Reporter statt Papageien

20. Februar 2019, Frank Stach, Landesvorsitzender DJV-NRW

Seymour Hersh, die amerikanische Reporterlegende, beschreibt sich selbst als Überlebenden aus dem Goldenen Zeitalter des Journalismus. Im Einleitungskapitel seiner gerade auf Deutsch erschienen Biografie gibt er sich düster: „Durch den Mangel an Zeit, Geld oder fähigen Mitarbeitern werden wir von ‚Er sagte, sie sagte‘-Berichten bombardiert, bei denen den Reportern oft nur die Rolle eines Papageien zukommt.“ Seine Karriere, in der er als freiberuflicher Reporter sogar dem regierenden Präsidenten das Leben schwer machen konnte, wäre heute wohl so gar nicht mehr möglich, schreibt er.

Ganz jenseits der Diskussion über Claas Relotius mit seinen erfunden Reportagen ist das Leben von Seymour Hersh in meinen Augen sozusagen die Blaupause für guten, richtigen Journalismus. Leser, Zuschauer und Zuhörer sind weniger am Gerücht interessiert, sie wollen vorrangig wissen, was tatsächlich passiert ist. Allerdings neigt der Mensch auch zu Klatsch und Tratsch, eigene Weltsichten werden absolut gesetzt. Und seit jeder als Sender unterwegs sein kann, erfährt manche Außenseiterposition eine Aufmerksamkeitsexplosion. Netzwerke mit politischen, finanziellen oder anderen Interessen können einfacher als früher Meinungen verbreiten und auch manipulieren. Damit bestimmen sie viel zu oft die öffentlichen Debatten. Seymour Hersh erinnert daran, worin die Werte des Journalismus liegen: faktenorientiertes Berichten.

Aber dazu brauchen Reporterinnen, Redakteure und Journalisten Freiräume, und genau diese Freiräume schwinden immer mehr, wie wir als DJV in NRW erleben. Auch den kreativen Freiräumen für Kamerafrauen, Fotografen, Cutter und Producerinnen werden zunehmend enge Grenzen gesetzt. So entsteht eine journalistische Welt, die auf Effizienz, Ausspielwege und Crossmedialität setzt, nicht aber auf Inhalte, Recherche und Qualität, die eigentlich die Leitplanken sein sollten.

Die lohnende Lektüre dieser Reporterbiografie belegt, dass im Mittelpunkt immer die Fakten stehen – und die Leserinnen, Zuschauer oder Hörerinnen, die gut informiert eigene Schlüsse ziehen sollen. Leider sind solche einfachen Gewissheiten keine Selbstverständlichkeit mehr.

 

Ein Beitrag aus JOURNAL 1/19 – dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Februar 2019.

 

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Verlagsveröffentlichung - Branchenspecial

Aus- und Weiterbildung für Journalisten

Lebenslanges Lernen ist für Journalisten notwendiger denn je – denn kaum eine andere Branche ist derzeit so im Wandel wie der Journalismus. Der DJV-NRW hat aus diesem Grund bereits 2009 ein Bildungsreferat eingerichtet. Damit möchte der Landesverband den Markt der journalistischen Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen transparenter machen: zum einen durch einen Überblick über aktuelle Angebote in NRW und zum anderen durch Impulse für neue Seminarthemen.

Die Arbeit des Referates gliedert sich in zwei Schwerpunkte: An erster Stelle steht die Kooperation des DJV-NRW mit Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen. Diese bieten DJV-Mitgliedern Seminare und Workshops zu vergünstigten Konditionen an (ein Überblick findet sich auf der folgenden Seite). Zweitens konzipiert das Bildungs-­referat auch eigene Seminare zu gewerkschaftlichen und berufsspezifischen Themen. „Der DJV-NRW versteht sich dabei ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu den Bildungsträgern in Nordrhein-Westfalen“, sagt Bettina Blaß, Bildungsbeauftragte beim DJV-NRW. „Wir beobachten die Veränderungen und Tendenzen im Journalismus und bieten darauf zugeschnittene Seminare an, um unsere Mitglieder fit für die Zukunft zu machen“, erklärt sie.

Weitere Informationen:
Bildungsbeauftragte Bettina Blaß freut sich über Fragen und Anmerkungen zum Thema Weiterbildung.
Tel.: 0221 48535326
E-Mail: bettina.blass@djv-nrw.de

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