Frauen | 

Männerdomäne Regionalpresse

Studie untersucht Aufstiegschancen von Journalistinnen
13. April 2021, Mareike Weberink

Unter dem Titel „Männerdomäne Regionalpresse“ hat der gemeinnützige Verein ProQuote Medien eine qualitative Studie zu Machtbeteiligung und Aufstiegschancen von Journalistinnen bei Lokal- und Regionalzeitungen vorgelegt. 16 Frauen aus unterschiedlichen Regionen, Altersgruppen und Hierarchieebenen standen dafür als Interviewpartnerinnen zur Seite. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, lassen aber Rückschlüsse auf die Branche zu.

Im Fazit benennt die Studie acht Faktoren, warum so wenig Frauen in Führungspositionen zu finden sind. Dazu gehören gewachsene Strukturen ebenso wie geschlossene Systeme männlicher Führungszirkel. Die schlechte Vereinbarkeit von Karriere und Familie wirkt sich ebenso aus wie Defizite im Bereich Personalentwicklung oder der Sparzwang in Redaktionen. Um die Situation der Frauen zu verbessern, kommt die Studie zu unterschiedlichen Empfehlungen. An flexiblem Arbeiten, neuen Arbeitsmodellen und Strukturen führt für die Verantwortlichen kein Weg vorbei. Wir haben mit Anna von Garmissen, Leiterin der Studie und Bildungsbeauftragte beim DJV-NRW, über die Untersuchung gesprochen.

Studienleiterin Anna von Garmissen (M.) mit Edith Heitkämper (ProQuote-Medien-Vorsitzende, l.) und Inka Schneider (NDR-Moderatorin und Mitglied) bei Vorstellung der Studie. | Foto: Friederike Brockmann
Studienleiterin Anna von Garmissen (M.) mit Edith Heitkämper (ProQuote-Medien-Vorsitzende, l.) und Inka Schneider (NDR-Moderatorin und Mitglied) bei Vorstellung der Studie. | Foto: Friederike Brockmann

JOURNAL: Sie sagen, lediglich acht von 108 Chefredaktionsstellen in Regional- und Lokalpresse sind bundesweit mit Frauen besetzt. Da lässt sich keine (Chancen-)Gleichheit mehr reindiskutieren, oder?

Anna von Garmissen: Nein. Die Zahlen offenbaren, dass Chancengleichheit für Spitzenpositionen de facto nicht existiert – auch wenn es in den Zeitungshäusern immer wieder heißt, Frauen stünden alle Türen offen. Noch krasser wird das Missverhältnis, wenn man sich vor Augen hält, dass der Journalismus seit vielen Jahren weiblicher wird. Der Frauenanteil unter den Volontärinnen und Volontären liegt nach DJV-Schätzungen bei rund 60 Prozent.

JOURNAL: Die Studie benennt verschiedene Faktoren für diese Ungleichheit. Unter anderem historisch gewachsene Strukturen in Regionalverlagen und sich selbst stabilisierende männliche Führungszirkel. Was verbirgt sich dahinter?

von Garmissen: Regionalzeitungen sind in der Regel familiengeführte Unternehmen mit generationsübergreifender Tradition. Ihre Strukturen sind seit jeher männlich geprägt. Daher gibt es vielerorts gar kein Bewusstsein für den Mangel an Führungsfrauen. Drei Viertel unserer Interviewpartnerinnen haben das Gefühl, Frauen würden überhaupt nicht wahrgenommen oder in Betracht gezogen, wenn es um Spitzenpositionen geht. Die Männer bleiben gerne unter sich. Dann berufen sie die eine oder andere Frau in die untere oder mittlere Führungsebene und sagen: „Was wollt ihr denn, wir haben doch jetzt eine stellvertretende Ressortleiterin.“ Das sind aber oft Feigenblatt-Positionen, die mit wirklichen Entscheidungsbefugnissen wenig zu tun haben. In die wahren Machtzirkel dringen Frauen nur vereinzelt vor.

JOURNAL: Ein weiterer Faktor steckt ganz woanders: Eine Interviewpartnerin sagte, dass „Männer in Führungspositionen noch sehr traditionell denken (…). Die leben auch selbst ein traditionelles Familienbild“. Ist die Schilderung ein Einzelfall?

von Garmissen: Nein, das haben wir aus verschiedenen Häusern gehört. Und das hat natürlich Auswirkungen: Männliche Führungskräfte, die selbst ein konservatives Familienmodell leben – die Frau hat maximal eine halbe Stelle und kümmert sich zu Hause um die Kinder –, empfinden auch im beruflichen Umfeld wenig Handlungsdruck, andere Modelle auszuprobieren.

