkt, an dem diejenigen, die für sich keine längerfristige Perspektive im Markt sehen, zeitnah aufgeben. Nach dem Motto: Lieber jetzt verkaufen als später. Das könnte ein gemeinsamer Beweggrund für die Entscheidungen in Köln und Münster sein.

JOURNAL: Andere scheinen ja trotzdem klarzukommen und investieren in Zukäufe. Aber auch das ist keine Garantie?
Kah: Das stimmt. Aschendorff hatte ja selbst versucht, die Kosten auf immer mehr Einheiten im Münsterland und in Ostwestfalen zu verteilen, um trotz sinkender Auflage halbwegs rentabel zu bleiben. Dabei haben sie aber übersehen, dass es eigentlich darum gegangen wäre, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln – nicht nur im Digitalen.

JOURNAL: Auch DuMont hatte ja zeitweilig auf Wachstum durch Zukäufe gesetzt, sich dann aber überall wieder herausgezogen und galt danach längere Zeit als Übernahmekandidat. Ist es „fressen oder gefressen werden“?
Kah: Ich würde das nicht allein an der Größe festmachen. Wir haben hier in NRW ja zum Beispiel noch das Solinger Tageblatt oder die Siegener Zeitung, hinter denen kleine eigenständige Verlage stehen. Die haben keine großen Auflagen und trotzen den Großen ganz ordentlich.

JOURNAL: Hängt es nicht auch daran, ob Eigner kleinere Renditen akzeptieren?
Kah: Natürlich, auch das spielt eine Rolle, zusammen mit der Frage, wie viel echtes publizistisches Interesse sie haben. Aber wir kommen immer zurück auf die Geschäftsmodelle: Gibt es ein funktionierendes Digitalkonzept? Wurde das Unternehmen ausreichend diversifiziert, und trägt die Marke der Tageszeitung noch zum Wert dieser anderen Unternehmen bei?

JOURNAL: All das scheint beim Heinen-Verlag und der Kölnischen Rundschau nicht mehr aufgegangen zu sein. In einer besonderen Konstellation war DuMont dort ja schon 1999 beigesprungen.
Kah: Dass die Verlagsrechte der Kölnischen Rundschau bei DuMont lagen, hat wohl auch deren Entwicklungsmöglichkeiten im Digitalen eingeschränkt. Insofern lassen sich die Fehler der vergangenen Jahre nur begrenzt dem Heinen-Verlag ankreiden.
In der jetzt gewählten Konstruktion wird die Rundschau zu einer Zombiezeitung. Und man muss ganz klar sagen: Beide Häuser, Heinen und DuMont, sind ihrer Verantwortung gegenüber den Beschäftigten nicht gerecht geworden. Da ist der Fall in Münster ganz anders. Das halte ich der Rheinischen Post und Aschendorff zugute.

JOURNAL: Die RP-Mediengruppe übernimmt die Westfälische Medien-Holding als Ganzes. Das heißt, dass sich an den Strukturen und damit auch für die übernommenen Redaktionen erstmal nichts ändert. Was ist auf mittlere Sicht zu erwarten?
Kah: Wir hätten die RP natürlich wirklich gerne wieder im Tarif. In dieser Hinsicht sind wir durchaus kritisch. Zugleich muss ich sagen: Es gibt schlechtere Arbeitgeber; da hätten die Kolleginnen und Kollegen in Münster und Bielefeld es ganz anders treffen können.
Aber machen wir uns nichts vor: Eine Übernahme ergibt nur Sinn, wenn dabei Synergien gehoben werden. Unsere Erfahrung mit solchen Konzentrationsprozessen zeigt, dass der Umbau oft nach etwa einem Jahr beginnt. Da sind wir dann sicherlich bei den Themen Druck und Verwaltung.

JOURNAL: Was gilt für die Redaktionen?
Kah: Im Lokalen rechnen wir nicht mit Einschnitten. Worauf wir einen Blick behalten müssen, ist die Mantelredaktion. Die kriegt einerseits selbst Teile zugeliefert, beliefert aber andererseits andere Redaktionen mit Mantelinhalten. Bisher ist die Westdeutsche Zeitung ein Abnehmer, demnächst sollte die Siegener Zeitung hinzukommen. Ob es dabei bleibt, muss man abwarten.

JOURNAL: Da die Zeitungsverlage ja eine der beiden Säulen im Lokalfunk tragen, nämlich die Betriebsgesellschaften, lohnt auch ein Blick auf die Lokalradios.
Kah: Da wird es eine Machtverschiebung innerhalb des Systems geben. Die Rheinische Post steht ja als Eigentümerin hinter der PFD Pressefunk mit Antenne Düsseldorf und weiteren Sendern in diesem Teil des Rheinlands. Sie bestimmt künftig auch über die Geschicke der Lokalradios im Münsterland, die zur Münsterländischen Medien Service (MMS) gehören. Wie sich das auswirken wird, müssen wir auch hier abwarten

JOURNAL: Der Lokalfunk ist ja gerade sowieso in schweren Fahrwassern, wie wir aus dem Strukturprozess wissen.
Kah: Im Lokalfunk gilt etwas Ähnliches wie oben gesagt: Gerade bekommen alle Player die Quittung dafür, dass sie in den vergangenen zehn Jahren die Weichen falsch gestellt haben. Das ist in diesem Fall weniger den einzelnen Lokalsendern anzukreiden als vielmehr der Politik und der Landesanstalt für Medien NRW (LFM).

