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Zu vieles noch ungewiss

Die Programmreform beim Deutschlandfunk besorgt nicht nur Freie
13. Oktober 2026, Corinna Blümel

Montagfrüh vor dem Hochhaus des Deutschlandfunks (DLF) im Kölner Süden: Wer am 7. September zur regulären Mitarbeitendenversammlung ins Funkhaus kam, lief oder fuhr an der Mahnwache vorbei, zu der Gewerkschaftsmitglieder in der Freienvertretung aufgerufen hatten. Mit zwei großen Bannern wiesen die Kolleginnen und Kollegen auf die ungewisse Situation der Freien hin: Wenige Wochen vor Umsetzung der großen Programmreform beim DLF ist für viele langjährige Freie nicht klar, ob und wie sie im künftigen Programm ihren Platz und ihre Aufträge finden werden.

Bekannt ist zu diesem Zeitpunkt, dass mit dem neuen Programmschema ab 30. November Sendungen wie „Tag für Tag“, „Forschung aktuell“, „Büchermarkt“, „Wirtschaft am Mittag“ oder „Campus und Karriere“ entfallen werden. Ein tiefer Einschnitt für die Redaktionen und ihre Freien genauso wie für die treue Stammhörerschaft.

Dabei bleiben die Fachredaktionen erhalten. Sie sollen ihre Inhalte in längeren Magazinen und Schwerpunktsendungen des linearen Programms präsentieren sowie in neuen digitalen Formaten, die teils noch entwickelt werden. Vor allem sollen sie ihre Angebote stärker den aktuellen, reichweitenstarken Informationsstrecken zuliefern. Wie gut das gelingt, wenn sie ihre Spezialthemen gegeneinander „pitchen“ müssen, wird sich ab Dezember zeigen.

Ungewissheit für die Freien

Was genau das alles für die Freien in diesem Bereich bedeutet, ist im September noch nicht klar, erzählen Britta Wagner und Vivien Leue, Erstere Vorsitzende und Zweitere Mitglied der Freienvertretung sowie Beisitzerin im DJV-NRW-Landesvorstand. Wie finden Beiträge in der neuen Struktur ihren Platz? Klappt das auch für Nischenthemen? Wie finden Hörerinnen und Hörer künftig „ihre“ Inhalte, für die sie den Deutschlandfunk bisher einschalten? Und nicht zuletzt: Wie wird das Programm eigentlich künftig klingen? Bleibt ein eigener DLF-Ton oder wird es sich anhören wie andere öffentlich-rechtliche Wortprogramme?

Entscheidung für die große Reform

Es ist eine Frage, die Medienhäuser seit Jahren umtreibt: Wie lange vertrauen sie auf bewährte Formate? Ab welchem Punkt richten sie das Programm an aktuellen Nutzungsgewohnheiten und an bisher nicht erreichten Zielgruppen aus? Wer behutsam und in kleinen Schritten vorgeht, riskiert über Jahre latente Unruhe im Haus. Wer den radikalen Schnitt macht, schafft größeren Schrecken bei Festen und Freien, den aber dafür zeitlich begrenzt.

Der Deutschlandfunk (DLF) hat sich für die zweite Option entschieden und arbeitet seit rund zwei Jahren an einer grundlegenden Programmreform. Es ist die erste, seit der Sender 1994 im Deutschlandradio aufging (siehe Kasten „Geschichte des Deutschlandfunks“). Dabei soll das bisher stark gegliederte lineare Programm mit kurzen Einzelsendungen zugunsten längerer Sendestrecken, Magazine und Schwerpunktsendungen weichen. Zugleich sollen Hörerinnen und Hörer verstärkt ins Digitale gelockt werden und Fachinhalte in der Audiothek nutzen.

Geschichte des Deutschlandfunks
Der Deutschlandfunk (DLF) wurde 1962 gegründet, als deutsch- und fremdsprachiges Auslandsprogramm für die DDR, Osteuropa und die westeuropäischen Nachbarländer. Innerhalb von Deutschland durfte der DLF nicht flächendeckend senden. Nach der Wiedervereinigung änderte sich das. Die Europa-Abteilung wechselte mit ihren Fremdsprachenprogrammen 1993 zur Deutschen Welle. 1994 ging der DLF mit dem West-Berliner RIAS und dem ehemaligen DDR-Sender Deutschlandsender Kultur in der neuen Körperschaft Deutschlandradio auf. Das Sendegebiet umfasst heute das gesamte Bundesgebiet. Unter den drei eher wortlastigen Deutschlandradio-Programmen – Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova – zeichnet sich der Erstgenannte durch einen besonders hohen Wortanteil aus./cbl

Hinter dem geplanten Umbruch steht die grundsätzliche Frage nach der Zukunft des linearen Radios. Das bisherige DLF-Programmschema setzt darauf, dass einzelne Sendungen gezielt eingeschaltet werden, weil der Inhalt interessiert. Das ist genau, was Hörerinnen und Hörer schätzen, wie aus vielen Gesprächen zu hören ist.

