THEMA | Synthetische Medien

Das Wichtigste beim eigenen Faktencheck

22. Oktober 2021, Kai Heddergott
Fiete Stegers | Foto: privat
Fiete Stegers | Foto: privat

Fiete Stegers, freier Journalist und Medien-Trainer mit den Schwerpunkten Online-Recherche, Verifikation und Faktencheck, hat als Online-Journalist unter anderem für ZAPP, NDR Info und tagesschau.de gearbeitet. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg/Department Information.

JOURNAL: In der kurz getakteten Social-Media-Welt wird es immer wichtiger, Fake-Inhalte schnell zu identifizieren. Was sind die drei wichtigsten Schritte beim eigenen Faktencheck, um nicht auf Desinformations- und Manipulationsversuche hereinzufallen?

Fiete Stegers: Das Allerwichtigste: Ruhe bewahren, nicht gleich liken, kommentieren oder weiterleiten. Gerade wenn man auf eine vermeintliche Neuigkeit spontan mit „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ oder „Na klar, das habe ich schon immer gesagt“ reagieren will. Wir alle werden leicht Opfer von Wahrnehmungsverzerrungen, etwa wenn unsere vorgefasste Meinung bestätigt wird.

Dann heißt es, den journalistischen Sachverstand anzuschalten:
1. Wer sind Überbringer und Quelle der Nachricht? Dazu gehört zum Beispiel, einen Social-Media-Account genauer unter die Lupe zu nehmen.
2. Was genau wird behauptet oder gezeigt?
3. Gibt es seriöse Nachrichtenangebote und Quellen, die die Information bestätigen?

JOURNAL: Welche Tools oder Websites helfen, um gut gemachte Täuschungsmanöver wie etwa Deepfakes zu entlarven?

Stegers: Bei Bildern nutze ich die Rückwärtssuche von Google oder Yandex, um herauszufinden, was das Bild tatsächlich zeigt und woher es stammt. Für Videos gibt es das leider noch nicht – wohl aber Tools, die Standbilder aus Videos auf anderen Seiten identifizieren können. Das sind zum Beispiel der YouTube Data Viewer von Amnesty International oder das Tool von Matt Wright. Im sehr empfehlenswerten InVID-Plugin für Chrome und Firefox sind mehrere solche Rückwärtssuchen integriert.

Spezielle Tools für Deepfake-Erkennung stecken noch in den Kinderschuhen. Kostenlos testen kann man zum Beispiel Deepware. Der Anbieter Sensity bietet seinen Service dagegen derzeit nur kostenpflichtig für Firmen an.

Grundsätzlich funktionieren für Deepfakes natürlich die gleichen Schritte wie für andere Videos oder Bilder. Zuallererst schaue ich mir sie ganz genau an: Gibt es auffällige Stellen, zum Beispiel sichtbare Übergänge oder seltsam unbewegte Passagen im Gesicht? Wenn ich den Verdacht habe, dass etwas manipuliert ist, kann ich möglicherweise über eine Rückwärtsbildersuche das Original finden. Mit der Suche nach dem Video-Titel oder der Video-URL kann ich andere Seiten finden, die sich möglicherweise schon der Frage nach der Echtheit beschäftigt haben. Gerne empfehle ich auch die Google-Spezialsuche für Faktenchecks.

JOURNAL: Rennt nicht das Verfikationsinstrumentarium der technischen Entwicklung stets hinterher? Und lassen sich Täuschungen mit synthetischen Medien prinzipiell irgendwann immer aufdecken?

Stegers: Bisher waren die Manipulationstechniken immer zuerst da, und sie entwickeln sich gerade im Bereich Deepfake rasant weiter, das gilt auch für synthetisches Audio. Selbst wenn es verschiedene Versuche für digitale Echtheitszertifikate gibt und früher oder später eine KI uns die Basis-Schritte der Verifikation und Beurteilung abnehmen kann, werden wir sicher weiter den Fälschern hinterherhinken.

Ich warne aber auch vor Schwarzmalerei: Menschen wissen seit Jahrzehnten, dass Fotos und Video gefälscht werden können, sie kennen Photoshop und seit ein paar Jahren Instagram-Filter. Sie werden sich auch an neue technische Möglichkeiten gewöhnen, gerade wenn synthetische Bilder oder Stimmen von Personen im Film, in der Werbung oder gerne auch in der Bildung selbstverständlich werden.

Aufsehenerregende Deepfakes mit Promis werden kurzfristige Wirkung erzielen – aber auch entlarvt werden können. Und zwar mit neuer Technik oder wenn Journalistinnen und Journalisten ganz klassisch recherchieren: Wann und wo soll dieses Video entstanden sein? War noch jemand im Raum, gibt es Zeugen oder ein Alibi? Wer hat es warum in Umlauf gebracht?||

Die Fragen stellte Kai Heddergott.

Links

Metadata von Matt Wright
mattw.io/youtube-metadata/

Deepware: scanner.deepware.ai

Sensity: Sensity.ai

Google-Spezialsuche für Faktenchecks:
toolbox.google.com/factcheck/explorer

 

Ein Beitrag aus JOURNAL 5/21, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Oktober 2021.