JOURNAL: Was hätten die besser machen müssen?
Kah: Der DJV-NRW hat immer auf den Interessenskonflikt im System hingewiesen – zwischen den auf Gewinn angelegten Betriebsgesellschaften und den auf lokale Versorgung angelegten Veranstaltergemeinschaften. Weil der Strukturprozess der vergangenen Jahre einseitig auf die wirtschaftliche Seite geschaut hat, konnten die Betriebsgesellschaften sich gegen die Veranstaltergemeinschaften durchsetzen.
Um das zu verhindern, hätte die LFM bei der Landesregierung weit vorher auf die Schaffung anderer Instrumente im Landesmediengesetz drängen müssen. Denn was aus unserer Sicht immer fehlte, war Transparenz über die Kostenstrukturen und die Einnahmenseite. Wenn es jetzt um „fehlende wirtschaftliche Tragfähigkeit“ einzelner Lokalradios geht, gibt es keine Möglichkeit zu prüfen, ob die Kostenstrukturen dahinter plausibel sind und ob der Werbemarkt angemessen ausgeschöpft wird.
Mit den aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen bleibt der LFM dann nichts anderes übrig, als größere Verbreitungsgebiete zu schaffen.

JOURNAL: Was bleibt dann von der Idee des Lokalfunks?
Kah: Wenig, denn er wird zum Regionalfunk. Und weil er damit sein Alleinstellungsmerkmal verliert, führt das im schlechtesten Fall zum Ende des ganzen Lokalfunksystems. Denn Regionalfunk macht auch der WDR und will das jetzt weiter ausbauen – so wie es der Rundfunkänderungsstaatsvertrag den ARD-Anstalten nahelegt. Beim WDR geht mit der Zusammenlegung von Landesstudios und Newsroom und den zusätzlichen Freien in den Regionen künftig eine immense Power in diese Berichterstattung. Wie sollen die Lokalradios da mithalten, wenn sie wegen immer größerer Verbreitungsgebiete das Lokale nicht mehr richtig abdecken können?

JOURNAL: Das Lokale leidet in NRW schon länger durch die Entwicklungen bei den Zeitungsverlagen. Was bedeutet es, wenn die Lokalradios als zusätzliche Stimme verschwinden?
Kah: Wenig Gutes. Den Vorwurf muss man der aktuellen Landesregierung, dem Medienminister Nathanael Liminski machen, in Teilen auch der SPD: Alle erzählen in Sonntagsreden, wie wichtig Journalismus für die Demokratie ist, aber am Ende des Tages traut man sich nicht, passende Rahmenbedingungen zu schaffen.

JOURNAL: Für den Lokalfunk haben wir schon angesprochen, was wünschenswert wäre. Was müsste die Politik tun, damit der Lokaljournalismus als Ganzes eine Chance hat?
Kah: Dessen Bedeutung für Zusammenhalt und Demokratie wird ja wie erwähnt oft genug beschworen, ohne dass viel passiert. Es gibt das – mehrfach gebrochene – Versprechen der Zustellförderung, der wir als DJV kritisch gegenüberstehen. Sinnvoller wäre aus unserer Sicht eine staatsferne Förderung für lokale Medien, die sich auf das Herstellen der Inhalte bezieht oder auf Redaktionsstrukturen.
Aber vielleicht muss an erster Stelle die Medienpolitik der Finanzpolitik klar machen, dass ein funktionierendes Mediensystem systemrelevant ist und dass man dann entsprechend dort auch Mittel reingeben muss.

JOURNAL: Wie und wo könnten die platziert werden?
Kah: Das wäre der zweite Schritt: über die geeigneten Instrumente zu streiten. Wir als DJV-NRW sind mit der Landesregierung einer Meinung, was das Thema Gemeinnützigkeit für journalistische Projekte angeht. Das hilft allerdings nicht den klassischen Medienhäusern. Die Verlage würden wiederum von einer Mehrwertsteuersenkung profitieren, bei der wir aus meiner Sicht gut mitgehen können.
Auseinander sind wir mit der CDU-geführten Landesregierung dagegen bei der Idee, eine Förderung an journalistische Arbeitsplätze zu koppeln. Und was auf jeden Fall hinzukommen müsste: die entsprechenden Regularien zu schaffen, gerade im Lokalfunk.