Die Deutschlandkarte zeigt die 100 von ProQuote Medien gezählten Regionalzeitungen und das Geschlecht ihrer jeweiligen Chefredakteure oder Chefredakteurinnen. Stand: Frühjahr 2019. | Deutschlandkarte: ProQuote Medien/Annette Filitz
Die Deutschlandkarte zeigt die 100 von ProQuote Medien gezählten Regionalzeitungen und das Geschlecht ihrer jeweiligen Chefredakteure oder Chefredakteurinnen. Stand: Frühjahr 2019. | Deutschlandkarte: ProQuote Medien/Annette Filitz

JOURNAL: Nachrichten passieren nun mal auch nach 16 Uhr. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt aber eine große Rolle. Wie kann Bewegung in die Sache kommen?

von Garmissen: Beruf und Familie im tagesaktuellen Journalismus miteinander zu vereinbaren ist eine Herausforderung, da beißt die Maus keinen Faden ab. Es gibt aber Wege und Möglichkeiten, die unserer Ansicht nach noch viel zu wenig genutzt werden. Dazu gehören flexible Arbeitsmodelle wie geteilte Stellen, bei denen die eine Kraft zum Beispiel immer vormittags da ist, die andere immer nachmittags. Oder Teilzeitstellen, die nach einer gewissen Zeit wieder aufgestockt werden können. Größere Verlage können Eltern unterstützen, indem sie Betriebskitas gründen, die die Randzeiten abdecken. Vielen ist auch schon geholfen, wenn die ohnehin überkommene Präsenzpflicht in der Redaktion aufgehoben wird. In Sachen Homeoffice und selbstbestimmtes Arbeiten hat die Coronapandemie tatsächlich einiges in Gang gesetzt, was vorher als undenkbar galt – das haben uns mehrere Befragte geschildert.

JOURNAL: Zum Teil sind die Schilderungen des Redaktionsalltags erschreckend: „Wenn es gut lief, wurde es ignoriert, und wenn es schlecht lief, wurde man angebrüllt.“ Ändert sich ein solcher Führungsstil?

von Garmissen: Ich hoffe das. Dieses Führungsverhalten ist unerträglich. In unserem Panel bilden solche bedrückenden Erfahrungen zum Glück auch die Ausnahme. Aber die Tatsache, dass es immer noch Redaktionen gibt, die in den Händen cholerischer Chefs liegen, finde ich sehr erschreckend. Ein Grund mehr, öffentlichen Druck zu machen.

JOURNAL: Wann wollen Sie überprüfen, ob sich etwas geändert hat?

von Garmissen: Ein Datum kann ich noch nicht nennen, da wir ja gerade erst unsere Ergebnisse veröffentlicht haben. Aber klar ist: ProQuote Medien wird die Situation im Auge behalten. ||

Die Fragen stellte Mareike Weberink.||

www.pro-quote.de

Ein Beitrag aus JOURNAL 2/21, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im April 2021.

Das könnte sie auch interessieren

Verlagsveröffentlichung - Branchenspecial

Aus- und Weiterbildung für Journalisten

Lebenslanges Lernen ist für Journalisten notwendiger denn je – denn kaum eine andere Branche ist derzeit so im Wandel wie der Journalismus. Der DJV-NRW hat aus diesem Grund bereits 2009 ein Bildungsreferat eingerichtet. Damit möchte der Landesverband den Markt der journalistischen Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen transparenter machen: zum einen durch einen Überblick über aktuelle Angebote in NRW und zum anderen durch Impulse für neue Seminarthemen.

Die Arbeit des Referates gliedert sich in zwei Schwerpunkte: An erster Stelle steht die Kooperation des DJV-NRW mit Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen. Diese bieten DJV-Mitgliedern Seminare und Workshops zu vergünstigten Konditionen an (ein Überblick findet sich auf der folgenden Seite). Zweitens konzipiert das Bildungs-­referat auch eigene Seminare zu gewerkschaftlichen und berufsspezifischen Themen. „Der DJV-NRW versteht sich dabei ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu den Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen“, sagt Bettina Blaß, Bildungsbeauftragte beim DJV-NRW. „Wir beobachten die Veränderungen und Tendenzen im Journalismus und bieten darauf zugeschnittene Seminare an, um unsere Mitglieder fit für die Zukunft zu machen“, erklärt sie.

Weitere Informationen:
Bildungsbeauftragte Bettina Blaß freut sich über Fragen und Anmerkungen zum Thema Weiterbildung.
Tel.: 0221 48535326
E-Mail: bettina.blass@djv-nrw.de

Zum Pressestellenverzeichnis