Was die Medienforschung sagt

Der allgemeinen (nicht DLF-spezifischen) Mediennutzungsforschung zufolge ist Radio primär längst Begleitmedium: Wer Zeit zum Hören hat, sucht das passende Programm – meist zu festen Zeiten, etwa beim Frühstück oder im Auto auf dem Arbeitsweg. An den „Drive Times“ mit der höchsten Audionutzung richten viele Sender seit Jahren ihr Programm aus.

Aktueller ist ein zweiter Trend: Wer sich für bestimmte Inhalte interessiert, hört zunehmend „on demand“, nutzt also die Audiotheken. Allerdings zeigen Erfahrungen nicht nur im DLF, dass aufgezeichnete Sendungen in der Regel unbeliebter sind als Angebote, die direkt fürs Netz produziert werden. Um das Non-Lineare mit eigenständigen Formaten zu stärken, schichtet der DLF aus dem Linearen um, so wie es auch andere Sender tun.

Nicht zuletzt geht es darum, den „Generationenabriss“ zu verhindern. Dieser droht überall dort, wo es Medien nicht gelingt, jüngere Nutzende für sich zu gewinnen. Eine besondere Herausforderung für den Deutschlandfunk mit seiner eher älteren Hörerschaft.

Auch ein Auftrag der Medienpolitik

Zwar arbeitet der DLF an seiner Programmreform seit zwei Jahren und aus eigenem Antrieb. Aber heute müsste er zumindest Teile davon sowieso in Angriff nehmen: Der Ende 2025 verabschiedete Medienänderungsstaatsvertrag enthält für die Öffentlich-Rechtlichen den expliziten Auftrag, jüngere Zielgruppen zu erreichen. Auch der Ausbau digitaler Angebote steht – neben Themen wie mehr Kooperationen unter den Sendern und einem verstärkten Dialog mit dem Publikum – auf dem medienpolitischen Aufgabenzettel.

Die DLF-Senderspitze sieht sich dabei auf gutem Weg zu einem vielfältigen Angebot mit thematischer Breite und fachlicher Tiefe. Teile des Stammpublikums und der Mitarbeitenden fürchten dagegen eine Verflachung und eine Konzentration auf Themen, die andere Medien sowieso behandeln. Diese Sorge formuliert auch eine Petition gegen die Reform und lobt das aktuelle Programm, das „gut informierte, höchst interessant aufbereitete, unaufgeregte und verlässliche Informationen“ biete. Auch Mitglieder im DLF-Hörfunkrat, der sich in der Sitzung am 10. September zum wiederholten Mal mit der Reform befasste, befürchten einen Verlust der publizistischen Tiefe und warnen vor einer Abkehr treuer Stammhörer, wie epd Medien berichtete.

Ob die versprochene Kombination aus thematischer Breite und fachlicher Tiefe gelingen wird? Das erfüllt auch die Freien, von denen viele für Fachredaktionen arbeiten, mit Skepsis: „Themenvielfalt ist ja das, wofür der Deutschlandfunk steht“, sagt Vivien Leue. „Aber wir haben die Sorge, dass genau diese Vielfalt abnehmen wird.“ Und Britta Wagner weist darauf hin, „dass sich Freie auf Dauer eine Spezialisierung nur leisten können, wenn sie gute Chancen sehen, ihre Beiträge im Programm unterzubekommen. Das könnte in Zukunft schwieriger werden.“

Wie zu hören ist, verschickt der Sender nach und nach sogenannte Einschränkungsmitteilungen an betroffene Freie – als Zeichen, dass sie sich darauf einstellen müssen, beim DLF künftig weniger zu verdienen. Für Unmut sorgt zudem, dass sich etliche freie Kolleginnen und Kollegen langwierigen Bewerbungs- und Castingverfahren unterziehen müssen, auch wenn sie seit vielen Jahren „on air“ sind. Dabei sind sich Freienvertretung und Personalrat einig: Der Deutschlandfunk braucht auch in Zukunft die Expertise der Freien.

Bei einer digitalen Info-Schalte am 9. September hat unter anderem DJV-NRW-Justiziar Christian Weihe über die Rechte der arbeitnehmerähnlichen Freien informiert. Für Mitglieder steht das DJV-NRW-Justiziariat auch weiterhin gerne zur Verfügung.||

Ein Beitrag aus JOURNAL 3/26, dem Medien- und Mitgliedermagazin des DJV-NRW, erschienen im Oktober 2026.