JOURNAL: Was wäre noch denkbar?
Kah: Es würde helfen, wenn die Verlage aufhören, den Feind nur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu sehen. Stattdessen müssten alle konsequent gemeinsam Richtung Intermediäre gucken. Wenn man da zu einer guten Regulierung käme, könnte das allen Playern im deutschen Mediensystem das Leben erheblich leichter machen.

JOURNAL: Wäre auch eine Art Medienabgabe denkbar – analog oder sogar gemeinsam mit dem Beitrag für die Öffentlich-Rechtlichen?
Kah: Aus einem kleinen Teil dieses Beitrags werden ja heute schon die Landesmedienanstalten finanziert, also die Medienaufsicht über den privaten Rundfunk. Das ist kaum jemandem bewusst. Also ja, man kann darüber nachdenken, ob man eine Medienabgabe schafft, von der dann in einem gewissen Rahmen auch privat finanzierte Medien profitieren. Ich glaube, wenn man das wirklich will, kriegt man das hin.

JOURNAL: Natürlich gäbe es auch Widerspruch. Wo wären die Haltelinien?
Kah: Ich sehe zwei: Erstens sollten wir nicht am bewährten staatsfernen KEF-Verfahren für die Öffentlich-Rechtlichen rühren, das entsprechend den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts gestaltet wurde. Und zweitens sollten möglichst viele Finanzierungsmodelle erhalten bleiben. Eine solche Medienabgabe sollte nur unterstützen und nicht dazu führen, dass alle an einem Tropf hängen.
Grundsätzlich gilt: Die Idee einer Medienabgabe ist nicht trivial, aber es setzt die Anerkenntnis voraus, dass das, was wir als Gesellschaft an Journalismus brauchen, im Markt ohne Unterstützung auf Dauer nicht mehr zu halten ist.

JOURNAL: Damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt, dem Lokalzeitungsmarkt in NRW. Was sagen uns die aktuellen Entwicklungen vor dem eben diskutierten Hintergrund?
Kah: Wenn wir mit klarem Blick auf NRW schauen, ist der Markt hier mittlerweile weitgehend bereinigt. Unabhängig davon, ob einzelne kleine Blätter erhalten bleiben, wird sich an der Struktur nichts ändern. Schon gar nicht ist zu erwarten, dass sich größere lokaljournalistische Medien neu etablieren können. Das heißt: Langfristig müssen wir uns darüber klar werden, dass es für Lokaljournalismus eine wie auch immer geartete gesellschaftliche Unterstützung braucht.

 

JOURNAL: Das ist das Fazit auf der eher abstrakten Ebene. Aber es gibt noch das ganz Konkrete: Gerade haben Menschen in Köln ihren Arbeitsplatz verloren, und in Münster und Bielefeld sorgen sich andere, dass ihnen das über kurz oder lang auch blüht.
Kah: Im Lokalen gibt es gerade kaum zusätzliche Arbeitsplätze. Das ist ein relativ ausgedünnter Markt. Und auch die Möglichkeiten, in Richtung Pressestelle auszuweichen, sind nicht mehr so aussichtsreich wie früher. Vor allem in Köln kommt erschwerend hinzu, dass es nicht nur um die mehr als 30 Redakteurinnen und Redakteure der Kölnischen Rundschau geht. Hinzu kommen rund 270 Menschen, die das Abfindungsangebot von RTL News angenommen haben.

JOURNAL: Nicht alle rund 300 suchen gleichzeitig einen neuen Job im Journalismus.
Kah: Das stimmt. Viele sind die nächsten Monate noch abgesichert – durch den Tarifvertrag bei der Rundschau und die Transfergesellschaft bei RTL. Manche werden den Ruhestand zeitlich vorziehen, und andere werden dem Beruf leider den Rücken kehren. Aber es bleibt dabei, dass es einen Druck in den Arbeitsmarkt gibt. Zumal natürlich auch an anderen Stellen Arbeitsplätze verschwinden. Etwa bei Funke, wo jetzt die Desk-Lösungen noch mal zusammengelegt werden. Stichworte sind hier One Desk und Zentralisierung der Produktion.

JOURNAL: Nicht zuletzt wissen wir, dass auch KI Stellen vernichten wird, zum Beispiel in der Produktion.
Kah: Das stimmt. Auf der anderen Seite wird es in den kommenden Jahren noch mal einen Umbruch geben, wenn die Boomer in Rente gehen. Allerdings ist die Gewissheit verloren gegangen, die wir in den vergangen Jahren hatten, dass das ausreichend Platz macht für die Jüngeren, die hochqualifiziert in den Job gehen wollen.||

Nach Drucklegung des Hefts und kurz vor der Auslieferung hat das Kartellamt die Zustimmung erteilt, dass die Rheinische Post Mediengruppe die Westfälische Medien-Holding übernehmen darf.

 

Ein Beitrag aus JOURNAL 1/26, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im April 2026.