THEMA | Sportjournalismus

„Die Aktualität bleibt das Entscheidende“

30. September 2022, Dr. Christoph Fischer

JOURNAL: Keine einfachen Zeiten momentan. Die Coronakrise hat die Lage verschärft. Wie steht es 2022 um den deutschen Sportjournalismus?

Porträt Ralf Durry, sid
Ralph Durry ist Fußball-Chef des Sport-Informations-Dienstes SID in Köln. | Foto: SID

Ralph Durry: Ich habe eher den Eindruck, dass es wieder aufwärts geht. Natürlich ist der Markt für die Sportberichterstattung nicht einfacher geworden. In den Verlagshäusern bleiben Problemsituationen nicht aus. Andererseits steigen die Chancen der Nachrichtenagenturen, aber auch deren Bedeutung. Nachrichtenagenturen stellen die Nachrichtenversorgung sicher, der SID versucht, frühzeitig neue Trends zu erkennen und Anstöße zu geben. Ich blicke optimistisch nach vorne.

JOURNAL: Hat sich die Nachrichtengebung der Nachrichtenagenturen im Sport verändert?

Durry: Wir haben die Grundversorgung nicht verändert, weil unsere Kunden das von uns erwarten. Wir melden alles Relevante, wir fassen es zusammen, wir kommentieren. Wir leben weiter von den Meldungen, wir leben von Vorschauen, von der Ereignisberichterstattung, aber auch von den pointierten Nachbetrachtungen. Natürlich haben sich Akzente der Nachrichtengebung verschoben.

JOURNAL: Produziert der SID 2022 mehr oder weniger als in der Vergangenheit?

Durry: Vermutlich eher mehr. Weil es die Kundschaft erwartet. Aber die einzelnen Beiträge werden kürzer. Und wir haben die Rubrik Gesichter des Tages mit Erfolg am Markt platziert, kleine Geschichten, Anekdoten, die von den Kunden online ebenso genutzt werden können wie für die Printausgaben. Die redaktionellen Umfänge im Sport haben sich eher reduziert, darauf muss eine Agentur reagieren. Gleichzeitig müssen wir schauen, dass wir online die Ansprüche der Kunden abdecken und ein breit gefächertes Angebot produzieren. Den Spagat muss der SID schaffen.

JOURNAL: Kann man das schon einen neuen, einen anderen Sportjournalismus nennen?

Durry: Die Textsorten sind andere geworden, das Grundmuster unserer erfolgreichen Berichterstattung ist das gleiche geblieben.

JOURNAL: Ist die Hintergrundberichterstattung für die Agenturen wichtiger geworden?

Durry: Eine beliebte Frage – und eine oft gestellte. Wir bemühen uns im Sport um Hintergründe. Natürlich. Aber wir haben keine Investigativabteilung im klassischen Sinn. Wir wollen Hintergrundberichterstattung, aber wir müssen zunächst die Berichterstattungsbasis herstellen, sicherstellen, aufrechterhalten und ausbauen. Die Aktualität ist immer noch das Entscheidende.

JOURNAL: Der Fußball ist und bleibt dominant?

Durry: Ich müsste lügen, wenn ich etwas anderes glauben würde. Der Fußball bleibt für die Nachrichtenagenturen im Sport der dominierende Nachrichtengegenstand. Man mag das bedauern, aber warum eigentlich? Das bedeutet ja nicht, die Berichterstattung in anderen Sportarten dramatisch einzuschränken. Ganz im Gegenteil: Ich freue mich über jede Story, die wir außerhalb des Fußballs produzieren und die Niederschlag beim Kunden findet, ob online oder print.

JOURNAL: Also keine neue Sportberichterstattung 2022?

Durry: Man muss Erfolgreiches ja nicht ändern. Aber Inhalte ändern sich schon. Natürlich ist die Berichterstattung personalisierter, die Sprachgebung ist unterhaltsamer, vielleicht auch boulevardesker. Das ist ein Trend der Zeit. Aber in erster Linie wollen wir ein zuverlässiger Nachrichtendienstleister sein und bleiben. Schnell wie SID bleibt unsere Devise – und unser Erfolgsrezept. Daran hat sich seit der Unternehmensgründung im Jahr 1945 nichts geändert.

Die Fragen stellte Dr. Christoph Fischer.

 

Ein Beitrag aus JOURNAL 3/22, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im September 2022.